Jubiläum

Wie der verhüllte Reichstag Berlin veränderte

Vor 15 Jahren verhüllten Christo und seine Frau Jeanne-Claude den Reichstag. Es war ein einmaliges Ereignis, mit dem die Stadt sich endgültig zur Metropole wandelte. Doch bis es dazu kam, war es ein langer Kampf.

Es ist ein Triumph: Am 24. Juni ist der Reichstag in Berlin verhüllt, hinter langen Planen aus silbergrauem Stoff verschwunden. Sieben Tage lang hat es gedauert, bis die 90 Berufskletterer und 120 Monteure die Stoffbahnen herabgelassen und mit Seilen festgebunden haben. Nun, an diesem Sonnabend im Jahr 1995, ist das Werk von Christo und Jeanne-Claude vollendet. Und die Menschen strömen herbei. Schon vom ersten Tag an beobachten Berliner und Touristen aus aller Welt, wie die Planen angebracht werden, nun finden sich immer mehr Menschen am Reichstag ein. Denn das Kunstwerk ist einzigartig und vergänglich. Nur zwei Wochen lang, bis zum 6. Juli, ist es zu sehen, dann wird wieder abgebaut und der aluminiumumschichtete Polypropylenstoff verschwindet. "Ein Traum aus Folie", "Wie ein Objekt vom anderen Stern", "Ein Regenbogen am Himmel" - "Berlin steckt im Verhüllungsrausch" heißt es in der Berliner Morgenpost und anderen deutschen Zeitungen. Die "New York Times" zeigt Christos Werk auf seiner Titelseite und schreibt: "Die Verhüllung ist zugleich ein Kunstwerk, ein kulturelles Ereignis, ein politisches Happening und ein ambitiöses Stück Business". Die Welt ist begeistert.

Was für ein langer Kampf ist das gewesen. 24 Jahre dauert er, bis Christo und Jeanne-Claude ihr Werk umsetzen dürfen. Alles hat ganz banal begonnen: Der Journalist und Historiker Michael S. Cullen, ein Amerikaner, der seit Ende der 60er-Jahre in Berlin lebt, schickt 1971 eine Karte mit einem Bild des Reichstagsgebäudes an Christo und Jeanne-Claude. Mit der Bitte: "Machen Sie was draus!" "Ich kannte Christo damals gar nicht", erzählt Cullen. Ihn fasziniert die Kunst im öffentlichen Raum, Christo das Gebäude. Man trifft sich, sie werden Freunde und nehmen die Auseinandersetzung auf. Denn die Widerstände in Deutschland sind groß. Der Reichstag liegt zwar als Solitär unmittelbar an der Mauer, an der Grenze zur DDR und wird nur für wenige parlamentarische Veranstaltungen und für die Ausstellung über die deutsche Geschichte genutzt – Pflichtprogramm für Schulklassen aus allen Bundesländern –, aber dennoch ist er ein Symbol. Wer den Reichstag verpackt, lässt ihn verschwinden – und macht sich damit zum Handlanger der DDR, die genau das gerne tun würde. "Ich hatte Verständnis für diejenigen, die das so sahen", erinnert sich Rita Süssmuth (CDU), die als Bundestagspräsidentin schließlich entscheidend dazu beiträgt, dass Christo und Jeanne-Claude den Reichstag doch verhüllen dürfen.

Wie Politik und Kunst zusammenkamen

In den 70er-Jahren wirbt das Künstlerehepaar mal mehr, mal weniger stark für das Projekt. Es gibt viele Anhänger in Berlin, aber auch andere, die sagen, Christo mache nur Werbung für sich, dies sei Kommerz, keine Kunst. Er lernt die Regierenden Bürgermeister Berlins kennen, schließlich auch alle Bundestagspräsidenten in jenen 20 Jahren – Annemarie Renger, Richard Stücklen, Rainer Barzel, Philipp Jenninger, Rita Süssmuth. Der Fall der Mauer 1989 bringt auch für Christo die Wende. "Wir hatten nur ein kleines Zeitfenster", sagt Rita Süssmuth. Sie ist von dem Projekt stets fasziniert gewesen. "Es ging mir um die Frage, welche Rolle spielt die Kunst? Wie kommen Politik und Kunst zusammen?" Dann, im Jahr 1991, beschließt der Bundestag nach emotionaler Debatte, das Parlament und die Regierung wieder von Bonn nach Berlin zu verlegen. Kurz danach macht der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger öffentlich einen Vorschlag: "Wir müssen den Reichstag einpacken und anschließend als Bundestag auspacken." Er, der das Christo-Projekt seit Jahren befürwortet, gibt damit auch den Zeitplan vor: Da der Reichstag umgebaut werden muss, können Christo und Jeanne-Claude das Gebäude nur vor diesem Umbau verhüllen. Denn der braucht Zeit, nach den Plänen von Sir Norman Foster soll der Reichstag auch eine gläserne Kuppel bekommen.

Wieder vergehen drei Jahre. Rita Süssmuth lernt Christo und Jeanne-Claude kennen, die reden schließlich mit fast 400 Bundestagsabgeordneten, sie reden und reden und reden und hoffen. Am 25. Februar 1994 wird im Bundestag über die Reichstagsverhüllung debattiert und abgestimmt. "Am Tag davor war ich alles andere als gewiss, dass wir es schaffen würden", erinnert sich Rita Süssmuth. Schließlich sind die Gegner mächtig – Bundeskanzler Helmut Kohl und auch Wolfgang Schäuble (beide CDU) sind dagegen. Schäuble habe in seiner Rede dann überzogen und den Reichstag als sakrosankt dargestellt, so Süssmuth. Das habe auch für einen Stimmungsumschwung im Parlament gesorgt. Es reicht: 292 Bundestagsabgeordnete votieren für die Verhüllung des Reichstags, 223 stimmen dagegen.

In den Wochen vor der Verhüllung ist die Spannung in der Stadt groß, die Skepsis aber auch. Die großen Hotels klagen, dass der Senat keine Werbung für die Reichstagsverhüllung mache. Werden wirklich Touristen aus aller Welt kommen, um ein eingepacktes Gebäude zu sehen? Von drei Millionen Besuchern ist die Rede. Und sie kommen. Auch als es regnet und windet, sodass die Arbeiten der Gewerbekletterer und Monteure immer wieder unterbrochen werden müssen. Und sie kommen erst recht, als der Reichstag am 24. Juni ganz verhüllt ist. Dann wird auch endlich das Wetter besser, die Sonne scheint und der Reichstag in der silbergrauen Folie glitzert immer wieder neu. "Wir haben keinen Pfennig bezahlt, aber ein großes Geschenk bekommen", sagt die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Denn Christo und Jeanne-Claude nehmen keine Staatsgelder an, verzichten auf Sponsoren und finanzieren ihre Projekte über den Verkauf von Christos Arbeiten. 13 Millionen Mark (also rund 6,5 Millionen Euro) wird das Projekt schließlich insgesamt kosten.

Ein Volksfest wird gefeiert

Auf der Wiese vor dem Reichstag wird ein Volksfest gefeiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Menschen kommen und staunen. Fünf Millionen, sehr viel mehr als erwartet. Sie picknicken und schauen auf das verhüllte Gebäude. Sie machen Musik, junge Pärchen sitzen auf den mitgebrachten Decken und schmusen. Clowns treten auf, Kinder laufen durch die Gruppen, die sich auf dem Rasen niedergelassen haben. Professionelle Fotografen bauen ihre Stative auf und machen Fotos - morgens, mittags, abends, nachts. Hobbyfotografen auch. Fast jeder Besucher hat eine Kamera dabei. 1200 "Monitore", junge und ältere Menschen, sind für Christo und Jeanne-Claude im Einsatz. Sie verteilen Informationsblätter und neun Quadratzentimeter große Stoffproben, die ihnen fast aus den Händen gerissen werden. Die Berliner fassen den verhüllten Reichstag an, streicheln ihn tatsächlich. Und nichts passiert: keine Schmierereien, keine Beschädigungen. Der WDR sagt eine Fernsehtalkrunde zur Reichstagsverhüllung ab - es hat sich kein Teilnehmer gefunden, der gegen die Verhüllung reden würde. Christo und Jeanne-Claude, kaum tauchen sie am Reichstag auf, geben täglich Hunderte Autogramme. Sie signieren auch die Fotos. Ein Problem ist es nicht für sie, obwohl doch die vergängliche Kunst ihr Leben ist. "Die sind doch nicht das Kunstwerk! Sie sind nur eine Fotografie", sagt Jeanne-Claude am 5. Juli 1995 in einem Interview. "Das ist derselbe Unterschied, wie Sie ja mit einer Frau schlafen, nicht mit einem Foto von ihr."

Das Künstlerpaar ist überwältigt von dem Erfolg. Von ihrem "Baby". Sie seien "24 Jahre lang schwanger damit gegangen", erzählen sie. Ein Traum habe nun Gestalt angenommen. "Kunst ist optimistisch, weil wir optimistisch sind", sagt Christo. Und nun gefällt ihnen, wie sich der Reichstag in den Lichtverhältnissen immer wieder verändert. "Das ist es, was wir lieben. Es wird nie langweilig", sagt Jeanne-Claude. Christo ist froh, dass sie die Menschen mit ihrem Projekt überzeugen können. "Es macht den Berlinern sehr viel Ehre, dass sie jetzt für die Schönheit so empfänglich sind. Dass sie empfänglich sind für die Proportionen, die Bewegungen, den Stoff, das Licht, die Farbveränderungen", sagt Christo. Der verhüllte Reichstag habe nichts mit Politik zu tun. "Es gibt den Menschen eine Art Erleichterung. Sie kommen einfach und sitzen und schauen."

"Die gläserene Kuppel steht für das neue Deutschland"

Hat der verhüllte Reichstag das Verhältnis der Deutschen zu diesem Gebäude, zum Reichstag verändert? Ja, sagen all diejenigen, die damals dabei gewesen sind und in den unterschiedlichen Positionen für Christo, Jeanne-Claude und das Projekt gekämpft haben. "Das war der Beginn des Berlin-Hype", sagt Wolfgang Nagel (SPD), damals Berliner Bausenator und heute Unternehmensberater. "Die Reichstagsverhüllung war der Start für die lockere, die kreative Stimmung in Berlin. Es war absolut friedlich, fröhlich, die Menschen wurden mit offenen Armen in der Stadt empfangen." Nagel hat Christo und Jeanne-Claude 1995 mehrfach getroffen, ist mit dem Künstler auf dem Reichstag gewesen, hat für die Stadt das Christo-Bild "Wrapped Reichstag" erworben. Kosten: 470 000 Mark, bezahlt aus seinem Haushaltstitel "Dienstleistungen". Deshalb sperrt der damalige Finanzsenator Elmar Pieroth (CDU) ihm kurzzeitig den Haushalt, der Rechnungshof rügt Nagels Eigenmächtigkeit. "Ich habe gesagt: ,Bei der nächsten Reichstagsverhüllung werde ich die Kritik berücksichtigen.'" Er erinnert sich noch sehr gut an den Kleinmut des Kollegen.

"Das Verhältnis der Menschen zum Reichstag hat sich verändert, früher stand er immer nur für Reich, für Kaiserreich, für die NS-Zeit", sagt der CDU-Politiker Pflüger. Die wunderbare Zeit der Reichstagverhüllung habe dann ihre Fortsetzung in dem neuen Reichstag und der Kuppel gefunden. "Die gläserne Kuppel steht auch für das neue Deutschland, die Menschen haben keine Angst mehr vor einem wiederkehrenden Nationalismus", sagt Pflüger. "Der Reichstag ist nach dem Umbau kein düsteres Haus geworden, sondern von Licht durchflutet", sagt Rita Süssmuth. Die täglichen Schlangen vor dem Westportal zeigten, dass die Menschen hineinwollten in das Parlament, sehen wollten, was aus dem Reichstag geworden sei.

15 Jahre sind seit der Verhüllung des Reichstags vergangen. Christo äußert sich über das Projekt nicht mehr öffentlich. Der Künstler, der vor wenigen Tagen 75 Jahre alt geworden ist und am vergangenen Donnerstag mit rund 150 Freunden in Basel gefeiert hat, trauert um seine Ehefrau Jeanne-Claude. Sie ist im Alter von 74 Jahren im November vergangenen Jahres in New York gestorben. "Christo hat sich in die Arbeit gestürzt, er schaut nach vorn", erzählt Michael S. Cullen, der den Kontakt hält. Eines der noch unverwirklichten Projekt von Christo heißt "Over the River" - Planen werden auf zehn Kilometer Länge über den Arkansas-River in Colorado gespannt. Seit 1992 arbeitet Christo an dem Projekt. Lange Kämpfe ist er ja gewohnt.

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