Intergration

Wie Nimet ihrer türkischen Ehe-Hölle entkam

Mit 16 wurde Nimet Anatolien zu eng. Ein Türke aus Berlin brachte sie nach Deutschland. Doch ausgerechnet hier lernte sie Unterdrückung und islamischen Fundamentalismus kennen. Schließlich befreite sie sich - und fand ihre große Liebe.

Foto: Christian Kielmann

ls Nimet 16 Jahre alt wurde, fand sie, dass es an der Zeit war zu heiraten. Einen Bräutigam hatte sie noch nicht. Aber eine unbändige Neugierde auf die Welt, die jenseits der anatolischen Berge liegen musste.

Wie diese Welt aussah, wusste Nimet. Diese Welt war vor allem eins: bunt. Das hatte sie bei ihren Nachbarn gesehen. Alles bei denen war bunt: die Schulranzen, die Stifte, die Radiergummis, die Pullover und T-Shirts, sogar die Schuhe. Alles war rosa und rot, türkis und blau, lila, gelb, orange und grün. Und alles war aus Deutschland. Deutschland war ein buntes Land, ein herrliches Land.

"Ein Märchenland", sagt Nimet. In Deutschland hatten die Eltern der Nachbarskinder gearbeitet. Von dort waren sie nach Anatolien zurückgekehrt und hatten all diese glitzernden Herrlichkeiten mitgebracht. Auch den Farbfernseher, den Videorekorder und viele, viele bunte Disneyfilme. Nimet schwelgte in den Filmen und in den Schulsachen der Nachbarskinder, und der Neid auf diese Dinge nagte in ihr. Bald fasste sie einen Entschluss: Wenn ich groß bin, will ich dahin, nach Deutschland, ins Märchenland.

Wenn Nimet an diesen Teil ihrer Kindheit denkt, lacht sie. Sie lacht über sich selbst und darüber, wie naiv sie als junges Mädchen war. Ein Stück des Märchenlandes hat sie sich heute eingerichtet - eine Vier-Zimmer-Altbauwohnung in Berlin-Steglitz. Fast alle Möbel haben schwedische Namen. Nimet kauft gern bei Ikea ein. Und wenn sie andere Berliner besucht, dann sagt sie: Ach, du hast den "Persby"-Teppich, den haben wir auch. Und die Bettwäsche und das Sofakissen. Gemütlich ist es bei ihr, im dritten Stock. Eine Mischung aus deutscher, türkischer und schwedischer Gemütlichkeit. Doch der Weg hierher war lang.

Kochen, backen, waschen und putzen

Er begann in Elazig. Elazig liegt im Osten der Türkei. Eine Gegend, die in ihren Traditionen haftet. Männer verdienen das Geld, Frauen besorgen Haushalt und Kinder. Traditionen, die die junge Nimet auch in ihren rebellischsten Träumen nicht in Frage gestellt hätte. Das Kopftuch trug sie damals gern und selbstverständlich, obwohl sie wusste, dass es im Märchen-Deutschland verpönt war. Ohne Kopftuch fühlte sie sich nicht richtig angezogen. "So wie deutsche Frauen, wenn sie ohne BH auf die Straße gehen." Eine halbe Million Menschen leben in Elazig. Nimet nennt ihre türkische Heimatstadt trotzdem "Kleinstadt", denn sie erschien ihr damals klein. Klein und grau und langweilig, so langweilig.

Mit 14 hatte das Mädchen die Schule abgeschlossen. Danach blieb sie zu Hause und lernte von Großmutter und Mutter das, was alle jungen Türkinnen lernen müssen, um heiratstauglich zu werden: Kochen, backen, waschen und putzen. "So war das nun mal bei uns", sagt Nimet. Mädchen brauchen keine Berufe. Kinder sollen sie bekommen und die Familie versorgen. Das lernte man am besten zu Hause.

Viele wollten Nimet heiraten. Aber Nimet wollten keinen. Sie wollte keinen Türken aus der Nachbarschaft. Das hatte sie beschlossen.

Aber dann, als sie 16 war, kam der Antrag, auf den sie gewartet hatte. Er hieß Nuri, war 24 Jahre alt und hübsch genug. Und: Er lebte in Deutschland. Das allein machte ihn interessant für Nimet. Nuris Schwester überbrachte den Heiratsantrag. Natürlich hatte Nimet ihren Bräutigam noch nie zuvor gesehen. "Warum auch? Das ist bei uns nicht üblich." Nuri wollte Nimet nach Deutschland bringen. Allein darum wollte sie ihn.

Das ist jetzt 16 Jahre her. Seit 16 Jahren lebt Nimet in Berlin - aber es ist ein anderes Leben geworden als das rosabunte, von dem sie als Kind geträumt hatte. Nimet hat Tee gekocht. Tee kocht sie noch immer im zweistöckigen türkischen Samowar, oben Teekonzentrat, unten heißes Wasser. Der Tee soll eigentlich beruhigen und wärmen. Doch wenn Nimet an diesen Teil ihrer Lebensgeschichte denkt, zittert ihre Stimme ein wenig, und der Zorn zeichnet eine kleine Falte in die Mitte ihrer Stirn.

Nuri brachte Nimet nach Deutschland. Es dauerte nicht lange, bis das Märchenland entzaubert war. Nuri hatte es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Sein fester Job war frei erfunden. Er lebte von Sozialhilfe. Vom ersten Tag an. "Und er hatte auch keine Lust, das zu ändern." Statt arbeiten zu gehen, schloss er sich einer islamischen Gruppe an, nach deren Regeln die ganze Familie zu leben hatte. Nimet sollte mitten in Deutschland ein Leben führen, das auch nach ostanatolischen Maßstäben unerträglich rückständig war. Eine Frau, fand er, gehört in die Wohnung, zu den Kindern. Eine türkische Frau sollte türkisch sprechen, auch wenn sie in Wilmersdorf wohnt. Nimet fühlte, wie sie kleiner und kleiner wurde in ihrer Zweizimmerwohnung und wie die Häuser wuchsen und sie erdrückten.

Nach draußen kam sie nur in Begleitung ihres Mannes. Zum Kinderarzt, zum Sozialamt, zum Supermarkt - er begleitete sie. Er war ihr Dolmetscher und ihr Aufpasser. Er sagte: "Einer Frau kann man nicht trauen". Auch der eigenen Frau nicht. Die bunte deutsche Welt, in der sie nun lebte, war für Nimet noch immer genauso unerreichbar, wie damals. Nimet war ein rebellisches Kind gewesen. Sie hatte zu Hause immer gewusst, was sie wollte - und es meist bekommen. Dies hier, dass jemand sie klein machte, zum Opfer machte, war neu.

Kingergarten-Verbot für die Töchter

Als Nimet 17 Jahre alt war, kam Merve zur Welt, zwei Jahre später Meryem. Die beiden Mädchen sollten, genau wie die Mutter, zu Hause bleiben. Nuri verbot seinen Töchtern den Kindergarten. Er wollte aus ihnen streng muslimische Frauen machen. Nimet, die ihre religiösen Wurzeln nie angezweifelt hat, erlebte nun, dass ihr Mann ihren Töchtern all das verbieten wollte, was für sie den Charme des deutschen Gastlandes ausmachte: Sport und Schwimmen, Kino, Restaurant und Tanzen - alles aus einem Grund: weil sie Mädchen sind. Und wenn sie allein war, fragte sie: "Gott, Du hast mir diesen Mann zugemutet. Aber warum musstest Du mir nun auch noch Töchter schenken?" Allein war Nimet viel, denn Nuri verbot seiner Frau Kontakte zu Deutschen. Seine eigenen Gespräche mit Nimet waren nur dazu da, ihr Anweisungen zu geben oder ihr Vorwürfe zu machen. Und er wollte weitere Kinder. Möglichst viele.

Da begriff Nimet: "Er will mich fesseln. Er will mich einsperren. Ich soll seine Sklavin sein. Und dazu soll ich Kinder kriegen." Plötzlich stand ihr Entschluss fest: Sie musste weitere Schwangerschaften verhindern.

Zum nächsten Frauenarztbesuch erschien Nimet vorbereitet. Auf einen Zettel hatte sie das Wort "Verhütung" geschrieben, aus einem Wörterbuch. Sie zeigte es der Ärztin und stammelte "kein Baby". Sie hatte Glück. Die Ärztin verstand. Nicht nur, dass Nimet nicht mehr schwanger werden wollte, sondern auch, dass diese junge Türkin dringend Hilfe brauchte. Ohne viele Worte zu machen, verschrieb sie ihr die nötige Hilfe und kümmerte sich um die Finanzierung, denn Nimet hatte kein eigenes Geld. Nun war sie sicher vor weiteren Schwangerschaften, aber nicht sicher vor ihrem Ehemann, der immer weiter im islamischen Fundamentalismus versank, den Nimet aus der Türkei gar nicht kannte. Es dauerte weitere vier Jahre, bis sie sich auch von ihm befreite.

Nach insgesamt sieben Jahren Ehe-Martyrium brach Nimet zusammen. Der Mann, der versprochen hatte, sie ins Märchenland zu bringen, hatte sie mit seinem Misstrauen und seinem Alltagsterror krank gemacht. Sie kam in die psychiatrische Klinik. Hier lag sie - und dachte nach. Nächtelang, tagelang. Was soll werden? Wie kann ich weiterleben? Kann ich mein Leben weiterhin so vertun? Sie wünschte sich weit weg - am liebsten zurück nach Anatolien, wo ihre Jugendfreundinnen das Leben genießen konnten. Als Teil einer vertrauten Gemeinschaft, als Herrinnen des eigenen Haushalts. Mit gegenseitigen Besuchen zum Nachmittagsplausch, mit Großfamilie, mit Kindern, mit eigenem Geld und eigener Verantwortung. Ein lustiges Hausfrauenleben mit Kopftuch. "Sie hatten mich alle überholt", sagt Nimet und lacht wieder - diesmal ein bisschen bitter. Aber sie konnte nicht zurück. Das schlechtes Gewissen und die Angst vor Gesichtsverlust fesselten sie an Deutschland.

Vater stand ihr bei

Und die Angst vor dem Alleinsein in der Fremde schien sie an Nuri zu fesseln. Sieben Jahre mit ihm hatten ihr das Wertvollste genommen - ihr Zutrauen in sich selbst. Sie brauchte nicht nur die Hilfe der Ärzte, sondern Rat. Sie bekam ihn - von ihren Eltern.

In Nimets schwersten Tagen kamen sie aus Elazig nach Berlin, um ihr zu helfen und um ihr beizustehen - und es war ihr Vater, der sah, dass es so nicht weitergehen kann. Er hatte seine Tochter nicht nach Deutschland verheiratet, um sie hier verzweifelt und erniedrigt zu sehen. Eine türkische Frau lässt sich nicht von ihrem Mann oder vom Koran versklaven. Sie genießt ihr Leben und hält sich dabei an die Regeln. Diese Regeln hatten sich selbst in Nimets Heimat lange gewandelt. "Nur bei Nuri war das nicht angekommen." Heute, mit vielen Jahren Abstand, glaubt Nimet, verstanden zu haben, warum Nuri so war. "Er fühlte sich unterlegen. Hier in Deutschland aber auch mir gegenüber. Er hat Minderwertigkeitskomplexe. Der Islam gibt ihm Halt."

Damals dachte sie nicht über ihn nach. Nur über sich. Nach drei Wochen im Krankenhaus und langen Gesprächen mit dem Vater stand für Nimet fest: Ich gehe nicht zurück zu Nuri.

"Ich habe viel Pech gehabt im Leben, aber auch viel Glück", sagt Nimet und lehnt sich lächelnd in ihren Küchenstuhl. Sie schenkt Tee nach, der in einem türkischen Haushalt nie ausgehen darf. Sie lächelt und erinnert sich: "Das größte Glück war, dass ich in Deutschland immer wieder Menschen getroffen habe, die mir helfen wollten", sagt Nimet, die heute, sechs Jahre nach ihrer Selbstbefreiung aus der Ehe, ein fast akzentfreies Deutsch spricht. Nimet verließ Nuri. Das Berliner Sozialnetz fing sie auf. Sie zog in eine Zufluchtwohnung, später in ein Wohnungsprojekt für hilfebedürftige ausländische Frauen.

Sie kämpfte auch ihre Kinder frei, die Nuri wie ein Pfand behalten hatte. Nimet lernte die deutsche Justiz kennen - und schätzen. Ein Prozess folgte auf den anderen. "Sechs oder sieben waren es locker." Der Kampf um die Scheidung, und dann der Kampf um die Kinder. Natürlich wollte Nuri die Kinder nicht herausgeben. Den psychischen Zusammenbruch, in den er seine Frau getrieben hatte, wollte er nun gegen sie verwenden: Eine psychisch Kranke kann sich nicht um ihre Kinder kümmern, trug er vor - und hatte Erfolg vor Gericht. Doch im Revisionsprozess erklärte Nimet, wie es dazu gekommen war. Nuri verlor das Aufenthaltsbestimmungsrecht für seine Kinder - die er freilich noch immer nicht herausgeben wollte. Erst der Staatsgewalt beugte er sich schließlich, die mit Polizeischutz und Gerichtsvollzieher Nimets Recht auf ihre Töchter durchsetzte.

Und dann, als sie ihre Kinder wieder bei sich hatte, als sie anderthalb Zimmer, eine Küche und ein Badezimmer für sich allein und dazu das Recht hatte, diese Wohnung, ihre Kinder und ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, begann für Nimet endlich ein neues Leben.

Noch immer, nach mehr als sieben Jahren in Deutschland, sprach sie kaum ein Wort deutsch. Aber jetzt sollte alles anders werden. "Ich lernte jeden Tag etwas Neues. Ich war glücklich." Erst die deutsche Sprache, ihre Kultur, ihre angenehmen Selbstverständlichkeiten. Sie lernte Menschen kennen, schloss Freundschaften, verabredete sich, ging aus.

Und vor allem: Sie und ihre Töchter lernten. An der Letteschule, einer Berufsschule im Berliner Stadtteil Schöneberg, machte Nimet erst den Erweiterten Hauptschulabschluss, dann eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsfachfrau und dann, weil sie nicht lassen konnte von der Letteschule und vom Lernen, den Abschluss als "Hauswirtschaftliche Betriebsleiterin". Und ihre Töchter lernen an einem Steglitzer Gymnasium für das Abitur.

Die Freude am Lernen und die Freiheit zu lernen waren das, was Nimet an ihrem neuen Leben am meisten genoss.

Ikea-Einkauf mit Folgen

Abgesehen von Lars natürlich. Sie lernte ihn kennen, als sie Hochbetten für ihre Töchter kaufte - "bei Ikea natürlich". Lars arbeitet bei Ikea. Nimet wollte Rabatt heraushandeln. Das kann sie nicht lassen, denn das sind die türkischen Regeln. Oft genug funktionieren sie auch in Deutschland. Aber Lars ließ sie abblitzen. Er musste sie abblitzen lassen. Das sind die schwedischen Regeln.

Doch Lars ist natürlich gar kein echter Schwede. Nachdem der Mann sie, rein dienstlich, hatte abblitzen lassen, signalisierte er, rein privat, dass Nimet ihm gefiel. Und er gefiel ihr.

Die Begegnung mit Lars hat Nimet noch mehr davon überzeugt, dass es gut sein muss, mit Billy und Ektorp, mit Persby und Faktum zu leben. Seit zwei Jahren sind Lars und Nimet zusammen - und mit ihm ist ein neues Glück in die Familie gekommen. Ihre Töchter, aber auch Nimets Vater, der Grundschullehrer in Elazig, wissen, dass Nimet auf dem richtigen Weg ist. Nur Nimets Mutter ist traurig. Sie fürchtet sich mehr vor den missbilligenden Blicken der Nachbarn, und die Angst vor einem schlechten Ruf ist stärker als die Angst vor einem schlechten Leben ihrer Tochter. Nimet nimmt es gelassen. "Ich lebe nur für mich", sagt sie, und sieht glücklich aus. Und stolz.

Manchmal fragt sie sich, wo sie eigentlich zu Hause ist. Sie spricht deutsch, aber sie denkt auf Türkisch. Sie kleidet sich deutsch, aber sie träumt und zählt türkisch. Und dennoch: "Ich bin keine Deutsche, aber ich bin mehr Deutsche als Türkin. Hier ist meine Heimat. Hier bin ich zu Hause."

Die Türkei bleibt das Land der Träume und der Ferien. Hier wird Urlaub gemacht. Mit Merve und Meryem. Und mit Lars. Nimets Vater mag Lars. Lars mag Nimets Eltern. Nimets Mutter wird sich an Lars gewöhnen, wie sie sich auch an Nimets Leben als geschiedene, freie Frau in Deutschland gewöhnen müssen wird. Unterdessen lernt Lars fleißig türkisch. An der Volkshochschule.