Ex-Senator

Thilo Sarrazin - "Berlin wird schlecht regiert"

Thilo Sarrazins Lesungen sind immer noch ausverkauft, sein Buch steht weiter auf Platz eins der Bestseller-Liste. Der ehemalige Berliner Finanzsenator im großen Morgenpost-Interview über Missverständnisse, Angela Merkel und das Wahljahr in der Hauptstadt.

Der Autor des erfolgreichsten Sachbuches der Nachkriegszeit ist ganz entspannt. In Jeans und rotem Pullover empfängt Thilo Sarrazin in seinem Haus in Westend. Joachim Fahrun, Claus Christian Malzahn und Andrea Seibel sprachen mit dem früheren Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand über sein Buch „Deutschland schafft sich ab", sein Thema Einwanderer, sein Leben als freier Publizist, Missverständnisse, Angela Merkel und das Wahljahr in der Hauptstadt.

Morgenpost Online: Vermissen Sie eigentlich die Privilegien, Dienstwagen, Büro, Referent, die Sie ja 20 Jahre genossen haben? Vermissen Sie den Status eines wichtigen Politikers oder Bundesbank-Vorstandes?

Thilo Sarrazin: Wenn ich jetzt U-Bahn fahre oder auf der Straße gehe, dann misst mir die Reaktion der Leute einen höheren Status zu, als ich ihn je gehabt habe. Die Wichtigtuerei jener Amtsträger, die ihr Selbstbewusstsein aus ihrem Fahrer und ihrem Aktentaschen tragenden Referenten zogen, fand ich immer lächerlich. Obwohl ich zugebe: Ein Fahrer ist etwas sehr Angenehmes. Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich 20 Jahre meines Berufslebens einen persönlichen Fahrer hatte. Wenn ich nachher zum Auto rausgehe und das erst mal frei fegen muss und kalte Hände kriege … das ist ja schrecklich. Da hatte ich früher wirklich Komfort. Aber ich wusste immer, dass das irgendwann mal vorbeigeht. Abgesehen davon: Wenn ich wollte, könnte ich auch jetzt einen Limo-Service bestellen. Dass ich das nicht tue, zeigt, dass es mir dann doch nicht so wichtig ist.

Morgenpost Online: Ihre Lesungen sind immer noch ausverkauft, Ihr Buch steht weiter auf Platz eins der Bestseller-Liste. Wie erklären Sie sich das?

Thilo Sarrazin: Fragen Sie nicht mich, fragen Sie die Leute. Als ich als Finanzsenator von Berlin Vorträge gehalten habe, waren nur jene Veranstaltungen gut besucht, die nicht von der Partei organisiert waren. Auf Parteiveranstaltungen waren die meisten Teilnehmer jenseits der 50. Jetzt beeindruckt mich vor allem der hohe Anteil von jungen Leuten in meinen Lesungen und Diskussionsveranstaltungen. Es sind Leute aller Altersklassen und aller Bildungsschichten, die mein Buch zum großen Teil gelesen haben.

Morgenpost Online: Sie taugen gut zum Messias?

Thilo Sarrazin: Ich bin lediglich ein Autor, den die Menschen gerne lesen und hören. In meine Veranstaltungen kommen viele Bürger, die die Politik offenbar nicht erreicht.

Morgenpost Online: Bisher sind Sie also noch nicht in ein Loch gefallen, das man ja manchmal spürt, wenn so eine große Sache wie Ihr Buch geschafft ist?

Thilo Sarrazin: Im Augenblick bin ich viel unterwegs und komme zu nichts. Im Jahr 2011 mache ich neue Veranstaltungstermine außerhalb Berlins im Regelfall nur noch donnerstags. Ich muss ja mal wieder in einen vernünftigen Lebensrhythmus kommen.

Morgenpost Online: Haben Sie schon Job-Angebote?

Thilo Sarrazin: Ich bin ab sofort und bis an mein Lebensende selbstständig tätig als freier Publizist.

Morgenpost Online: Welches Thema ist als nächstes dran?

Thilo Sarrazin: Ich weiß noch nicht, worüber ich als Nächstes schreiben werde.

Morgenpost Online: Kommen Sie eigentlich viel zum Lesen?

Thilo Sarrazin: Ich lese viel, in der Bahn vor allem. Ich habe gerade den neuen Roman von John Le Carré gelesen und den Insel-Almanach 2009 über China.

Morgenpost Online: Sie mögen ja auch Goethe sehr.

Thilo Sarrazin: Mein Vater war ein Goethe-Kenner, und daher bin ich mit einer großen Ausstattung von Goethe-Zitaten ins Leben gegangen. Das kann man wunderbar ausbauen. Es gibt kaum ein Feld des praktischen und geistigen Lebens, zu dem Goethe sich nicht geäußert hätte. Zum Beispiel zur Bildungspolitik: „Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogener wären.“ Oder: „Dreimal glücklich sind diejenigen zu preisen, die ihre Geburt sogleich über die unteren Stufen der Menschheit hinaushebt.“

Morgenpost Online: Gab es denn literarische Helden, die Sie mal hatten oder noch heute haben?

Thilo Sarrazin: Ich bin über das Heldentum hinaus.

Morgenpost Online: Vielleicht früher?

Thilo Sarrazin: Als ich 13 war, las ich von C. S. Forester die drei Hornblower-Romane. Da wollte ich kurzzeitig Marine-Offizier werden. Das wäre verheerend für die Marine geworden. Irgendwann hat mich Kim von Rud?yard Kipling sehr berührt. Da war ich 18. Mein Grundwissen von Indien stammt aus diesem Buch.

(steht auf und sucht die Ausgabe in seinem Bücherregal).

Morgenpost Online: Sind Ihre Bücher alphabetisch sortiert?

Thilo Sarrazin: Das ist die Grundordnung, aber ich habe überall einen entsetzlichen Bücherstau. Jetzt werde ich unter dem Dach neue Bücherregale bauen lassen. Dann wird wieder neu geordnet.

Morgenpost Online: Sie wirken entspannt und gut gelaunt.

Thilo Sarrazin: Thilo Sarrazin: Ich wirke meistens so.

Morgenpost Online: Aber das letzte Jahr war doch ziemlich aufregend.

Thilo Sarrazin: Ja. Es gilt das alte Churchill-Wort: Never complain, never explain. So wie sich ein Dichter weigert, seine Werke selbst zu interpretieren, so interpretiere ich auch nicht mein Buch.

Morgenpost Online: Sie fühlen sich nicht missverstanden?

Thilo Sarrazin: Missverstehen kann mich nur der, der sich bemüht, etwas zu verstehen.

Morgenpost Online: Sie sind Teil der politischen Klasse gewesen, haben die bundesrepublikanische Wirklichkeit kritisiert und sind dafür gestraft worden.

Thilo Sarrazin: Ja. Aber was haben wir dabei gelernt über die politische Klasse? Steht die politische Klasse nach der Bestrafung in besserem Ansehen als vorher? Letztlich habe ich Leute, die urteilen, ohne etwas zu kennen, noch nie sehr respektiert. All jene, die, von der Bundeskanzlerin angefangen, Wertungen vornahmen, ohne sich mit der Sache zu befassen, haben sich selbst kommentiert und eingeordnet.

Morgenpost Online: Es gab ja ein emotionales Entsetzen. Viele haben sich gefragt, was für Türen macht der Sarrazin da auf. Auch Leute, die sehr befürworten, dass die Probleme der Integration stärker thematisiert werden, haben trotzdem Kritik geäußert.

Thilo Sarrazin: Das ist ja auch in Ordnung. Natürlich ist ein Buch immer nur ein Ausschnitt. Ein Buch muss wahrhaftig sein, es kann aber nie die ganze Wahrheit der Welt darstellen. Ein Vorwurf ist doch, Sarrazin reduziere die Menschen auf das Ökonomische. Das ist Unsinn. Natürlich ist es kein Buch über die Gefühle der Menschen aus dem Libanon, die in den Berliner Schnee schauen und sich fragen, ob sie nicht wieder in den Libanon zurück sollen. Meine Frage war, ob sich messen lässt, wie sich bestimmte Gruppen einordnen und was für Leistungen sie bringen. Man kann Fragen der Intelligenz, der Migration und der Bildung aus ganz vielen verschiedenen Perspektiven betrachten.

Morgenpost Online: Der Kern des Buches ist doch nicht richtig diskutiert worden. Sie üben eine klare Kritik an der Entwicklung des Sozialstaates und daran, wie diese an der Verfestigung einer Unterschicht beteiligt ist. Sie müssten sich doch darüber ärgern, dass diese Aspekte in der Debatte kaum vorkommen.

Thilo Sarrazin: Die demografische Katastrophe, die fehlende Nachhaltigkeit unserer Bevölkerungsentwicklung ist kein öffentliches Thema. Wenn man sich die umweltpolitischen Sorgen ansieht über die Frage des Weltklimas in 100 oder 200 Jahren, dann scheinen mir die Prioritäten etwas verrutscht. Für Deutschland sind das vergleichsweise irrelevante Fragen, wenn es dann keine Deutschen mehr gibt. Das zeigt: Die Politik sucht sich die Themen, mit den sie sich beschäftigt, nicht immer nach dem Relevanzaspekt aus, sondern neigt dazu, Probleme auszuklammern, die als kontrovers und schwer lösbar angesehen werden. Dazu gehören die Fragen von Demografie und Migration.

Morgenpost Online: Gibt es nicht einen Widerspruch in Ihrer Betrachtung: Wegen der demografischen Entwicklung haben wir weniger Fachkräfte, es gibt Jobs, anders als vor ein paar Jahren. Das heißt aber doch, dass auch Angehörige der von Ihnen beschriebenen Unterschicht Chancen haben.

Thilo Sarrazin: Man darf nicht die mittelfristigen Trends und die kurzfristigen Symptome vermischen. Der zahlenmäßige Rückgang jeder Generation um ein Drittel hat den angenehmen Nebeneffekt, dass junge Leute weniger Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Das ist ja logisch.

Morgenpost Online: Aber dann sind die Unterschichten doch nicht so abgekoppelt, wie Sie es darstellen?

Dass ein Teil der Unterschicht bessere Chancen bekommt, kann man ja nur hoffen. Gleichzeitig werden diejenigen im unteren Leistungsspektrum der Gesellschaft ja nicht leistungsfähiger. Die Anforderungen auf dem Arbeitsplatz werden sinken. Die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems steigt nicht.

Morgenpost Online: Aber werden Menschen nicht leistungsfähiger, wenn sie überhaupt im System drin sind und sich beweisen müssen?

Thilo Sarrazin: Wir müssen unterscheiden, wie viel nachwächst und in welcher Qualität. Zahlenmäßig ist jede Generation 35 Prozent kleiner als die vorige, und die Qualität lässt nach. Beides stimmt unabhängig davon, wer jetzt gerade einen Arbeitsplatz bekommt. Das wird verheerende Folgen haben, weil wir nicht mehr ausreichend fähige Polizisten und Lehrer finden werden und die akademischen Standards senken müssen, um überhaupt noch Stellen besetzen zu können. Natürlich muss man auch, wenn unsere Ressourcen zurückgehen, alles tun, um sie optimal zu nutzen, etwa durch Bildungsanstrengungen. Das ändert aber nichts am Trend. Um die Probleme nachhaltig zu verändern, brauchen wir neben besserer Bildung für die Bildungsfernen auch mehr Kinder von den Klugen.

(es klingelt an der Haustür, Sarrazin steht auf. „Da kommt jemand und möchte Bücher signiert haben“, sagt er und geht. Nach drei Minuten kommt er zurück).

Morgenpost Online: Sie haben ja die Politik mit Ihrem Buch vor sich her getrieben. Sehen Sie in der Politik Entwicklungen hin zu konkreten Verbesserungen in Ihrem Sinne?

Thilo Sarrazin: Die Aussage der Bundeskanzlerin, mein Buch sei nicht hilfreich, war machtpolitisch orientiert. Indem sie mich ins Eck gestellt hatte, wollte sie verhindern, dass irgendjemand aus ihrer Partei mir zustimmte. Das ist ihr auch weitgehend gelungen. In der CSU gab es offenbar die Vorgabe aus der Spitze, sich nicht negativ zu Sarrazin zu äußern. Die Politik hat zunächst versucht, mich zur Unperson zu erklären. Das ist aber gescheitert. Dann haben sie versucht, unter Ausklammerung meines Namens die gefühlte Unzufriedenheit selbst aufzufangen. SPD-Chef Sigmar Gabriel wollte integrationsunwillige Ausländer ausweisen. So etwas habe ich in meinem Buch nicht geschrieben. Die Kanzlerin sagte, Multikulti ist gescheitert. Das Wort kommt in meinem Buch nicht vor, das läuft für mich unter Polit-Folklore. Ich achte darauf, ob es Ansätze gibt, Inhalte zu verändern

Morgenpost Online: Und gibt es die?

Thilo Sarrazin: Politische Prozesse dauern lange. Wenn etwas geschehen müsste, dann beim Asylrecht oder bei den Asylverfahren, zumal die Zahlen im Augenblick wieder stark steigen. Oder es müsste etwas geschehen beim Familiennachzugsrecht oder bei den Sozialtransfers für Einwanderer oder bei der Bekämpfung illegaler Einwanderung. Da sehe ich nichts. Aber die Debatte ist gekommen, um zu bleiben. Die Leute haben durch mein Buch eine Logik im Kopf, mit der sie Phänomene einordnen können, die ihnen nicht gefallen.

Morgenpost Online: Was halten Sie von der Debatte um gesteuerte Zuwanderung von höher Qualifizierten über ein Punktesystem?

Thilo Sarrazin: Die qualifizierten indischen Mathematiker kommen sowieso nicht zu uns. Aber aus den anderen möglichen Kanälen, nämlich Familiennachzug, Asyl und illegale Einwanderung, strömt die ungesteuerte Zuwanderung von wenig Qualifizierten weiter. Solange das so ist und die Löcher des ungeregelten Zuzugs nicht wirksam gestopft werden, führt sich jede Debatte um gesteuerte Zuwanderung ad absurdum.

Morgenpost Online: Könnte es sein, dass die klugen Inder auch deshalb nicht kommen, weil in Deutschland solche Debatten um Ausländer und Zuwanderung geführt werden, wie Sie sie angestoßen haben?

Thilo Sarrazin: Deutschland ist nicht besonders ausländerfeindlich. Qualifizierte Inder und Chinesen kommen schon seit vielen Jahren nicht, weil sie in ihren Heimatländern attraktive Möglichkeiten haben. Und wenn sie auswandern, gehen sie in Länder mit besserem Wetter, besseren Verdienstmöglichkeiten, weniger Sprachproblemen und weniger Steuern. Australien, USA, Kanada, vielleicht England.

Morgenpost Online: Aber braucht Deutschland nicht Menschen von außerhalb?

Thilo Sarrazin: In den letzten zwei Jahrzehnten kamen viele Menschen aus Osteuropa. Das läuft gegenwärtig aus, weil osteuropäische Länder seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ähnlich niedrige Geburtenzahlen haben wie Deutschland. Außerdem holen diese Länder ökonomisch auf und bieten den Menschen auch vor Ort bessere Chancen Es bleiben also Afrika, Nah- und Mittelost als mögliche Herkunftsregionen. Das sind aber gerade die großenteils wenig qualifizierten Einwanderer aus muslimischen Ländern, die in allen europäischen Ländern überdurchschnittliche Integrationsprobleme haben. Daraus ergibt sich: Wir bekommen die ökonomisch gewünschten Migranten nicht, und die anderen bringen mehr Probleme, als sie lösen. Also müssen wir unsere Probleme ohne Einwanderung in den Griff kriegen. Die gesamte Migrationsdebatte in Deutschland wird seit den Sechzigerjahren gesteuert von den kurzfristigen Interessen der Wirtschaft. Deren Interessen sind aber nicht unbedingt identisch mit den Interessen der Bürger in Deutschland. Jeder Migrant, selbst wenn er einen ökonomischen Beitrag leistet, bringt auch seine sozialen und kulturellen Kosten mit. Nur wenn der Nettonutzen größer ist als die Kosten, ist Migration insgesamt positiv. Die Journalistin und Buchautorin Güner Balci sagt, dort wo sie aufgewachsen ist, in Neukölln, könne ein Mädchen nicht mit einem leichten Sommerkleid gehen, ohne angepfiffen, angemacht und als Hure beschimpft zu werden. Deswegen ist sie mit ihrem Sohn weggezogen, weil man dort kein Kind aufwachsen lassen könne. Das sagt eine Deutschtürkin. Das sind die sozialen Kosten von Migration, die in den Medien großenteils nicht behandelt werden.

Morgenpost Online: Aber wenn Sie Migration nicht nach den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichten, überhöhen Sie dann nicht die Weisheit des Staates, solche Entscheidungen zu treffen?

Thilo Sarrazin: Jeder Staat hat die Herrschaft über sein Territorium und darf bestimmen, wer rein darf und wer nicht, wer sich warum dauerhaft niederlassen darf. Das ist der Kernbestand von Staatlichkeit. Wir haben aber in gedankenlosem Gutwillen das große Plus einer kulturell weitgehend homogenen Bevölkerung zugunsten einer kurzfristigen Gastarbeiterpolitik aufgegeben.

Morgenpost Online: Nicht nur wir, die anderen in Europa haben das auch. Muss man eine europäische Diskussion führen?

Thilo Sarrazin: Wir haben die Kontrolle der Außengrenzen auf die EU delegiert. Nehmen wir also den Schengen-Raum. Für den gilt das Gleiche: Innerhalb des Raumes herrscht Freizügigkeit, aber die Zuwanderung muss kontrolliert werden. Völker und Staaten haben kulturell und zivilisatorisch nur dann überlebt, wenn sie die Einwanderung an ihren Außengrenzen beherrscht haben. Nehmen Sie die beiden dauerhaftesten Weltreiche der Geschichte: Das Römische Reich hatte seinen Limes und das kaiserliche China die große Mauer. Es ist unhistorisch und naiv zu glauben, wenn Menschen wandern, sei das per se positiv, gut und Segen bringend. Ideen müssen wandern, Güter auch, Menschen nicht unbedingt. Deshalb muss man das Thema Einwanderung auf einem höheren geistigen Niveau behandeln, als wir das bisher tun.

Morgenpost Online: Aber hat Ihr Blick auf die Dinge nicht auch etwas mit einem altersbedingten Pessimismus zu tun?

Thilo Sarrazin: Die Umfragen sagen etwas anderes. Die Relevanz meiner Aussagen wird umso höher bewertet, je jünger die Leute sind. Das ist durch die Lebenslage bedingt. Als älterer wohlhabender Berliner in diesem Viertel sehe ich eine Frau im Kopftuch vielleicht mal mit dem Fernrohr. Wer jünger ist oder in den falschen Vierteln lebt, dem aber brennt das Thema unter den Nägeln. Ich habe zwälf volle Leitz-Ordner mit Leserzuschriften und dazu noch zwei Kartons voll.

Morgenpost Online: Was wollen die Leute von Ihnen?

Thilo Sarrazin: Eine junge Familie fragt, was sie tun soll: Sie leben in Tempelhof, jetzt soll die 12-jährige, blonde hübsche Tochter dort auf ein Gymnasium mit 80 Prozent Türken und Arabern. Was soll ich den Eltern raten? Sie sollen sich eine Privatschule suchen oder umziehen nach Zehlendorf. Aber die meisten Leute haben nicht das Geld dafür.

Morgenpost Online: Aber lösen sich nicht viele Probleme, wenn es gelingt, das Bildungsniveau der Zuwanderer zu verbessern?

Thilo Sarrazin: Man soll sich nicht der Illusion hingeben, die Probleme würden allein dadurch gelöst, dass das Bildungsniveau muslimischer Einwanderer steigt. Ich hatte kürzlich eine Diskussion mit einer Gruppe von Gymnasiasten mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund, die Mädchen alle mit Kopftuch. Höfliche, nette junge Leute. Eine fragte mich, ab wann sie in Deutschland als integriert gelte. Ich habe gesagt „Wenn Sie Ihr Kopftuch abnehmen, weiß niemand, ob Sie aus der Türkei kommen oder aus Spanien. Sie sind sprachlich und optisch integriert. Aber solange Sie das Kopftuch tragen, zeigen Sie, dass Sie sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen.“ Sie sagte, das müsse sie tragen aus religiösen Gründen. Ich sagte, es gebe im Islam keinen Zwang, Kopftuch zu tragen. Doch, eine gute Muslima müsse das tun. Alle stimmten zu, auch die Jungen. Aber ich kenne viele Muslimas, die tragen kein Kopftuch, antwortete ich. Ja, das seien keine guten Muslime. Dann habe ich gesagt, im Koran stehe doch auch, dass ein Mann mehrere Frauen heiraten könne. Ob sie das auch okay fänden. Ja natürlich, sagte ein Mädchen, wenn er sie denn alle gut behandle. Das sind Abiturienten. Das heißt, an unseren öffentlichen Schulen wächst auch unter den gebildeten Muslimen eine ideologisierte, einem fundamentalen Islam anhängende Schicht heran.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich, dass auch so viele gut integrierte Muslime sich verletzt fühlen durch Ihr Buch?

Thilo Sarrazin: Man muss unterscheiden zwischen der Sachebene und der Gefühlsebene. In jeder Podiumsdiskussion sitzt eine emanzipierte Migrantin, die mir sagt, ihr Vater sei aus Anatolien, ihr Vater habe schwer gearbeitet, und ihre Familie sei verletzt. Necla Kelek sagte mir kürzlich, es sei eine orientalisch-muslimische Masche, alles aufs Persönliche zu ziehen.

Morgenpost Online: Sie sind ein Mann der Fakten, ein Beamter. Solche Debatten sind doch immer auch emotional.

Thilo Sarrazin: Ich bin auch manchmal emotional. Aber man muss sich doch auch mal über die psychologischen Mechanismen unseres Umgangs mit der Migration klar werden. Insofern haben Sie recht, ich bin Beamter. Ich denke zunächst vom Staat her. Ich sage, wir sind verantwortlich für die Probleme der Menschen, die bei uns leben. Und nicht für den Rest der Menschheit. Die müssen ihre Probleme schon selber lösen, die lösen sich nämlich nicht durch Auswanderung nach Europa.

Morgenpost Online: Dieses Buch ist aus Ihrer Arbeit in Berlin geprägt. Ihre Frau als Grundschullehrerin hat den bildungspolitischen Teil beeinflusst. Sie sind ja im Laufe Ihrer Arbeit immer näher an diese Positionen herangerückt, haben schon in Ihrem letzten Hintergrundgespräch als Senator vor der wachsenden Unterschicht gewarnt. Neukölln gilt als Bild des Problemfalls. Hat sich eigentlich irgendetwas verbessert in Berlin, seit Sie hier sind?

Thilo Sarrazin: Die Berliner Bildungslandschaft hat sich kontinuierlich negativ verändert.

Morgenpost Online: Würden Sie das auch für nun die eingeleiteten Reformen mit der Abschaffung der Hauptschule sagen?

Thilo Sarrazin: Das jahrgangsübergreifende Lernen ist vom pädagogischen Ansatzpunkt logisch widersprüchlich und ohne erhebliche zusätzliche Ressourcen kaum vernünftig umzusetzen. Die Abschaffung der Hauptschule war richtig. Die Berliner Schulverwaltung ist traditionell eine wenig leistungsfähige Verwaltung, in der viele Führungskräfte ihren Aufgaben nicht gewachsen sind. Entsprechend unvollkommen ist auch die Auswahl der Schulleiter. Es gibt natürlich sehr gute Schulen, das hängt von der Schülerschaft und der Person des Direktors ab. Aber die Regel ist das in Berlin nicht. Die Verhältnisse in Stadtteilen wie Wedding und Neukölln sind dadurch geprägt, dass der Anteil deutscher Schüler kontinuierlich fällt. Ein Ende der Verschiebungen in der Schülerpopulation ist nicht abzusehen.

Morgenpost Online: Sie waren doch unter einem Chef tätig, der in der Integrationsdebatte eine andere Meinung vertritt als Sie. Auch jetzt ist Klaus Wowereit wieder die führende Person für Integrationspolitik der SPD und steuert einen anderen Kurs. Wie haben Sie das jahrelang ausgehalten?

Thilo Sarrazin: Ich habe mich als Finanzsenator zunächst auf den Haushalt und die Beteiligungen konzentriert, mich aber mit den Jahren systematisch in die Sachfragen der Themengebiete eingearbeitet, in die das Geld hauptsächlich fließt. Das sind vor allem die Bereiche Soziales und Bildung. Beide Bereiche überschneiden sich dort, wo es um Fragen der bildungsfernen Unterschicht und der Migration geht. Als sich die Sanierungskonturen des Haushaltes ab dem Jahr 2005 abzeichneten, habe ich immer stärker die Strukturprobleme der Zukunft in den Blick genommen. Für meine gesamte Zeit als Finanzsenator galt, dass Berlin relativ zur Zahl der Schüler die meisten Lehrer hatte und auch das meiste Geld für Bildung ausgab. Nur unsere Bildungsergebnisse, wie immer sie gemessen wurden, waren stets die schlechtesten unter den Bundesländern. Die Bildungspolitiker erklärten das mit dem hohen Ausländeranteil in Berlin. Als ich dann zeigte, dass der Ausländeranteil z.?B. in den großen Städten Baden-Württembergs oder Bayerns viel höher ist, hörte ich von den Bildungssenatoren das Argument, wir hätten in Berlin besonders schlechtes Schülermaterial. Da kam ich halt ins Nachdenken. Aber oft hatte ich den Eindruck, als ob ich der einzige Senator sei, der sich wirklich in der Tiefe für die Fragen der sozioökonomischen und demografischen Entwicklung in Berlin interessierte.

Morgenpost Online: Hätten Sie das Buch ohne Ihre Berliner Erfahrung schreiben können?

Thilo Sarrazin: Das weiß ich nicht. Aber die Berliner Erfahrungen – 20 Prozent der Bevölkerung leben von Grundsicherung, 40 Prozent der Einschüler kommen aus bildungsfernen Schichten, der Anteil muslimischer Migranten wächst kontinuierlich – waren sicherlich prägend für meine ursprüngliche Problemwahrnehmung.

Morgenpost Online: Wenn Sie recht hätten, sähe es für Berlin doch schlimm aus. Jetzt stellen sich Klaus Wowereit, der die Probleme nach Ihrer Ansicht nicht wahrnimmt, und Frau Künast zur Wahl, die ja wohl auch an den richtig großen Problemen vorbeigeht. Geht jetzt alles vor die Hunde in Berlin?

Thilo Sarrazin: Berlin hat doch nicht deshalb Erfolg, weil es gut regiert wird. Berlin hat Erfolg, obwohl es in der Qualität von Politik und Verwaltung seit Jahrzehnten große Mängel gibt. Die Führungsqualität und das durchschnittliche Leistungsniveau erreichen in vielen Berliner Verwaltungen keine bundesdeutschen Standards. Ich finde Berlin trotzdem eine ganz tolle Stadt mit guten Perspektiven und bin sicher, dass es auch künftig jedwede Art von Regierung überleben wird.

Morgenpost Online: Meinen Sie denn nicht, dass sich bestimmte gesellschaftliche Probleme auch selber heilen?

Thilo Sarrazin: Natürlich geht alles immer weiter. Nirgendwo tritt das Ende der Welt ein.

Morgenpost Online: Ihr Buch ist fast so etwas wie ein Vermächtnis.

Thilo Sarrazin: Ich habe nicht vor zu sterben…

Morgenpost Online: Ich meine, dass es ein Ausrufezeichen ist. Sind Sie größenwahnsinnig, wenn Sie durch das Buch zu Deutschland sprechen?

Thilo Sarrazin: Ich rede nicht zu Deutschland, sondern zum individuellen Leser. Ich meine auch nicht, dass Deutschland antworten muss. Das Buch ist auch ein Stück Forschung. Über die sozioökonomischen Daten und Fakten zu Berlin hatte ich einen guten Überblick, als ich mich an die Arbeit machte. Das Weitere habe ich mir angelesen und erarbeitet. Insofern hat das Buch auch mich verändert. Ich sage nicht, dass das Buch Deutschland erklärt, aber die Aussagen wurden auch nicht widerlegt.

Morgenpost Online: Was gefällt Ihnen am besten an Deutschland, was lieben Sie an Deutschland?

Thilo Sarrazin: Ich liebe unter anderem an Deutschland, dass man auf eine Behörde gehen und dort seine Angelegenheiten regeln kann, ohne dass man persönliche Beziehungen haben muss. Das ist in 90 Prozent der Länder nicht der Fall.