Berliner Spaziergang

Katherina Reiche: Aus Luckenwalde in die Städte

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit VKU-Geschäftsführerin Katherina Reiche.

EX-Politikerin Katharina Reiche (CDU)

EX-Politikerin Katharina Reiche (CDU)

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

„Wir erleben die Mediterranisierung des Lebens“, sagt Katherina Reiche und spricht einfach weiter. So, als gehöre dieser Ausdruck zu ihrem täglichen Sprachgebrauch. Wie schön das klingt: „Mediterranisierung des Lebens.“ Ich muss kurz innehalten. Beschreibt das nicht genau das, was wir in Berlin gerade in diesem Jahr mit diesem großartigen Sommer erlebt haben? Spielt sich unser Leben in den Städten nicht immer mehr draußen, in den Straßencafés, in den Parks und oder am See ab?

Ich unterbreche kurz. Mediterranisierung? Katherina Reiche, die langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und jetzige Geschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), erklärt mir, dass sie genau das meint, das Leben draußen, sobald es das Wetter zulässt, und was all dies für Veränderungen mit sich bringt: mehr Müll, andere Anforderungen an die Stadtsauberkeit, Lebensqualität, Abfallentsorgung, Mobilität, eine andere Energieversorgung. Darüber lohnt es sich wirklich nachzudenken.

Aber nicht jetzt, später, denn Katherina Reiche spricht schon weiter, sie ist ein sehr gute Rednerin, sie hat viele Botschaften, die sie an diesem Vormittag loswerden will. Es ist einer dieser schönen Herbsttage, die Sonne strahlt vom Himmel. Wir haben uns um 11 Uhr zu einem Spaziergang verabredet, diesmal nicht in Berlin, wo der VKU seinen Sitz hat, sondern in Potsdam, denn hier lebte die 45-Jährige viele Jahre – und sie will mir etwas zeigen.

„Ist das nicht toll, das Hasso-Plattner-Institut?“, fragt Katherina Reiche und blickt sich auf dem Gelände um. An diesem Sonnabend ist ein bisschen weniger los, aber einige Studenten sind schon unterwegs zu den Institutsräumen. „An der Universität Potsdam, habe ich studiert, das Hasso-Plattner-Institut ist mittlerweile Teil der Uni Potsdam“, sagt Katherina Reiche.

Sie, geboren 1973 in der DDR, im brandenburgischen Luckenwalde, besuchte, als die Mauer 1989 fiel, noch die Erweiterte Oberschule. Die „EOS“, wie das zu DDR-Zeiten hieß. Das Abitur machte sie dann, 1992, aber schon am Gymnasium in Luckenwalde. Weil sie Chemie studieren wollte – die Eltern beide Naturwissenschaftler –, ging sie nach Potsdam. „Da wurde die Universität gerade erst aufgebaut, in der DDR war das ja die Pädagogische Hochschule, ,Margots Kaderschmiede‘, wie man damals sagte“, erzählt Katherina Reiche. Warum Chemie? „Ich bin ein sehr analytischer, naturwissenschaftlich interessierter Mensch“, erzählt sie. Schon während ihres Studiums lernte sie die Welt kennen – studierte auch in den USA und in Finnland.

Wie kommt man bloß auf Finnland? „Mein Professor hatte dort wissenschaftliche Partner, die Finnen waren uns in der Geräteausstattung der Labore weit überlegen“, sagt Katherina Reiche. Sie hatte sich zu diesem Zeitpunkt auf Analytische Chemie konzentriert, dort konnte sie experimentelle Reihen machen, die in Potsdam – damals noch im Aufbau zur Volluniversität – nicht möglich gewesen wären. Ihre Diplomarbeit schloss sie mit Auszeichnung ab, dann wollte sie mit der Dissertation beginnen, doch daraus wurde nichts mehr.

"Zum Leidwesen meines Professors hatte ich politisch Feuer gefangen“, sagt Katherina Reiche und lacht. Wir laufen, ja, wir schlendern über den Campus, denn Katherina Reiche ist zum Spaziergang in High Heels gekommen. Die passen perfekt zu ihrem Hosenanzug, sind aber für einen Herbstspaziergang gänzlich ungeeignet. „Ich zeige Ihnen den Campus, dann ziehe ich mir am Auto andere Schuhe an“, sagt sie. So machen wir es.

Das Studium hat ihr auch in der Politik geholfen

Auf die Wissenschaft folgt die Politik. „Da haben Sie ja etwas gemein mit Angela Merkel.“ Diesen Hinweis hört Kathe­rina Reiche nicht zum ersten Mal. „Wir haben sogar beim gleichen Professor studiert, ich allerdings ein paar Jahre später“, sagt sie und lacht. Hat ihr das naturwissenschaftliche Studium in der Politik geholfen? „Sehr, ich habe immer strukturiert und organisiert gearbeitet. Wenn Jura als Nebenfach möglich gewesen wäre, hätte ich es gerne dazugewählt“, sagt Katharina Reiche.

Als die Potsdamerin im Jahr 1996 ihr Studium beendet hat, liegt die Brandenburger CDU bei zehn bis elf Prozent. Sie wird gefragt, ob sie für den Bundestag kandidieren will – und sagt „Ja“. „Da kam ich meinem Professor abhanden, der gar nicht begeistert war“, sagt Ka­therina Reiche und lacht. Sie erinnert sich noch sehr gut an diese Zeit. Der damalige CDU-Kreischef Wolfgang Hackel unterstützt sie, zu einem Zeitpunkt, als der Kandidat der Linken, Rolf Kutzmutz, zugeben muss, dass er nicht alles über seine Stasi-Mitarbeit erzählt hatte. Kutzmutz rechtfertigt sich mit den Worten: „Ich habe eine Vergangenheit.“ Und die CDU schickt die junge Katherina Reiche los mit dem Slogan: „Wir haben eine Zukunft.“ Über die Landesliste zieht sie 1998 in den Bundestag ein – mit 25 Jahren.

Ein Jahr lang muss sie noch nach Bonn pendeln, dann ziehen Bundestag und Bundesregierung nach Berlin. Ihr Leben ist aufregend, anstrengend, neu. Katherina Reiche macht Politik, fällt auf als junge Ostdeutsche, muss zunächst, wie viele Neulinge im Bundestag in den Petitionsausschuss, außerdem in den Ausschuss für die Angelegenheiten der neuen Länder („Den gab es aber nur eine Legislaturperiode lang“), wird gefördert von dem inzwischen verstorbenen Peter Hintze, von Wolfgang Schäuble, von Friedrich Merz, auch von Angela Merkel. Was sagt sie zu Merkels Rückzug? „Ich zolle ihr großen Respekt, sie ist eine bemerkenswerte Staatsfrau, die sich von Anfang an ohne Pause in den Dienst ihres Landes gestellt hat. Ihr angekündigter Rückzug aus der Politik ist würdevoll und stilvoll, einfach einmalig.“

Neben der Politik ist da noch die Familie. 1999 kommt die erste Tochter zur Welt, 2002 die zweite. Zu diesem Zeitpunkt ist Katherina Reiche noch nicht mit Sven Petke, einem brandenburgischen CDU-Politiker und Vater ihrer Kinder, verheiratet. 2002 holt der damalige Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sie in sein Schattenkabinett.

Das gefällt nicht jedem, vor allem der katholischen Kirche nicht. „Ich war jung, hochschwanger und unverheiratet“, sagt Katherina Reiche und lacht einmal mehr. „Das lief nicht völlig konfliktfrei, aber es war gut, denn nun gab es die Debatte in der Union: Wie halten wir es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Wie ist unser Frauenbild?“, erinnert sie sich. Im Wahlkampf spricht sie sich auch dafür aus, dass sich beim Umgang bei gleichgeschlechtlichen Partnerschaften etwas ändern müsse, das kommt in der Union damals nicht nur gut an.

Ministerin wird sie nicht, Edmund Stoiber verliert die Bundestagswahl, aber für Katherina Reiche ist es ein rasanter Aufstieg gewesen. „Das ging alles sehr schnell, zumal ich aus einem kleinen Landesverband kam“, erinnert sich die Potsdamerin. Wir sind am Auto angekommen, auf flacheren Schuhen geht es nun weiter. Ein Stück entlang der S-Bahn-Strecke, dann laufen wir vor zu einer kleinen Bäckerei an der August-Bebel-Straße („Die mag ich sehr“).

Fast 17 Jahre gehört Katherina Reiche dem Bundestag an, heiratet 2003 und bekommt 2006 das dritte Kind, einen Sohn. Sie wird dann parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, später im Bundesverkehrsministerium, das auch für Digitalisierung zuständig ist. Themen, die sie auch heute als Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen beschäftigen – Klimawandel, Energieversorgung, Trinkwasserschutz, Digitalisierung, Mobilität, Recycling. „Die breite politische Erfahrung und Thementiefe ermöglicht es mir, im Verband für unsere Mitgliedsunternehmen die richtigen Weichen zu stellen. Wir kümmern uns um die Daseinsvorsorge in ganz Deutschland, also alles, was man zum Leben braucht“, sagt Katherina Reiche selbstbewusst.

Und wie hat sie die viele Arbeit mit der Familie unter einen Hut gebracht? „Meine Familie hat mich immer unterstützt“, sagt Katherina Reiche. „Ich konnte mich immer auf sie verlassen.“ Aber auch das ist ihr wichtig: „Ich habe meine Kinder nie versteckt. Wer mich wollte, der musste auch damit rechnen, dass ich mit Kind auf dem Arm zu einer Veranstaltung komme. Gerade am Wochenende“, sagt sie. Die drei Kinder sagen im Rückblick aber schon einmal, dass sie ruhig öfter hätte daheim sein können. „Jeder Lebensentwurf hat Vor- und Nachteile, das ist eben so“, sagt Ka­therina Reiche.

Viele Sternstundenim Bundestag erlebt

Von ihrem Wechsel zum Verband sind viele überrascht, manche in der CDU auch enttäuscht, hat sie doch erst 2013 den Wahlkreis in Potsdam für die CDU direkt gewonnen. Was waren ihre Sternstunden im Bundestag? „Die, in denen Debatten jenseits von Fraktionslinien möglich waren, also zu all jenen Fragen, die Beginn und Ende des Lebens berühren“, sagt Katherina Reiche. „Die waren intellektuell, religiös, ethisch und rechtlich herausfordernd.“

Nun kümmert sie sich um andere Herausforderungen – um den Wandel der Städte zu Smart Cities, um die Daseinsvorsorge in Stadt und Land, vor allem um die Digitalisierung, die den Alltag der Menschen so grundlegend verändern wird. Schon so verändert hat. „Es geht darum, wie das System Stadt oder das System Region in Zukunft funktionieren. Wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land“, sagt die VKU-Chefin. In dem Verband, der mit seinen Tochterunternehmen seinen Sitz an der Invalidenstraße in Berlin hat, sind nahezu 1500 kommunale Unternehmen organisiert, die sich um die Lebensqualität sorgen – wie Stadtwerke, Wasserbetriebe, Recyclingfirmen.

„Die Entwicklung zeigt, dass bislang getrennte städtische Bereiche zusammenwachsen. Bürger wollen mög-lichst unkompliziert und verständlich ihr Leben organisieren.“ Und am liebsten nur eine App, die viele Dienstleistungen umfasst: Gas- oder Stromvertrag, Telekommunikation, Müll, Wasser und ein ÖPNV-Ticket. Katherina Reiche gefällt ein Vergleich der jetzigen mit den früheren Situationen: „Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Empires, das 20. Jahrhundert das der Nationalstaaten, das 21. Jahrhundert ist das der Städte.“

Um die Versorgung kümmern sich aber nicht nur die kommunalen, sondern auch die privaten Unternehmen – von Energie über Verkehr bis Recycling. Eine Konkurrenz, die auch schon mal hart ausgetragen wird. Katherina Reiche sieht darin kein Problem: „Die kommunalen und privaten Unternehmen machen einen guten Job und stehen im Wettbewerb.“ Sie ist stolz, dass es erstmals gelungen ist, gemeinsam mit den privaten Unternehmen, die im Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft organisiert sind, einen Branchenreport zu veröffentlichen. Und was ist ihr persönliches Ziel mit dem Verband? „Unser Ziel ist die Smart City, wir wollen die nachhaltige Stadt organisieren, die Lebensqualität bietet und lebenswert bleibt. Schlüssel hierfür ist die Digitalisierung“, sagt Ka­therina Reiche. Es scheint, als hätte sie ihre Berufung nach der Politik gefunden.

Zur Person

Karriere: Katherina Reiche ist am 16. Juli 1973 in Luckenwalde geboren worden. Nach dem Abitur, 1992, studierte sie Chemie an der Universität Potsdam, an der Clarkson University im Bundesstaat New York und an der Universität Turku in Finnland. Schon seit 1992 hatte sie sich politisch in der CDU, erst in der Studentenorganisation RCDS, dann in der Jungen Union engagiert. 1998 wurde sie Wahlkreiskandidatin in Potsdam und zog über die Landesliste der brandenburgischen CDU in den Bundestag ein. Von 1998 bis 2015 war Katherina Reiche Bundestagsabgeordnete, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union – und parlamentarische Staatssekretärin, zunächst im Bundesumweltministerin (2009 bis 2013), dann im Bundesverkehrsministerium (2013 bis 2015). Danach wechselte sie zum Verband kommunaler Unternehmen (VKU) mit Sitz in Berlin, wo sie Hauptgeschäftsführerin ist.

Familie: Katherina Reiche ist mit dem CDU-Politiker Sven Petke verheiratet. Sie haben drei Kinder. Die Familie lebt südlich von Berlin auf einem Bauernhof.

Spaziergang: Wir haben uns am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam getroffen, dann eine Runde über das Gelände gedreht und sind bis zur Bäckerei Fahland an der August-Bebel-Straße gelaufen. Dort gab es Kaffee und Gebäck.

Mehr Berliner Spaziergänge lesen Sie hier.