Schneeunfall

Mieterin rettete Verschüttetem wohl das Leben

Das Tauwetter verursacht tödliche Gefahren in der Stadt, gewaltige Schneemassen stürzen von den Dächern. Einen Hausmeister hätte dies beinahe das Leben gekostet - hätte eine Anwohnerin ihm nicht sofort geholfen.

Foto: schroeder / Thomas Schroeder

Nach den heftigen Niederschlägen lauern stadtweit nun tödliche Gefahren in Berlin: Schmelzende Eis- und Schneemassen rutschen bei den nun steigenden Temperaturen von den Dächern und können so schwerste Verletzungen bei Passanten verursachen. Seit dem 25. Dezember ist die Feuerwehr mehr als 1700 Mal ausgerückt, um solche Gefahrenstellen zu beseitigen. Am Silvestertag wurde ein Hausmeister in Wedding von einer abgehenden Lawine beinahe erschlagen, Nachbarn reanimierten den zunächst leblosen Mann in einem Hinterhof. Er liegt immer noch auf der Intensivstation eines Krankenhauses.

Von Nachbarn wiederbelebt

Nach Angaben eines Polizeibeamten hat das Opfer sein Leben offenbar einer geistesgegenwärtigen und beherzten Nachbarin zu verdanken, die die Tragödie beobachtete und geistesgegenwärtig Hilfe herbeirief. Virginia H. hatte am 31. Dezember gegen 14.15 Uhr gerade mit ihrem Vater telefoniert, als in dem Hinterhof des sechsgeschossigen Wohnhauses an der Soldiner Straße ein Eis- und Schneeblock in die Tiefe rutschte.

„Bei Telefonaten laufe ich mit meinem schnurlosen Apparat immer durch meine Wohnung und schaue oft auch aus dem Fenster. Ich sah, wie der Mann in sich zusammensackte, und beendete sofort das Gespräch. Nachdem ich über die Notrufleitung 112 die Feuerwehr informiert hatte, öffnete ich die Fenster und rief laut um Hilfe.“ Dieses schnelle Handeln und die Hilferufe retteten dem Opfer vermutlich das Leben: Zwei Anwohner des Hauses waren auf den Zwischenfall aufmerksam geworden. Sie kümmerten sich sofort um den Verletzten im Hof. Denn zu diesem Zeitpunkt war der 53 Jahre alte Dabak Ö. bereits leblos. Die beiden Männer holten ihn durch eine Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung ins Leben zurück. Eine Notarztwagenbesatzung des Arbeiter-Samariter-Bundes übernahm wenig später die akute Behandlung und transportierte ihn wenig später in die Charité in Wedding, wo sich die Ärzte der Intensivstation immer noch um ihn kümmern. Am Sonnabend hieß es, sein Zustand sei zwar kritisch, aber nicht mehr lebensbedrohlich. Die Verletzungen am Kopf hätten aber durchaus den Tod des 53-Jährigen herbeiführen können. Wann er aus der Klinik entlassen werden kann und ob er bleibende Schäden durch die Stauchung der Wirbelsäule davontragen wird, ist noch unklar.

Wie sich später bei den Ermittlungen der Polizei herausstellte, hatte der dort in einer islamischen Einrichtung wohnende Hausmeister gerade den Hinterhof des Mehrfamilienhauses frei fegen wollen, als er von dem nassen und schweren Schnee getroffen wurde.

Der beinahe tödliche Zwischenfall hat Virginia H. verunsichert. „Ich habe nach dem Erlebten erheblichen Respekt vor Schnee auf den Dächern. Wenn ich mich auf den Straßen bewege, schaue ich öfter nach oben als sonst und vermeide es auch, direkt unter den Dachkanten zu gehen, sondern bewege mich mehr auf der Gehwegmitte.“

Ein Rat, den auch die Feuerwehr den Berlinern gibt. „Es ist bei diesen Witterungsverhältnissen ratsam, aufmerksam zu sein und sich wann und wo immer es geht die Dächer anzuschauen, unter denen man entlanggeht“, so ein Sprecher. Die Berliner Feuerwehr tue zudem alles in ihrer Macht Stehende, um Gefahrenstellen schnellstmöglich zu beseitigen. „Dabei sind wir natürlich auch auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Wenn jemand Bedenken wegen instabiler Schneemassen auf einem Dach hat, sollte er sich an die Feuerwehr oder auch an die Polizei wenden.“

Doch auch die Retter der Feuerwehr stoßen bei den winterlichen Verhältnissen an ihre Grenzen. So wurden allein am vergangenen Dienstag in Berlin mehr als 90 Drehleitereinsätze von der Leitstelle angeordnet, um Eis- und Schneemassen kontrolliert von Dächern zu entfernen – stadtweit stehen 15 solcher Drehleiterfahrzeuge zur Verfügung. „Die Kollegen sind von einem drohenden Dachlawine zur nächsten gefahren“, so ein Angehöriger der Berufsfeuerwehr. „Und es ist ja nicht nur mit diesem einen Fahrzeug sowie der entsprechenden Besatzung getan, zusätzlich muss umfangreich abgesperrt werden.“ Dies binde zusätzliche Einsatzkräfte sowie Polizeieinheiten.

Tauwetter lässt Rohre platzen

Durch die derzeitigen Temperaturen knapp über null Grad könnte sich das Problem allerdings demnächst erledigen. „Durch das Tauwetter verschwindet der Schnee. Wenn es keine neuen Niederschläge gibt, könnte es so etwas wie Entlastung geben“, so der Feuerwehrsprecher. Die nächsten Probleme gingen damit allerdings einher – mit zunehmender Wärme platzen Rohre, die zuvor durch die klirrende Kälte Risse bekommen hatten und durch die nun wieder Wasser fließe. Sollte es in den kommenden Tagen allerdings wieder frieren, würde im Gegenzug die Zahl der Verkehrsunfälle durch eisglatte Straßen wieder steigen.