Stadtgrün

Berlin verliert seine Straßenbäume - aus Geldmangel

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J. Anker, S. Flatau und B. Schmiemann

Foto: ddp / DDP

Berlin gilt im internationalen Vergleich als besonders grüne Metropole. Doch die deutsche Hauptstadt wird immer grauer. Vielerorts verschwinden die Straßenbäume. Die Zahl der Fällungen übersteigt die der Neupflanzungen erheblich – in elf von zwölf Bezirken. Ihnen fehlt Geld. Umweltschützer schlagen Arlarm.

Das internationale Renommee Berlins als grüne Stadt ist bedroht. Ein Stück selbstverständlich gewordener Lebensqualität ist in Gefahr. Denn die Berliner Bezirke haben kein Geld, um Straßenbäume zu pflanzen. „Das gewünschte Förderprogramm ist dafür nicht geeignet“, sagt eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Die Bezirke und die Naturschutzorganisation BUND fordern ein Sonderprogramm in Höhe von fünf Millionen Euro, um die Zahl der Straßenbäume im Stadtbild zu erhöhen. Doch das von der Umweltbehörde vorgeschlagene EU-Förderprogramm könne nicht für Baumpflanzungen verwertet werden, sagt die Behördensprecherin weiter. Auch aus Sicht der Stadtentwicklung sei es wünschenswert, mehr Bäume zu pflanzen, es fehle allerdings am nötigen Geld, heißt es aus der Verwaltung.

Nur Friedrichshain-Kreuzberg hält den Bestand

Nach Zählungen des BUND sinkt die Zahl der Straßenbäume seit vier Jahren erheblich. Zwischen den Jahren 2005 und 2007 standen 15000 Fällungen lediglich 8800 Nachpflanzungen gegenüber. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg halten sich Fällungen und Nachpflanzungen die Waage. In allen anderen Bezirken sinkt die Zahl der Straßenbäume kontinuierlich.

Die Grünen fordern den Senat auf, in Zusammenhang mit dem Konjunkturprogramm jetzt auch Geld für Straßenbäume bereit zu stellen. „Durch das Konjunkturprogramm II hat Berlin die Chance, dieses dringend benötigte Programm endlich zu starten“, sagt der Naturschutz-Experte der Fraktion, Stefan Ziller.

Insgesamt verfügt Berlin nach Angaben der Stadtentwicklungsverwaltung über 419.000 Bäume. Die Behörde räumt ein, dass mehr Bäume gefällt als gepflanzt werden, verweist aber auf die Entwicklungsgebiete in der Stadt, wie Adlershof oder die Rummelsburger Bucht, wo im Zug der Entwicklung eine Vielzahl neuer Bäume gepflanzt worden sind.

Tausende Bäume fehlen allein durch Sturmschäden

Nach Schätzungen der Gartenbauämter fehlen im Straßenbild dagegen 9000 Bäume. Durch die Sturmereignisse der vergangenen Jahre und das ständige Kürzen der Mittel für die Grünflächenunterhaltung müssten allein in Charlottenburg-Wilmersdorf inzwischen rund 1600 Straßenbäume nachgepflanzt werden, in Spandau sind es 1200, in Mitte 800. „Die Lage spitzt sich zu. Insbesondere deshalb, weil wir in den kommenden Jahren mit verstärkten Abgängen unserer in den 50er- und 60er-Jahren gepflanzten Bäumen rechnen müssen“, warnt Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Von Januar 2007 bis 2009 sind etwa in Charlottenburg-Wilmersdorf 1423 Bäume gefällt und nur 606 Bäume nachgepflanzt worden.

Im grünen Steglitz-Zehlendorf mit seinen 61000 Straßenbäumen ist die Lage auch nicht besser. Nur 139 der 466 gefällten Bäume wurden im Jahr 2007 ersetzt. In den Vorjahren sah es noch schlechter aus. 2005 wurden 642 Bäume gefällt, 112 nachgepflanzt; 2006 waren es 542 gefällte Bäume und 160 Nachpflanzungen.

Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) unterstützt deshalb den Appell aus der City-West nach mehr Geld: „Das Abgeordnetenhaus sollte über ein Straßenbaum-Nachpflanzprogramm nachdenken und den Bezirken eine zweckgebundene Zuweisung dafür geben.“ Aus dem ohnehin nicht ausreichenden Grün-Etat könne diese Aufgabe nämlich nicht geleistet werden. „Die fehlenden Bäume addieren sich über die Jahre, es wird Zeit, gegenzusteuern“, fordert Stäglin.

Keine Pflanzpflicht bei altersbedingten Fällungen

Im Schnitt koste eine Baum-Ersatzpflanzung rund 600 Euro. Die Baustadträte gehen davon aus, dass sich die Situation in den nächsten Jahren noch weiter zuspitzen wird. Viele Bäume der Stadt würden altersbedingt gefällt werden müssen.

In Steglitz-Zehlendorf wird versucht, das Missverhältnis zwischen gepflanzten und gefällten Bäumen auch über Spenden auszugleichen. Doch das reicht nicht. Auch die Ausgleichsabgaben, die private Grundstückseigentümer leisten, wenn sie wegen Bauarbeiten Bäume fällen, werden für Nachpflanzungen eingesetzt. Das kompensiere allerdings nicht den Gesamtverlust, sagt Stäglin.

Eine Verpflichtung zum Nachpflanzen von Bäumen gibt es übrigens nur dann, wenn beispielsweise eine neue Straße gebaut wird. Kranke Bäume, die gefällt werden, müssen nach Auskunft von Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler nicht ersetzt werden: „Wenn der Eigentümer den Schaden nicht zu vertreten hat, muss er auch nicht nachpflanzen.“

Umfangreiche Nachpflanzungen hat es in jüngster Zeit im Zuge der Baumfällungen am Landwehrkanal gegeben. Dort ließ das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin im Sommer vor zwei Jahren mehr als 30 Pappeln, Weiden und Rosskastanien abholzen. Unterdessen seien als Ersatz etwa 190 neue Gehölze gepflanzt worden, sagt Evelyn Bodenmeier, Sprecherin des Wasser- und Schifffahrtsamtes. „Die jungen Bäume stehen jedoch nicht am Kanal, sondern meist an Straßen in der Nähe.“

Unter den 419.000 Bäumen der Stadt ist mit Abstand am häufigsten die Linde anzutreffen (153.300). Es folgen Ahorn (82.400) und Eiche (36.200). Am seltensten sind im Berliner Stadtbild Weißbuche (5000) und Ulme (3600) vertreten.