Alte Infotafeln

Berliner S-Bahn verwirrt ihre Kunden

Die S-Bahn verzichtet auf ihren Stationen immer öfter auf moderne, flexible Informationstafeln, die die Ziele des jeweils nächsten Zuges anzeigen. Stattdessen werden simple Blechtafeln angebracht. Sie informieren nur noch über die Richtung der Bahn im Allgemeinen. Fahrgäste müssen nun raten, wohin die Reise geht.

Foto: Igeb

S-Bahn fahren im Außenbereich Berlins wird künftig auf immer mehr Stationen zur Denksportaufgabe. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn ersetzt die bisherigen flexiblen Fahrtrichtungsanzeiger derzeit durch simple Blechtafeln. Die Schilder informieren lediglich über die Richtung, in die die Züge vom jeweiligen Bahnsteig fahren, nicht aber über den exakten Zielbahnhof.

Die Folge: Auf der S-Bahnlinie S1 etwa dürfen die Kunden auf dem Südabschnitt bei jeder S-Bahn rätseln, ob sie bis Oranienburg durchfährt, in Frohnau endet oder bereits in Schöneberg. Aufschluss geben nur noch die Anzeigen am und im Zug. Der Fahrgastverband Igeb spricht von einer „dramatischen Verschlechterung“ der Fahrgastinformation. Während im Innenstadtbereich, auf dem Ring und Teilen der Stadtbahn, Kunden inzwischen durch das neue Betriebs- und Informationssystem (BIS) sogar über die exakte Wartezeit bis zum nächsten Zug informiert würden, mache die S-Bahn auf den Außenstrecken Rückschritte beim Service.

Und die Igeb hat noch andere Negativbeispiele ausgemacht. Außerhalb der Hauptverkehrszeit würden auch an den Bahnhöfen Jannowitzbrücke und Friedrichsfelde Ost keine flexiblen Anzeigen mehr geschaltet, kritisiert Igeb-Vize Jens Wieseke. „Gerade bei letzterem ist das fatal“, so Wieseke. „In Fahrtrichtung Osten wissen die Kunden nicht, ob der nächste Zug nach Wartenberg, Ahrensfelde oder Strausberg Nord fährt.“

S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz bestätigte die Pläne. Künftig werde es nur noch innerhalb des S-Bahn-Rings und an wichtigen Umsteigebahnhöfen flexible Anzeigen geben.

Begründung: Niemand kann die Tafeln bedienen

Hauptgrund: Schon jetzt gibt es auf nur noch etwa 60 der insgesamt 166 S-Bahnhöfe Personal, das die Anzeigen bedienen könnte. Und selbst die letzten Bahnsteigaufsichten sollen – so die Planungen der S-Bahn – bis Ende 2009 verschwinden. Nur noch auf 21 Stammbahnhöfen sollen dann Mitarbeiter den Betrieb kontrollieren, per Monitor auch die personalfreien Bahnhöfe überwachen und über Info-Säulen auf den Bahnsteigen für die Kunden erreichbar sein. Von ehemals 900 Aufsichten werden am Ende nur gut 120 übrig bleiben, unterstützt durch ebenso viele mobile Servicekräfte. Informationen, wonach es intern bereits Überlegungen gebe, auch die Zahl der Stammbahnhöfe weiter zu reduzieren, wollte der S-Bahn-Sprecher weder bestätigen noch dementieren.

Fraglich ist aber, ob das Unternehmen den Zeitplan für den Personalabzug überhaupt halten kann. Kernprojekt der Pläne ist nämlich die Einführung eines neuen Zugabfertigungssystems. Statt wie bisher die Bahnsteigaufsicht soll künftig auf allen Bahnhöfen der Zugführer selbst den Ein- und Ausstieg überwachen, entscheiden, wann er die Türen schließt und losfährt.

Ein Testlauf wurde wegen Sicherheitsbedenken gestoppt

Auf vielen personalfreien Stationen funktioniert das bereits, indem der Fahrer kurz seine Kabine verlässt. Wo das nicht möglich ist, etwa weil der Bahnhof in einer Kurve liegt, soll Technologie helfen. Videokameras bieten dem Fahrer freie Sicht auf den gesamten Bahnsteig. Deren Bilder werden per Funk auf einen Monitor in der Zugführerkabine übertragen. Zusammen mit dem Betriebs- und Informationssystem (BIS) markiert das System namens ZAT für die bis vor wenigen Jahren technisch veraltete Berliner S-Bahn den Schritt in die Hightech-Zukunft. 42 Millionen Euro lässt sich die Bahn das Gesamtpaket kosten. Binnen fünf Jahren soll sich die Investition dank der Personaleinsparung amortisiert haben. Auf mehreren Ringbahnhöfen ist ZAT bereits installiert.

Doch wann die neue Technik in Betrieb gehen kann, ist offen. Einen Testlauf ließ das für die Genehmigung zuständige Eisenbahnbundesamt (EBA) Mitte Mai wegen Sicherheitsbedenken bis auf Weiteres stoppen. Es gebe Zweifel, ob die Zugführer durch die Vielzahl der zusätzlichen Informationen und Arbeitsabläufe nicht überfordert seien, bestätigt EBA-Sprecherin Bettina Baader. Die S-Bahn Berlin sei aufgefordert worden, weitere Gutachten vorzulegen. Erst wenn die Bonner Behörde grünes Licht gibt, darf die S-Bahn die Umsetzung ihrer Pläne weiter vorantreiben. Dann, so betont Baader, sei aber zunächst ein erneuter Testlauf vorgeschrieben.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.