Sozialatlas

Arm und Reich leben in Berlin klar getrennt

Wedding und Moabit, Kreuzberg und Nord-Neukölln heißen die Verlierer Berlins. Hier liegen die Problemzonen der Stadt, wie der neue Sozialatlas zeigt. 50 Millionen Euro will das Land nun für diese Gebiete bereit stellen. Es gibt aber auch Aufsteigerviertel.

Der neue Sozialatlas, den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorgelegt hat, zeigt vor allem eines: Berlins soziale Probleme konzentrieren sich im Wesentlichen auf fünf Stadtgebiete.

Dazu gehören insbesondere die drei westlichen Innenstadtbezirke von Wedding und Moabit, Kreuzberg und Nord-Neukölln, in denen insgesamt mehr als 400.000 Einwohner leben (13 Prozent der Gesamtbevölkerung). Am Stadtrand haben sich zudem Teile von Marzahn-Hellersdorf sowie Spandau zu größeren, zusammenhängenden Problemzonen entwickelt.

Die Zahlenbasis, auf die sich die Wissenschaftler der Humboldt-Universität um den Stadtsoziologen Hartmut Häußermann beziehen, liefern Daten, die zum 31. Dezember 2007 erfasst wurden. "Insgesamt war das Jahr 2007 ein gutes Jahr für Berlin", resümierte Professor Axel Werwatz, der die Studie mit dem sperrigen Titel "Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2008" gemeinsam mit Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) vorstellte. So sei die Zahl der Arbeitslosen sowie der Bezieher von Transferleistungen in allen Berliner Stadtteilen zurückgegangen. Jedoch habe sich gezeigt, dass nicht alle Gebiete gleichermaßen vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung profitieren konnten.

Für die Untersuchung wurde Berlin in 319 Untersuchungsgebiete, so genannte Verkehrszellen, eingeteilt. Dort wurden insgesamt zwölf Faktoren, allen voran Arbeitslosigkeit, Bezug von Transferleistungen sowie Wegzüge von Familien untersucht. Die Ergebnisse aller Faktoren führen zu einer Einordnung in vier Gruppen, wobei Gruppe 1 die beste Entwicklung (in der Karte grün) zeigt, Gruppe 4 die schlechtesten Kennzahlen (rot) aufweist.

"Anhand dieser Studie bekommen wir ein Frühwarnsystem an die Hand, das uns zeigt, wo wir stärker intervenieren müssen", beschreibt die Senatorin den Sinn der Studie. Ganz konkret bedeute dies, dass man in diese fünf Gebiete verstärkt Mittel aus den Städteförderungsprogrammen von Bund und Land investieren wolle. "Wir werden 50 Millionen Euro Fördermittel für diese Gebiete bereitstellen", kündigte Junge-Reyer an.

Ob sich der Negativtrend mit dem geballten Einsatz von öffentlichen Mitteln in diesen Kiezen bremsen lässt, wird der nächste Sozialatlas zeigen. Die Studie, die erstmals vor zehn Jahren erschien und seitdem in zweijährigen Intervallen fortgeschrieben wurde, soll künftig jedes Jahr erscheinen. Im vergangenen Jahr wurden die fünf "geballten Problemzonen" bereits mit insgesamt 32 Millionen Euro unterstützt, ohne dass dies die Problemlage wesentlich ändern konnte, wie die Senatorin einräumte. Langfristige Erfolgsgeschichten, wie etwa im Quartier rund um den Boxhagener Platz (Friedrichshain) jedoch würden beweisen, dass Quartiersmanagement und die Fördermittel zur Altbausanierung "durchaus geeignete Mittel der sozialen Stadtentwicklung sind."

Um zu verhindern, dass Besserverdiener und Familien mit Kindern aus Problemgebieten wegziehen und nur die Armen übrig bleiben, müssten künftig verstärkt auch die Ausbildungs- und Schulsituation in den Fokus rücken, sagte die Senatorin. "Nur so können wir verhindern, dass der Lebensweg von Kindern aus den sozial schwachen Gebieten nicht vorgezeichnet ist." In den kommenden zwei Wochen will die Senatorin sich deshalb mit den Verantwortlichen in den Bezirken treffen, um mit ihnen über die Ergebnisse der Studie und mögliche Hilfsmaßnahmen zu sprechen. "Die Studie zeigt ja nur auf, wo sich die Situation verbessert oder auch verschlechtert hat", sagt Junge-Reyer. Nun müsse die Ursachenforschung folgen.

Als Beispiel kann etwa die "Verkehrszelle 0291" dienen: Rund um die Galenstraße in Spandau verschlechterten sich sämtliche Indikatoren, so dass das Gebiet von Gruppe zwei nach Gruppe vier rutschte. "Wir müssen jetzt in Ruhe analysieren, wie es dazu kommen konnte", so die Senatorin. Als Aufsteiger können die Perleberger Straße oder der Platz der Luftbrücke dienen. Warum gerade hier die Verbesserung so deutlich ausfiel, muss ebenfalls ermittelt werden.