Berliner Spaziergang

Nils Busch-Petersen - ein gewichtiger Handelsmann

Wir treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Nils Busch-Petersen, Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg.

Spaziergang mit Nils Busch-Petersen

Spaziergang mit Nils Busch-Petersen

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Es regnet Bindfäden. Wahrlich kein Spaziergehwetter. Aber wie heißt es so schön im Norden: Es gibt kein Schietwetter, nur falsche Kleidung. Nils Busch- Petersen hat die richtige gewählt. Grauer wetterfester Lodenhut, halblanger grauer, alles Nass abweisender Mantel, den er vor Jahren in Amerika erstanden hat. Ich habe einen übergroßen Regenschirm dabei. So machen wir uns auf von unserem Treffpunkt vor dem Pankower Rathaus Center zum Pankower Bürgerpark.

Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin- Brandenburg, kennt sich aus in Pankow. Hier hat er sein Abitur gemacht, hier wohnen er und mittlerweile auch seine beiden verheirateten Kinder, hier ist er gleich nach dem Fall der Mauer Bezirksbürgermeister gewesen. Nur für ein paar Monate. Aber für immer bleibt er Berlins jüngster Bürgermeister, seit das vorgeschriebene Mindestalter vor ein paar Jahren auf 28 erhöht worden ist. Davon erzählt er, als wir, kaum gestartet, am Rathaus vorbeikommen.

Er sei damals 27 Jahre alt gewesen, saß nach der „Schummelwahl“ im Mai 1988 für die FDJ als Abgeordneter in der Bezirksversammlung, nach dem Zusammenbruch der DDR war er Mitorganisator des runden Tisches im Bezirk, gewann dort an Profil, weil er einerseits von den Alt-Funktionären Aufklärung über die Wahlfälschungen verlangte, andererseits sich um Zusammenarbeit mit den oppositionellen Tischnachbarn bemühte, Organisationstalent und Durchsetzungskraft bewies.

Als der amtierende Bürgermeister sich weigerte, sich vom runden Tisch im Amt bestätigen zu lassen, musste er zurücktreten. Die Tischrunde drängte Busch-Petersen, als Nachfolger zu kandidieren. Mit einer Stimme Mehrheit wurde er im Februar 1990 gewählt. Für 108 Tage blieb er bis zur ersten freien Kommunalwahl im Mai Rathauschef. Eine Wiederwahl hatte er von vornherein abgelehnt.

Pankow ist seit der Kinderzeit sein Kiez

Warum? „Ich habe in dieser Umbruchzeit Erfahrungen bis hin zu Morddrohungen gemacht, die mir eine politische Karriere wenig erstrebenswert erscheinen ließen. Und ich war überzeugt, dass ich als Teil des abgewählten Systems nicht nahtlos ein neues Mandat übernehmen sollte.“ Nils Busch-Petersen ist in einer systemnahen Familie aufgewachsen. Er war SED-Mitglied, sein Vater renommierter Kinderarzt, erst in Rostock, bis man ihn 1975 als Chef einer Kinderklinik nach Berlin berief. „Als Zwölfjähriger wurde ich von meinen Eltern nach Berlin verschleppt. Seitdem ist Pankow mein Kiez.“

Studiert hat er Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität, war dann Assistent am Lehrstuhl für Diplomaten- und Konsularrecht in Potsdam-Babelsberg, für ein paar Monate auch im konsularischen Dienst der DDR in Moskau. Da stellt sich die Frage, wie bei diesem bisherigen Lebensweg sich der ganz Neue hin zum Cheflobbyisten der Einzelhändler in Berlin und Brandenburg geöffnet hat?

Wie so oft spielten Zufall und Pragmatismus in jener Zeit der kollabierenden DDR auch für die weitere Karriere Nils Busch-Petersens die entscheidende Rolle. Als er als Jung-Bürgermeister eines Tages auf dem Rathausflur das Werbeplakat einer Versicherung entdeckte, war er – weil Werbung in seinem Haus verboten – empört und ließ nach dem Verantwortlichen fahnden. Das war ein Spielwarenhändler. Der begründete die Werbung damit, das Unternehmen unterstütze Ost-Berliner Einzelhändler finanziell ein wenig dabei, einen eigenen Verband zu gründen. Nach kurzem Nachdenken schlug Busch-Petersen einen Kompromiss vor: Wenn der Händler ein paar Spielsachen für das Wartezimmer im Rathaus spende, dann könne man ein Auge zudrücken. Angesichts der langen Wartezeiten im Amt wusste Busch-Petersen um die vielen quengelnden und sich langweilenden Kinder. Ein erster Beweis für Kundennähe, zugleich der Beginn einer Freundschaft mit dem Kaufmann Heinz Rothholz.

Der fragte irgendwann, was der Kurzzeit-Bürgermeister denn für die Zeit danach plane. Er habe, so Busch-Petersen, fünf Angebote, eins als Anwalt. Alle habe ihm der neue Freund madig gemacht, stattdessen vorgeschlagen: Komm zu mir. Ich habe zwar keinen Pfennig, aber etwas, wo du deinen eigenen Laden aufbauen kannst. Er brauche einen Geschäftsführer für seinen gerade gegründeten Verband. Da sei Musik drin, da könne was Erfolgreiches draus werden. Busch-Petersen schlug ein.

Mit ehrenamtlicher Arbeit ging es zunächst los. Das glaubte Busch-Petersen sich leisten zu können, weil seine Frau Arbeit hatte und die noch kleine Familie, das erste Kind war gerade geboren, ernähren konnte. „Den Handel kannte ich nur als geschurigelter Kunde in der DDR. Mit einer gebrauchten Kugelkopfschreibmaschine und einem Hektografierapparat habe ich angefangen, Verbandsarbeit zu machen.“ Die Kontakte zum damals auch nicht sehr starken West-Berliner Verband wurden schnell enger. So eng, dass beide Verbände fusionierten. 1991 wurde Busch-Petersen Hauptgeschäftsführer. Ein Managerposten, den er seit 2005 auch nach dem Zusammenschluss zum Handelsverband Berlin-Brandenburg innehat.

Es regnet weiter, als wir Pankows Haupteinkaufsstraße, die Breite Straße, verlassen und uns entlang der Wilhelm-Kuhr-Straße dem Bürgerpark Pankow nähern. Und es passt zum Wetter, dass Nils Busch-Petersen redet wie ein Wasserfall – ohne Unterlass, schnell, mit überraschenden Wendungen, immer Aufmerksamkeit gewinnend, weil spannend und interessant. Ein begnadeter Geschichtenerzähler. Auch einer, der sich auf die Schippe nehmen kann. Wenn er etwa sagt, um in seinem Job bestehen zu können, „braucht man schon ein gewisses Kampfgewicht“.

Es ist nicht zu übersehen, dass Nils Busch-Petersen auch körperlich ein Schwergewicht ist. Sind es die Gene oder das gute Essen? „Alles Mögliche. Ich esse gern und gut, trinke auch gern mal einen Wein. Den ersten richtigen Schub aber gab es, als ich mit dem Leistungssport aufgehört habe.“ „Leistungssport?“, entfährt es mir. „Ja, ich bin als Jugendlicher tief in die Mühle des Leistungssports geraten, Ringen, Schwergewicht. Viermal die Woche Training, zwischen den Trainingseinheiten im Trainingslager Essen ohne Ende, am Wochenende Wettkämpfe, war Vize-Bezirksmeister und schon für die Kinder- und Jugendsporthochschule ausgewählt. Das ist mir durch den Umzug nach Berlin erspart geblieben. Wenn Leistungstraining abrupt bei Null endet, hat das Folgen – mein erster voller Hieb in die Breite. Der zweite kam 1991, als ich mit dem Rauchen aufgehört habe. Aber ich kann damit leben.“

Mittlerweile weiß er, dass ein bisschen sportliche Aktivität doch ganz guttut. „Natürlich jogge ich nicht. Dann würden in der Erdbebenwarte in Potsdam ja die Alarmsirenen schrillen. Aber seit 20 Jahren gehe ich mit meiner Frau jede Woche zum Tanzen hier an der Tanzschule am Bürgerpark. Und seit dem Auszug der Kinder haben wir uns einen Hund angeschafft, einen Riesenschnauzer. Mit dem gehe ich jeden Morgen bei jedem Wetter spazieren. Das macht nicht unbedingt dünner, fitter schon.“

Die meisten Händler, sagt er, seien zufrieden

Wir haben genug vom Regen und kehren ein in das kleine Restaurant „Rosenhof“. Nils Busch-Petersen bestellt Bouletten mit Kartoffelsalat, dazu an diesem frühen Nachmittag einen Latte macchiato, ich ein Stück Sachertorte, dazu einen doppelten Espresso. Überfällig, über den Einzelhandel zu reden. Wie also laufen die Geschäfte, aktuell vor allem das bisherige Weihnachtsgeschäft?

„Die meisten Händler sind zufrieden. Auch generell gilt: Die Parameter stimmen in der Stadt. Beschäftigung auf Höchststand, also gute Massenkaufkraft, Touristenzahlen sind gut und weiter wachsend, wir haben Zuzug. Da hat auch der stationäre Handel mehr Grund, sich zu freuen. Auch wenn es immer ein paar Ausnahmen gibt.“ Und der Online-Handel? Wie stark bedroht er die angestammten Ladengeschäfte?

„Zunächst einmal ist Online-Handel natürlich auch Einzelhandel. Aber für den stationären Handel wachsen die Anforderungen. Spezialisierung und vor allem gut ausgebildetes Fachpersonal, das leider nicht leicht zu gewinnen ist, sind heute Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Das Gros der Menschen kauft noch immer vor Ort. Sie informieren sich aber online und wissen dann als Kunde im Laden alles. Darauf müssen die Verkäufer reagieren können. Wir reden mit den Gewerkschaften schon darüber, ob nicht bestimmte Verkaufsfähigkeiten tariflich besser eingestuft werden können.“

Und die Einkaufscenter? Verlieren die, weil es so viele geworden sind, an Attraktivität? „Wir haben 69 Center in der Stadt. Auch sie passen sich veränderten Kundenwünschen an. Passagen werden umgebaut, Läden neu sortiert, in ehemalige Ladenflächen ziehen Restaurants und Cafés ein. Der Trend geht über ein vielfältiges Verkaufsangebot hinaus hin zu Orten auch der Begegnung, der Kommunikation. Derzeit ist nur noch ein neues großes Center in der Pipeline, das in Pankow auf dem früheren Reichsbahngelände. Das kann Pankow, mit 400.000 Einwohnern Berlins bevölkerungsreichster Bezirk, gut gebrauchen. Wie die ganze Stadt die 69 Center.“

Nils Busch-Petersen ist nicht nur ein schwergewichtiger Handelsmann, auch Förderer vieler bürgerschaftlicher Initiativen in Pankow und der schönen Künste für die ganze Stadt. Ein Tausendsassa, immer unter Strom, präsent und voller Ideen. In diesen Tagen bereitet er das Louis-Lewandowski-Festival vor, benannt nach dem gleichnamigen deutsch-jüdischen Komponisten; eine Konzertreihe synagogaler Musik in Berlin und Potsdam (20. bis 23. Dezember) mit Solisten, Chören und Orchestern aus Deutschland, Israel, der Ukraine, Russland und Amerika.

Die Freude an Synagogenmusik und der weite Kreis jüdischer Freunde ist über viele Jahre gewachsen. Seine Eltern hörten diese Sakralmusik auf Schallplatten, pflegten als „Intelligenzler“ Freundschaften zu jüdischen Familien, die meist als Kommunisten in der DDR wieder heimisch geworden waren. Nach 1989 freundete sich Sohn Nils mit Kantor Isaac Sheffer und Chorleiterein Regina Yantian an, organisierte einen Förderkreis, um synagogale Musik als besonderes deutsch-jüdisches Kulturgut zu bewahren. Vorstand und jetzt auch Chef des Festivals ist natürlich – Nils Busch-Petersen.

Hauptberuflich wieder näher beschäftigt er sich und seinen Verband intensiv mit der Geschichte des Handels, die in Deutschland immer auch zu weiten Teilen die Geschichte jüdischer Kaufleute ist. Mit den Warenhausgründern Oscar Tietz oder Adolf Jandorf (KaDeWe) ebenso wie mit dem Schicksal kleiner Handelshäuser. Schreibt Biografien und hält Vorträge über sie.

Wie schafft der Mann das alles? „Ich habe eine wunderbare Frau. Sie trägt alles mit. Sie ist für mich Inspiration und Anker, erdet mich. Ich müsste eigentlich mein Bundesverdienstkreuz durchbrechen. Die Hälfte gehört ihr.“

Zur Person:

Familie: Nils Busch-Petersen wurde 1963 in Rostock geboren, seit 1975 lebt er in Berlin. Er ist verheiratet, die beiden erwachsenen Kinder ebenfalls. Der Doppelname hat Geschichte: 1885 heiratete die Tochter des dänischen Gutsbesitzers Busch den Pächter des Guts namens Petersen. Sie war die letzte Namensträgerin, seitdem der Doppelname.

Ausbildung: Nach dem Abitur studierte Busch-Petersen an der Humboldt-Universität Jura.

Beruf: 1988 Assistent am Lehrstuhl für Diplomaten- und Konsularrecht, kurzzeitig in der Konsularabteilung der DDR-Botschaft in Moskau. Bei der manipulierten Kommunalwahl im Mai 1988 wurde er für die FDJ in die Pankower Bezirksverordnetenversammlung gewählt. Nach dem Fall der Mauer war er Mitorganisator des Pankower Runden Tisches, von Februar bis Mai 1990 Bezirksbürgermeister. 1991 Hauptgeschäftsführer des Berliner Einzelhandelsverbands, seit 2005 auch im fusionierten Verband Berlin-Brandenburg.

Spaziergang: Vom Rathaus Center Pankow entlang der Breiten Straße, die B 96 gequert zur Wilhelm-Kuhr- Straße mit Ziel Pankower Bürgerpark zum „Rosenhof“. Der zwölf Hektar große Park an der Panke war einst Mühlengelände, später Landsitz eines Barons, seit 1907 ist das Gelände ein Bürgerpark.