Arbeitsmarkt

Warum immer mehr Berliner auswandern

Weniger arbeiten, und dafür mehr Geld bekommen - was utopisch klingt, wird für viele Berliner Arbeitnehmer Realität, wenn sie auswandern. Vor allem Handwerker, Krankenschwestern und Ärzte kehren daher Berlin den Rücken. Selbst fehlende Sprachkenntnisse sind kein Hindernis.

Foto: Michael Brunner

Für hiesige Arbeitsvermittler ist Joachim Werner ein hoffnungsloser Fall. Der 29 Jahre alte Maler und Lackierer aus Pankow ist mittlerweile seit sieben Jahren arbeitslos, lebt von Hartz IV. „Die Angebote, die vom Arbeitsamt kamen, waren alle nichts für mich“, sagt er. „Die wenigen Jobs, die es überhaupt gibt, sind schlecht bezahlt.“ Doch Joachim Werner ist weit davon entfernt, hoffnungslos zu sein. Denn er weiß, dass sein Können woanders gefragt ist. Und so sitzt er bereits auf gepackten Koffern: Er will sein Glück im Ausland suchen.

Mit dieser Idee steht Joachim Werner nicht allein da. Immer mehr Berliner kehren der Hauptstadt den Rücken und gehen ins Ausland. Als Klempner in die Niederlande, als Maurer nach Australien, als Arzt nach England. „Deutsche Fachkräfte sind gefragt“, sagt Rita Schulze von der privaten Personalvermittlung Traject.

„Viele Menschen sind mittlerweile bereit wegzugehen, wenn sie dann bessere Arbeitsbedingungen vorfinden“, sagt die Vermittlerin. „Die Nachfrage nach Jobs im Ausland ist groß.“ Und private Vermittlungsagenturen, die sich auf das Ausland spezialisiert haben, schießen wie Pilze aus dem Boden. Jobbörsen, die in Workshops und bei Infotagen über Arbeit im Ausland informieren wollen, platzen aus allen Nähten. „Die Arbeiter sind hier einfach oft frustriert“, sagt Rita Schulze. „Ihnen wird auch kaum noch eine Wertschätzung entgegengebracht. Im Ausland ist das anders, da gilt der deutsche Facharbeiter noch etwas.“

Allein die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur (ZAV) gibt an, dass sie im vergangenen Jahr 512 Berliner ins Ausland vermittelt hat – immerhin 30 mehr als 2007. In Brandenburg waren es 430 Vermittlungen, während es im Vorjahr nur 380 waren. Ein Trend, den es auch bundesweit gibt. Suchten im Jahr 2007 über die ZAV noch 8560 Menschen einen Job im Ausland, waren es im Jahr darauf schon 9500, die sich für eine Arbeit im Ausland interessierten und dann auch vermittelt werden konnten.

Steuerfreies Geld für Freizeitarbeit

Wie viele von privaten Agenturen vermittelt wurden oder sich auf eigene Initiative einen Job suchten, darüber gibt es noch keine genauen Angaben. Klar ist nur: Die Zahl derjenigen, die im Ausland einen Neuanfang wagen, steigt.

Da ist zum Beispiel Sainab Khalaf (26). Die Krankenschwester hatte einen Job im Neuköllner Klinikum auf der Intensivstation. „Ich war manchmal allein für vier Patienten zuständig“, sagt sie, „hatte keine Zeit für eine Pause, konnte nichts zwischendurch essen.“ Sie machte bis zu neun Nachtdienste im Monat, arbeitete an Wochenenden und Feiertagen. Doch mit allen Zuschlägen kam sie gerade mal auf 1300 Euro netto. Frustriert beschloss sie deshalb im vergangenen Jahr, sich außerhalb von Deutschland umzusehen. Die Agentur Med-jobs aus Hamburg half ihr bei der Suche – die dann nicht besonders lange dauerte.

„Medizinisches Personal ist sehr gefragt“, sagt Kate Pullicino von der Agentur. Und so packte Sainab schon bald ihre Koffer und reiste nach London. Aufgeregt, aber nicht ängstlich.„Es lief ja auch alles gleich gut. Das Krankenhaus hatte sofort eine Wohnung für mich“, sagt sie. „Mir gefällt es richtig gut.“

Und zwar nicht nur, weil sie jetzt mehr Geld verdiene als vorher, in Deutschland. „Natürlich freue ich mich, dass ich hier 1700 Euro verdiene“, sagt sie. „Zusätzlich habe ich noch die Möglichkeit, in meiner Freizeit Dienste zu machen, die dann steuerfrei bezahlt werden. Für so einen Dienst bekomme ich 260 Euro.“ Sainab genießt es auch, mehr Zeit für die Patienten zu haben, sich besser kümmern zu können. „Hier ist eine Schwester für einen Patienten zuständig“, sagt sie, „das ist herrlich.“

Doppeltes Gehalt im Ausland

Bis jetzt hat es Sainab noch keine Sekunde bereut, dass sie den Sprung ins kalte Wasser gewagt hat. Die Sprache hat sie im Arbeitsalltag schnell gelernt, mittlerweile hat sie einen Freundeskreis und kennt sich gut aus. „Nur meine Familie fehlt mir natürlich“, sagt sie. Allein deshalb würde sie allerdings nicht zurückkehren. „Ich kann mir durchaus vorstellen, in England zu bleiben“, sagt sie. „Die Bedingungen sind einfach so viel besser.“

Diese Erfahrung hat auch Maren Kusch gemacht. Die 36-jährige Kinderärztin verließ im November das Vivantes-Klinikum Neukölln und ging ebenfalls nach England. Sie lebt in Petersfield, einer Kleinstadt in Hampshire. „In Deutschland hat man als Arzt kein Privatleben“, sagt sie. „Es gibt viele 24-Stunden-Dienste im Monat, und man verdient im Jahr nicht mehr als 45.000 Euro brutto.“ Das hat sie ein paar Jahre mitgemacht, dann habe sie „die Faxen dicke gehabt“. In England kommt die junge Ärztin jetzt fast auf das doppelte Gehalt. „Und zwar ohne diese vielen Dienste zu haben.“ Auffällig findet sie auch, dass in England die Ärzte mehr mit den Patienten beschäftigt sind. „In Deutschland hat man nebenbei Unmengen Papierkram zu erledigen, muss sich selbst darum kümmern, dass ein Patient ein Bett auf der Station bekommt.“ Das laufe in englischen Krankenhäusern anders. „Dafür gibt es hier Sekretärinnen“, sagt sie. „Die Ärzte sollen sich um die Kranken kümmern.“

Wolfgang Wannoff, Geschäftsführer der Agentur Panacea 4U, die sich darauf spezialisiert hat, medizinisches Personal ins Ausland zu vermitteln, kann verstehen, warum Ärzte und Krankenschwestern die Flucht antreten. „Wir behandeln sie hier nicht gut“, sagt er, „kein Wunder also, dass sie sich woanders umschauen.“ Rund 100 Jobs hat er im vergangenen Jahr vermittelt. Die meisten gingen nach England, einige auch nach Skandinavien. „Die Nachfrage ist weiterhin groß“, so der Experte.

"Ich gehe dorthin, wo ich Arbeit finde“

Doch nicht nur die medizinischen Fachleute aus Deutschland sind im Ausland gefragt. Auch viele andere Berufsgruppen haben gute Chancen. Ein Lehrer, der sich noch in Berlin im Referendariat befindet und deshalb seinen Namen nicht sagen will, hat bereits jetzt einen Arbeitsvertrag für ein großes Internat in der Schweiz in der Tasche. „Da gehöre ich dann auch gleich zur Internatsleitung“, sagt er. „In Deutschland müsste ich mich dafür erst mal Jahre lang hocharbeiten.“ Und sein Einstiegsgehalt im Nachbarland liegt etwa bei dem, was hier ein Schulleiter bekommt.

Dass man in Deutschland für seine Arbeit zu wenig bekommt, diese Erfahrung hat auch Holger Kurpat-Schindler schon gemacht. Der 30-jährige Gas- und Wasser-Installateur aus Reinickendorf hat schon vor Jahren beschlossen, „dass das hier nichts mehr bringt“. Etwa 1200 Euro habe er in Berlin verdient. „Ich habe dann sofort einen Job in Österreich gefunden, bei dem ich das Doppelte verdient habe“, sagt er. Glücklich war er dort allerdings trotzdem nicht. „Ich bin mit den Menschen dort nicht so richtig warm geworden“, erzählt er.

Deshalb kam er zurück nach Berlin – aber nur, um sich wieder etwas im Ausland zu suchen. Jetzt geht er in die Niederlande. „Dort fühle ich mich hoffentlich wohler“, sagt er. Dass er die Sprache nicht kann, stört ihn erst mal nicht. „Da komm ich schon klar“, sagt er, „mein Englisch geht so einigermaßen.“ Und selbst, wenn er sich dort nicht sofort wohlfühlt, wird er erst einmal dableiben. „Ich gehe dorthin, wo ich Arbeit finde“, sagt er. „Und vor allem dahin, wo ich für meine Qualifikation auch bezahlt werde.“

"Hier sind meine Wurzeln"

Geld allein steht bei Petra Kohts (31) nicht so im Vordergrund. Doch auch sie wird in wenigen Wochen Deutschland den Rücken kehren. Die Sonderpädagogin hat ihre Stelle aufgegeben und sich beim evangelischen Entwicklungsdienst anstellen lassen. In dieser Funktion geht sie jetzt nach Nepal, um benachteiligten Jugendlichen zu helfen, eine Ausbildung zu machen.

„Das ist eine Herausforderung für mich“, sagt sie, „denn dort werde ich unter ganz anderen Bedingungen arbeiten als in Deutschland.“ Im Vordergrund steht für sie der humanitäre Aspekt, sie will Menschen helfen. Ihr Gehalt entspricht in etwa dem, was sie in Deutschland auch verdienen würde. „Aber in Nepal habe ich nur sehr geringe Lebenshaltungskosten“, sagt sie, „und so habe ich ein finanzielles Polster, wenn ich eines Tages nach Deutschland zurückkomme und nicht sofort wieder einen neuen Job finde.“ Zurückkehren will sie aber auf jeden Fall. „Hier sind meine Wurzeln.“

Das spielt für Maler Joachim Werner schon länger keine Rolle mehr. „Hier habe ich doch gar keine richtige Chance“, sagt er. „Dann gehe ich halt woandershin.“ Obwohl er sich gerade erst beworben hat, hat er bereits ein Job-Angebot aus Österreich. „Vielleicht nehme ich das gleich an“, sagt er. Nebenbei will er Englisch lernen. „Denn mein Traum ist es, eines Tages in den USA zu arbeiten“, sagt er. Am liebsten in Florida. Und ob er dann von da noch einmal zurückkommen würde nach Berlin, kann er nicht sagen. „Wenn ich dort die Frau meines Lebens finde, sicher nicht“, sagt er, „dann bin ich weg.“