Berliner Hausbesitzer

Berliner machen Häuser fit für den Klimaschutz

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Isabell Jürgens

Foto: Massimo Rodari

Häufig helfen schon ein bisschen Dämmwolle und abgedichtete Fenster, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Doch nicht jedes Haus eignet sich für eine einfache klimafreundliche Sanierung.

"Die Frage, ob sich diese Investition für uns rechnet, stand für uns nicht im Vordergrund." Christiane Heers blickt auf ihren dreijährigen Sohn Niklas, der seine Spielzeugautos durch die Küche sausen lässt. "Für uns war vor allem wichtig, dass unser Haus fit gemacht wird für die Zukunft und die Umwelt nicht belastet wird."

Von solchen Eigentümern wie der 42-jährigen Zehlendorferin, die ihr Einfamilienhaus aus den 20er-Jahren auch ganz ohne gesetzlichen Zwang energetisch auf Vordermann bringt, kann Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) derzeit nur träumen. Nachdem ihr mittlerweile vierter Entwurf für ein Berliner Klimaschutzgesetz wegen zu starker Belastungen für Eigentümer und Mieter von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) vorerst gestoppt worden ist, ist fraglich, ob das Prestige-Projekt noch in dieser Legislaturperiode beschlossen werden kann. Doch so umweltbewusste Hausbesitzer wie die Heers sind in Berlin immer noch die Ausnahme, wie Volker Gustedt, Sprecher der Berliner Energieagentur, weiß. Bislang sei erst ein geringer Teil der 312 000 Berliner Wohngebäude energetisch auf neuem Stand.

CO2-Ausstoß bis 2020 senken

Besonders von den 170 000 Ein- und Zweifamilienhäusern im Stadtgebiet ist ein Großteil bislang weder gedämmt noch mit erneuerbaren Energien versorgt. Das von der Umweltsenatorin anvisierte Ziel, den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2020 um 40 Prozent senken, ist mit solchen Häusern nicht zu schaffen. "Leuchtturmprojekte wie die der kommunalen Gesobau im Märkischen Viertel sind eben immer noch sehr selten", so Energieexperte Gustedt. Im Märkischen Viertel werden bis 2015 rund 13 000 Wohnungen energieeffizient saniert. Als Beitrag zum Klimaschutz sollen die CO2-Emissionen jährlich von 40 000 auf 17 000 Tonnen reduziert werden. Die Wärmeversorgung soll auf Basis erneuerbarer Energien erfolgen.

Was die Gesobau in großem Stil vorhat, hat Familie Heers aus Zehlendorf bereits in kleinerem Maßstab durchexerziert. Als sie das 1927 erbaute Haus vor zwei Jahren kaufte, war die energetische Sanierung dringend geboten. "Die Heizkosten des Vorbesitzers lagen bei 400 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr", sagt Christiane Heers. Lompscher hatte geplant, eine Grenze zu ziehen, wenn die Heizung älter als 20 Jahre ist, beziehungsweise mehr als 150 kWh verbraucht. Wer einen höheren Energiebedarf hat, sollte sofort sanieren und dabei auch erneuerbare Energien einsetzen.

Mineralwolle und neue Fenster

Der hohe Energieverbrauch und die Tatsache, dass die Fassade viele Putzschäden aufwies, erleichterte die Entscheidung, dem Haus eine neue Hülle und eine moderne Heizanlage zu verpassen. "Die Außenwände haben wir mit Mineralwolle gedämmt, die alten Fenster durch neue mit Wärmeschutzverglasung ersetzt, Keller und Dach wurden ebenfalls gedämmt", so die Architektin, die sich auf Energieberatung spezialisiert hat. Der Ölkessel wurde rausgerissen, im Keller steht nun eine Anlage mit Gas-Brennwert-Technik. Auf dem Dach sorgt eine sieben Quadratmeter große Fläche mit Vakuumröhrenkollektoren für warmes Wasser. "Trotz des kalten Winters haben wir den Energieverbrauch um gut 66 Prozent senken können", sagt Christiane Heers zufrieden. Auf 65 kWh pro Quadratmeter und Jahr beziffert sie den Energiebedarf nach der Sanierung. "Zum Nulltarif war das natürlich nicht zu haben", so die Architektin. 80 000 Euro habe die Sanierung gekostet, davon wurden rund 13 000 Euro mit dem Zuschuss aus dem Programm "Energieeffizient Sanieren" finanziert, 1200 Euro Zuschuss gab es von der Gasag für die Solaranlage. Läuft alles wie berechnet, würde die Energieeinsparung in 30 Jahren sich auf 90 000 Euro summieren. "Ich finde ein Klimaschutzgesetz gut", sagt die stolze Hausbesitzerin. "Es geht doch nicht, dass alte Häuser fünf bis sechsmal mehr Energie verbrauchen als ein Neubau."

Das findet mit Einschränkungen auch Eckhart Beleites, Hausbesitzer in Biesdorf und Vizepräsident des Verbandes Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN). Doch das geplante Klimaschutzgesetz der Umweltsenatorin lehnt er ab. "Mit ihrem Gesetz zwingt die Senatorin Hauseigentümer zu Ausgaben, die sich viele nicht leisten können", sagt er. Wer heute Rentner sei, könne sich nicht auf Investitionen einlassen, die sich gar nicht oder erst in 20 Jahren rechnen. Seine Kritik kann er auf ein von der Senatorin in Auftrag gegebenes Gutachten stützen. Laut Expertise der Berliner Energieagentur würden Eigentümer von Ein- und Zweifamilienhäusern beim Einbau einer Solaranlage in 20 Jahren einen Verlust von 881 Euro machen. Wer auf Holzpellets setzt, verliert 1438 Euro. Eine Erdwärmepumpe würde sich dagegen nach 20 Jahren mit 353 Euro rentieren. Noch unrentabler werden die alternativer Energien, wenn dafür ein Bankkredit nötig ist. Dann summiert sich der Verlust auf mehr als 3000 Euro.

Individueller Sanierungsbedarf

"Das Gesetz lässt zudem unberücksichtigt, was die Hausbesitzer in der Vergangenheit schon alles unternommen haben", sagt Beleites. Sein Haus, Baujahr 1958, habe er gleich nach der Wende umfassend sanieren lassen. Der Kohleofen wurde durch eine Gas-Brennwert-Therme ersetzt. Die einfachverglasten Fenster gegen Isolierfester ausgetauscht und da das Haus nicht unterkellert ist, der Fußboden gedämmt. "Den Energiebedarf haben wir von 312 auf 180 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr senken können", sagt der 71-Jährige. "Doch wenn es bei Frau Lompschers Entwurf bleibt, müssten wir sofort handeln." Weil große Bäume das Dach beschatten, käme eine Solaranlage nicht in Betracht. Und auch eine Fassadendämmung nicht, weil die kleinen Fenster sich zu "Schießscharten" verschmälern würden. "Für eine Holzpelletheizung ist kein Platz, weil wir keinen Keller haben", sagt Beleites. Und da das Haus im Wasserschutzgebiet liege, verbiete sich der Einsatz einer Erdwärmepumpe. "Jedes Haus hat ganz individuelle Bedingungen", sagt Beleites.