Senat

Berlin hat eine neue Stimme für Integration

Sawsan Chebli ist die sogenannte Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in der Berliner Innenverwaltung. Die 31-Jährige berät den Senat beim Dialog mit den Muslimen.

Foto: M. Lengemann

An Sawsan Chebli (31) könnte man viele Klischees abarbeiten. Vorzeige-Integrierte. Karrierefrau. Trotz schwerer Kindheit. Trotz Migrationshintergrund. Zutreffen würde das alles irgendwie, aber wahrscheinlich würde es in die falsche Richtung führen. Vielleicht ist es bei Sawsan Chebli mal an der Zeit, ein neues Klischee zu entwerfen: „Erfolgreich wegen ihrer ausländischen Wurzeln“ könnte es lauten und es könnte einer neuen Generation von Migrantenkindern angeheftet werden, die es schaffen, aus ihrer Biografie Vorteile zu ziehen.

Seit März ist Chebli die sogenannte Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten bei der Berliner Innenverwaltung. Die Stelle wurde neu geschaffen. Die 31-Jährige ist die Erste auf diesem Posten, der direkt auf der Leitungsebene angegliedert ist, bei Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Sie berate den Senator beim interreligiösen Dialog, beschreibt Chebli ihre Aufgabe. Vorbereitung von Konferenzen, Kontaktpflege zur religiösen „Community“, Vernetzung von Interessengruppen – das sei so ihr Leistungsspektrum. Dabei gehe es weder um Politik noch um Integrationsfragen. Dafür gibt es in Berlin schon einen Integrationsbeauftragten, auch wenn die thematische Abgrenzung beider Posten von außen schwer nachvollziehbar ist.

Anderer Blick auf die Religionen

Eigentlich ist bei Cheblis neuem Job hauptsächlich der Dialog mit den Muslimen gemeint, der Körting besonders am Herzen liegt. Sein Credo ist es, mit allen Vertretern der Muslime zu reden, die dazu bereit sind und Gewalt ablehnen. Körting betont das bei jeder Gelegenheit, und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass er sich für diesen Dialog mehr personelle Unterstützung holt. Es fehlte ihm ein alternativer Blick auf die Religion in der Hauptstadt – neben der Sichtweise des Verfassungsschutzes, der ihm auf diesem Gebiet ebenfalls zuarbeitet. „Berlin ist eine multireligiöse Stadt“, sagt Körting und misst Sawsan Cheblis neuem Job deshalb besondere Bedeutung bei: „Für mich ist die Frage des gegenseitigen Respekts verschiedener Religionen und Weltanschauungen nicht nur eine wichtige Frage der Integration, sondern im weitesten Sinne auch des friedlichen Zusammenlebens der Menschen und damit der inneren Sicherheit.“ Sawsan Chebli könne sich aufgrund ihres Know-hows da besonders gut einbringen.

Cheblis Eltern sind in den 70er-Jahren aus einem libanesischen Flüchtlingslager nach Deutschland gekommen. Sie stammen aus Palästina. Zehn Geschwister wurden im Flüchtlingslager geboren, Sawsan und ihre kleine Schwester in Berlin. Die Familie war staatenlos, nur geduldet in Deutschland. Bis zur Einschulung sprach Chebli kein Wort Deutsch. Ihre Eltern beschreibt sie als bildungsfern und konservativ. „Wenn man aus einer Familie stammt, wo die Eltern Flüchtlinge sind, bekommt man ständig diesen Kampf ums Bleiberecht mit. Das hat mich schon als Kind geprägt und das hat meinen Werdegang beeinflusst“, erzählt Chebli. Sie sitzt in ihrem schmalen Büro an der Klosterstraße, hinter den dicken Mauern der Innenverwaltung. „Ich wollte immer mitwirken. Politisch mitmischen. Durch die eigene Biografie.“

Eine ganz andere Biografie

In der Grundschule sei ihr doch gar nichts anderes übrig geblieben, als Deutsch zu lernen. Und dabei ist es dann passiert: „Ich habe schnell gemerkt, dass man mit Leistung Anerkennung erfährt.“ Davon wollte sie immer mehr. Die Suche nach Anerkennung ziehe sich durch ihr Leben wie ein roter Faden, sagt die 31-Jährige. Und es scheint ihr fast peinlich zu sein, das festzustellen. „Der Ehrgeiz war von Beginn an da.“

Am Gymnasium ist sie dann doch einmal sitzen geblieben. „Danach habe ich gedacht: Jetzt erst recht! Wenn du etwas erreichen willst, musst du dich anstrengen“, erinnert sich die junge Frau. Die Lehrer erkannten ihren Willen. „Sie haben meine Andersartigkeit als Chance und nicht als Last begriffen. Zum Beispiel haben sie meine Mehrsprachigkeit gefördert.“ Wer spricht schon fließend Deutsch und Arabisch. Und dann Englisch. Und Französisch.

Nach dem Abitur studierte sie Politikwissenschaft. Anschließend arbeitete sie als Referentin eines SPD-Bundestagsabgeordneten. Eigentlich wollte Sawsan Chebli nie einen Job haben, der irgendwie das Thema Integration streift. Sie interessierte sich mehr für Außenpolitik. „Früher war ich der Meinung, weil ich einen Migrationshintergrund habe, darf das nicht bedeuten, dass ich mich automatisch auch mit der Frage auseinandersetzen muss. Ich wollte das nicht.“ Die Integration in Deutschland sei erst vollendet, wenn Leute wie sie auch Themen besetzten, die nichts mit der Biografie zu tun haben.

Chebli ist Integrationsvorbild

Aber so weit ist es eben noch nicht. Und so lange das Ziel noch nicht erreicht ist, gibt sich Chebli als Integrationsvorbild her. Die Opferrolle findet sie schlimm. Deshalb zeigt sie gern, was man trotz schwieriger Startbedingungen erreichen kann. „Es nervt nur, wenn Leute auf mich zukommen und mich loben, wie gut ich Deutsch spreche.“ Früher hat sie diese Leute dann ein bisschen provoziert. Bei Fragen nach ihrer Herkunft hat sie stets geantwortet: „Ich bin Deutsche.“ Wurde weiter gebohrt, hieß es: „Aufgewachsen in Tiergarten.“ Das hat sie gern ausgereizt, bis ihr Gegenüber ärgerlich wurde. „Mich nervt der Migrationshintergrund“, sagt sie. Einfach sagen, dass man Deutsche sei, das sei viel entspannter. „Aber das geht nur in den USA, da ist das herrlich.“

Ihr neuer Job ist untrennbar verknüpft mit ihrer Biografie. „Ich habe früher nie so viel darüber geredet, wie gläubig ich bin, bevor ich diese Stelle angetreten habe.“ Überall werde man in Schubladen gesteckt – auch in den muslimischen Gemeinden. Chebli nennt sie die „Community“. „Ich bin gläubige Muslima, ich bete täglich.“ Sie wird gefragt, warum sie kein Kopftuch trägt, ob sie liberale oder säkulare Muslima sei. „Manchmal denke ich nur – krass, was bin ich denn eigentlich? Wie bemisst man denn Religiosität?“

Gerade die Kopftuchfrage beschäftige die Community besonders. „Viele wünschen sich, dass anerkannt wird, dass sie das Tuch aus freien Stücken tragen. Sie wollen nicht in die Schublade der unterdrückten Frau gesteckt werden.“ Ein weiteres Anliegen, das Chebli oft zu hören bekommt, ist die Islamfeindlichkeit. Es gebe das Gefühl, aus religiösen Gründen abgelehnt zu werden, und den Wunsch, die Politik möge sich darum kümmern. „Wenn die Politik die Leute nicht mitnimmt, kommen wir nicht weiter“, sagt sie.

Auch mit ihrer großen Familie unterhält sich Chebli oft über ihre Arbeit. „Sie fragen genau, was ich mache, weil die Themen sie ja auch persönlich betreffen.“ Die Familie sei sehr stolz auf sie. Auf das, was sie mit ihrer Biografie geschafft hat.

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