Steigende Preise

Energiekosten machen Berlin noch ärmer

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Joachim Fahrun

Foto: picture-alliance / Berliner_Zeit / Berliner_Verlag

Nicht nur Privathaushalte, sondern auch Behörden, Verwaltungen und Unternehmen bekommen die hohen Energiepreise zu spüren. So wird es für die Berliner Bäderbetriebe bereits jetzt zum Luxus, Schwimmhallen und Saunen zu beheizen. Im Winter kommt es dann noch schlimmer. Jetzt soll noch schnell gegengesteuert werden.

Wenn die frühen Schwimmer im Sommerbad am Insulaner ihre Bahnen ziehen, dann betreiben sie in Zeiten stark steigender Preise für Strom, Öl und Gas einen Luxussport. „Bäder sind per se Energiefresser“, sagt Klaus Lipinsky, Vorstandschef der Berliner Bäderbetriebe (BBB). Beispiel Hallenbad: Das Wasser auf 27 Grad geheizt, die Luft noch zwei Grad wärmer, dazu weite Glasfronten, durch die im Winter die Kälte kriecht, stromintensive Umwälzanlagen, stark beheizte Saunen und was sonst noch so alles Besucher in die 63 Bäder locken soll.

20 Prozent des Budgets, rund 13 Millionen Euro, verschlingen bei den Bäderbetrieben die Energiekosten. Tendenz steigend. Nachdem ihm die Politik deutliche Worte ins Stammbuch schrieb, hat auch Klaus Lipinsky den Kampf gegen die Teuerung aufgenommen. Mit seinen Ingenieuren prüft er nun Bad für Bad Konzepte für eine energetische Sanierung.

Doch die explodierenden Energiepreise treiben nicht nur den Bäder-Managern die Sorgenfalten auf die Stirn. Auch andere Staatsbetriebe und der Landeshaushalt selbst werden hart erwischt. Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe zeichnen sich ab. Nicht von ungefähr fordern die Grünen, die Stadt müsse sich durch Investitionen in den Klimaschutz von den steigenden Energiekosten unabhängiger machen. Aber die Stadt und ihre Betriebe tun sich schwer, ausreichend Geld für Wärmedämmung, neue Heizungsanlagen und Regelungstechnik zu mobilisieren. Aber es ist vor allem die schlechte soziale Lage vieler Berliner, die auch in der Energiefrage Berlin teuer zu stehen kommt. Denn neben den Energiekosten für öffentliche Schulen, Kitas und Behördengebäude muss die Stadt den 346.000 Haushalten von Hartz-IV-Empfängern die gestiegenen Rechnungen für ihre Heizung begleichen. 2007 schlug dieser Posten nach Angaben der Finanzverwaltung mit 164 Millionen Euro zu Buche. Eine Vorausberechnung, wie sich die steigenden Preise vor allem für Gas auswirken, gebe es nicht, sagte die Sprecherin von Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD).

Der Städte- und Gemeindebund geht jedoch allein für 2008 für alle deutschen Kommunen von einer zusätzlichen Belastung von 25 Prozent aus. Umgerechnet auf Berlin würde das Mehrkosten von rund 40 Millionen Euro nur für die Heizkosten von Hartz-IV-Empfängern bedeuten.

Für die öffentlichen Gebäude gab Sarrazin im vergangenen Jahr für Strom, Gas und Fernwärme 130 Millionen Euro aus. Das ist etwa ein Drittel dessen, was die Stadt für ihre gesamte Kultur leistet.

25 Prozent mehr Kosten für Gas

Der Preisschock, der nach Berechnungen des Wirtschaftsinstituts RWI auch jeden durchschnittlichen Privathaushalt seit Jahresbeginn um die 650 Euro gekostet hat, wird mit gewisser Zeitverzögerung auch die öffentlichen Kassen treffen. Berlins Immobilienmanagement GmbH, die rund 900 öffentliche Gebäude verwaltet und die Räume an die Nutzer aus den Behörden vermietet, rechnet mit 25 Prozent höheren Kosten für Gas und bis zu zehn Prozent für Fernwärme. Sprecherin Katja Potzies sagte, viele Gebäude hätten einen hohen Sanierungsbedarf. Tatsächlich zieht es nicht nur in vielen Schulen durch die Fenster, sondern auch im Hochhaus der Senatsbauverwaltung.

Feuerwehr und Polizei rechnen mit Mehrbelastungen vor allem für Diesel. Aber die Dimension könne man noch nicht angeben, heißt es von der Polizei. Sicher ist aber, dass das ohnehin knappe Budget der Ordnungshüter bei jeder Fahrt zur Tankstelle arg strapaziert wird.

Bei der BSR wird ein spritsparender Fahrstil geübt

Auch die öffentlichen Betriebe richten sich auf höhere Kosten für Strom, Gas oder Diesel ein. Die BSR bemüht sich, ihren Müllwagenfahrern einen spritsparenden Fahrstil beizubringen. Wenn die Kosten für Treibstoff schneller steigen als die Inflationsrate, muss die Stadtreinigung anderswo mehr einsparen, um ihr Ziel zu erreichen, die Gebühren nur unterhalb der Inflationsrate ansteigen zu lassen.

Gebeutelt wird auch die BVG, obwohl voraussichtlich als Reaktion auf die hohen Benzinpreise mehr Autofahrer auf Bus und Bahn umsteigen. Genaue Zahlen darüber gibt es noch nicht. Dafür ist die Kostenexplosion bereits gut dokumentiert. Die Busse der BVG schlucken pro Jahr 45 Millionen Liter Diesel. Und obwohl der Großabnehmer günstigere Konditionen bekommt, liegen die Verkehrsbetriebe bei den Kosten für Sprit und Strom um 10 Millionen Euro über Plan. Statt der veranschlagten 92 wird BVG-Chef Andreas Sturmowski 102 Millionen Euro überweisen müssen.

Ob nun die Hauptstadt künftig unabhängiger von hohen Energiepreisen wird, hängt vom Erfolg beim Energiesparen ab. Bäder-Chef Lipinsky beschreibt das Dilemma, das auch die Immobilienmanager der BIM trifft: Zwar amortisierten sich neue Heizungen und Wärmedämmung schon nach zehn Jahren, weil bis zu 30 Prozent Energie eingespart werden könne. Aber die Bäderbetriebe dürfen ebenso wie die BIM keine Kredite aufnehmen, um solche Investitionen zu finanzieren. Sie sind darauf angewiesen, entweder vom Senat Investitionsmittel zu erhalten oder Fördertöpfe des Bundes oder der EU anzuzapfen. Zusätzliche Investitionen in den Klimaschutz lehnte Finanzsenator Thilo Sarrazin bisher ab, um den überbordenden Schuldenstand des Landes nicht weiter aufzublähen.

Die Grünen kritisieren, diese Haltung entlarve alle Bekenntnisse des Senats zum Klimaschutz als Lippenbekenntnisse. Jetzt allerdings drängen auch die SPD-Umweltpolitiker darauf, es den Verwaltern öffentlicher Liegenschaften zu ermöglichen, Kredite aufzunehmen und ihre einzelnen Objekte direkt zu beleihen.