Bezirkstour

Wie Wowereit Reinickendorf für sich entdeckt

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Christina Brüning
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Wowereit auf Bezirkstour in Reinickendorf

Auf seiner Bezirkstour durch Reinickendorf besuchte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verschiedene Firmen. Er möchte das Berliner Industriegewerbe stärken.

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Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) geht immer wieder mal auf Tour - für einen Tag in einen Bezirk. Sein jüngster Ausflug führte ihn nach Reinickendorf. Und dort widmete er sich seinem neuen Top-Thema.

Die um die hundert Jahre alten Fabrikhallen auf dem Borsig-Gelände sind trotz 30 Grad im Schatten angenehm kühl. Das rote, alte Backsteingemäuer ersetzt die Klimaanlage. Zwischen Roboterschweißanlagen hinter roten Plastikvorhängen und riesigen Bauteilen für Raffinerieanlagen ist es so laut, dass die Arbeiter den Tross Politiker und Journalisten gar nicht bemerken, der plötzlich in der Halle steht. Ein junger Mann mit Latzhose und Schweißerbrille erschrickt fast, als auf einmal der Regierende Bürgermeister in beigefarbenem Sommerjackett und bequemen Slippern neben ihm steht und „Na, was arbeiten Sie hier denn?“ fragt.

Klaus Wowereit (SPD) ist unterwegs auf Bezirkstour in Reinickendorf. Es ist der vierte seiner zwölf Tagesausflüge in die Bezirke und auf dem Programm steht ein Thema, das dem Senat gerade besonders am Herzen liegt: der vergessene Industriestandort Berlin.

Im März hatte Wowereit den „Steuerungskreis Industriepolitik“ ins Leben gerufen, im Mai stellte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) den „Masterpan für die Industriestadt Berlin“ vor, im Herbst soll eine neue „Be Berlin“-Imagekampagne die Hauptstadt als Ort für „moderne, innovative und nachhaltige Industrie“ präsentieren. Berlin will nicht mehr nur kreativ und bunt sein, sondern auch bodenständig und schmutzig von der Arbeit. Das „Arm, aber sexy“-Image muss weg. Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sollen her.

In Reinickendorf findet sich die perfekte Kulisse, um auf die Berliner Industrie aufmerksam zu machen. Erste Station der Bezirkstour ist die Borsig GmbH. Seit 1837 gibt es die „Maschinenbauanstalt August Borsig“ in Berlin, seit 1893 am Standort Tegel. Borsig ist ein Stück Berlin. Darum klingt es auch ein bisschen vorwurfsvoll, wenn der Betriebsratsvorsitzende Harald Kallisch bemerkt, Herr Wowereit sei „bisher noch nie bei uns im Werk“ gewesen, während sich der Bürgermeister in paar Meter weiter von Geschäftsführer Konrad Nassauer erklären lässt, dass vor ihm gerade Kühlsysteme für Raffinerien entstehen. „Eigentlich erwarte ich mir von diesem Besuch nicht viel“, sagt Kallisch. „Läuft doch alles.“

Vor acht Jahren musste Borsig Insolvenz anmelden, mittlerweile hat die neue Borsig GmbH mit 520 Mitarbeitern wieder doppelt so viele Beschäftigte wie 2002 und die Auftragsbücher sind voll. Nur an Auszubildenden mangelt es, erzählt Nassauer seinem Gast aus dem Roten Rathaus. „Aber Standort und Perspektive sehen wir hier in Berlin ganz optimistisch.“ Wowereit nickt zufrieden. Das wollte er hören. „Warum haben Sie denn einen neuen Standort in Meerane in Sachsen gegründet?“, will er noch wissen. Da gab es ein Grundstück vom Bürgermeister, sagt Nassauer. „Und der Gewerbesteuerhebesatz liegt bei 300 Punkten im Gegensatz zu 490 in Berlin!“ 410, verbessert Wowereit und stichelt zurück: „Sehen Sie, wenn Sie die Zahl nicht mal wissen, kann das ja kein so wichtiger Standortfaktor sein!“

Berlin hat ein gutes Profil als Industriestandort, das will Wowereit mit seinem Besuch bei Borsig, MAN und Motorola deutlich machen. „Alle Voraussetzungen für mehr Wachstum der Industrie in Berlin sind da“, sagt Wowereit. „Wir haben die Technologie, das Know-how auch in Verknüpfung mit der Wissenschaft.“ Dazu Fördermittel und Gewerbeindustrieflächen. „Bei so einem hohen Niveau spielen Lohnkosten keine so bedeutende Rolle mehr. Berlin ist konkurrenzfähig.“

Bei MAN Turbo, der zweiten Station von Wowereits Ausflug in die Welt der Industrie, weiß Werksleiter Ralf Thon aber doch noch von einem Standortnachteil zu berichten. In Reinickendorf werden vor allem Kompressoren für Getriebe und Raffinerien hergestellt, sagt Thon. „Berlin ist weltweit die Nummer 1 als Standort für Turbomaschinenhersteller, aber die passenden Ingenieure werden hier nicht ausgebildet.“ Sie müssten sich Thermodynamiker aus Aachen abwerben, klagt Thon. „Für Praktika, Diplomarbeiten oder als Werkstudenten sind die aber kaum bereit, 500 Kilometer zu fahren.“

Die passenden Facharbeiter zu bekommen, sei eine der größten Herausforderungen, die Berlin in den nächsten Jahren bewältigen muss, findet auch Wowereit. „Wir müssen schauen, wo wir Fachbedarf haben, wo unsere Stärken sind und die Ausbildung und Studiengänge dem Bedarf anpassen.“

Bei MAN darf Wowereit dann auch endlich mal selbst Werkzeuge in die Hand nehmen und nicht nur über die Schulter gucken. Maschinenschlosser Lars Thunert drückt dem Bürgermeister gleich Hammer und Stemmmeißel in die Hand, als der sich neben ihn stellt und wieder „Na, was arbeiten Sie denn da?“ fragt. Thunert bearbeitet einen Rotor für einen Pipelineverdichter. Die Arbeit an dem gut anderthalb Meter langen Kompressorbauteil ist so filigran, dass sie nur von Hand zu erledigen ist. „Eine Maschine würde beim Einstemmen der Kanäle alles kaputt machen“, erklärt Thunert. Der Bürgermeister aber wohl auch, deshalb hält Wowereit Hammer und Meißel dann doch nur für die Fotografen an den Rotor. „Ich bin ja immer total begeistert, wenn ich sehe, was die Industrie so alles kann und was die Fachleute alles bauen können“, sagt Wowereit. „Aber ein Experte in Sachen Technik werde ich leider wohl nie.“