Sonntagsspaziergang

Annemie Vanackere ist die Frau mit den großen Plänen

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: Annemie Vanackere, der Leiterin des Kreuzberger Theater-Kombinats HAU 1-3.

Annemie Vanackere im Gespräch mit Redakteur Stefan Kirschner

Annemie Vanackere im Gespräch mit Redakteur Stefan Kirschner

Foto: Daniel Schaler

Berlin. Sie spricht mit diesem leichten holländischen Akzent, der für deutsche Ohren immer ein bisschen nach Rudi Carrell und auf jeden Fall sympathisch klingt – so viel Klischee darf sein. Möglicherweise liegt das aber auch an Annemie Vanackere, die Herzlichkeit und Offenheit ausstrahlt, gerne lacht. Gelegentlich lässt sie ein englisches Wort einfließen, spricht von ihrer „Speech“, also ihrer Rede zu den anstehenden Jubiläen. Ihr geht das „Du“ viel leichter über die Lippen als ein „Sie“.

Okay, wir kennen uns auch schon eine Weile. Als Annemie Vanackere vor sechs Jahren ihren Job als Theater-Kombinatsleiterin in Berlin antrat, hat sie bei einem Rundgang durch die drei Häuser in Kreuzberg ausführlich ihr Programm erläutert. Außerdem trifft man sich in Berlin naturgemäß beim Theatertreffen oder bei Premieren anderer Häuser. Bei der Eröffnung der letzten Berlinale, es ging beim Smalltalk um Winterurlaub und Skifahren, erzählte sie im Beisein ihres Lebensgefährten, der in einer ganz anderen Brache arbeitet, aber theaterinteressiert ist, vom gemeinsamen Schlittenfahren in Norwegen, das mit einigen blauen Flecken endete, aber auch sehr viel Spaß gemacht haben muss.

Bei diesem Spaziergang aber geht es weniger ums Reisen oder das Programm in der Jubiläumsspielzeit. Es geht um die Entwicklung in diesem Kreuzberger Gebiet. Um begehrte innerstädtische Flächen wie das Dragoner-Areal, um Wohnungsbau, Stadtentwicklung, Gentrifizierung und Investoren wie die CG-Gruppe, die das Gelände des früheren Postscheckamtes direkt gegenüber vom HAU 2 erworben hat. Annemie Vanackere blickt von ihrem Büro aus auf das Hochhaus, dessen geplanter Umbau zu einem baupolitischen Zankapfel geworden ist. Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) und CG-Vorstandsvorsitzender Christoph Gröner saßen kürzlich gemeinsam in der „Maischberger“-Talkrunde, legten dort aber ihren Disput nicht bei.

Gröner, der zu seinem Reichtum steht und deshalb nicht nur in der linksautonomen Szene ein ordentliches Feindbild abgibt, hat offenbar gute PR-Berater, die an einer Image-Verbesserung arbeiten und ihn entsprechend auf Fernsehauftritte vorbereiten. So sprach Gröner in der Fernsehrunde bei „Lanz“ im August über soziale Verantwortung und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum.

„Vielleicht bietet er uns zu günstigen Konditionen Probenräume im umgebauten Postamt an“, sagt Annemie Vanackere mit einem ironischen Unterton als wir den Landwehrkanal überquert haben. Wir stehen am Tempelhofer Ufer Ecke Großbeerenstraße und schauen auf das mit einem politischen Statement versehene, überdimensionale Transparent auf der Fassade der Gröner-Immobilie: „Hier verhindert Rot-Rot-Grün 623 Wohnungen, darunter 182 geförderte Einheiten und 55 preisgedämpfte Wohneinheiten.“ Der Bezirk wollte das Plakat entfernen lassen, konnte sich aber juristisch nicht durchsetzen, bis Jahresende darf es nun hängen bleiben.

In diesem Herbst jagt ein Jubiläum das nächste

Die CG-Gruppe, die auch den Steglitzer Kreisel umbaut und dort mit „exklusiven, lichtdurchfluteten“ Eigentumswohnungen für „private Kapitalanleger“ wirbt, nennt ihr Kreuzberger Projekt „VauVau“ (Vertical Village Berlin) – und bezieht sich damit zumindest phonetisch auf die benachbarten Bühnen HAU 1 bis 3 und das WAU genannte Theatercafé.

Es gibt einiges zu feiern in diesem Herbst: 30 Jahre Tanz im August, 25 Jahre She She Pop, 15 Jahre Hebbel am Ufer, so heißen die drei Theater ausgeschrieben. Die Gründung des HAU war eine Notgeburt. In der Berliner Kultur wurde seinerzeit gespart bis es quietschte, der damalige Kultursenator Thomas Flierl (Linke) – das Aussprechen des Nachnamens ist eine Herausforderung für Annemie Vanackere – wurde vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) finanziell an der kurzen Leine gehalten. Also legte man das Theater am Halleschen Ufer – einst die legendäre Spielstätte der Schaubühne –, das vergleichsweise kleine Theater am Ufer und das altehrwürdige Hebbel-Theater zusammen. Und fand mit Matthias Lilienthal, mittlerweile Intendant der Münchner Kammerspiele, einen Mutigen, der trotz eines überschaubaren Etats auf den drei Bühnen so viel produzieren ließ, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass er selbst alles gesehen hat, was bei ihm herauskam.

Als Annemie Vanackere die Leitung 2012 übernahm, drosselte sie etwas das Produktionstempo. Anders als die Staatstheater hat das HAU kein eigenes Ensemble, es ist eine Produktionsstätte, an der einerseits sehr verschiedene Künstler ihre Arbeiten präsentieren, andererseits aber auch mit einem Kern regelmäßig zusammengearbeitet wird.

Wir stehen jetzt vor dem HAU 3, also vor der Einfahrt, denn die Bühne liegt im Hinterhaus. „Wenn man hohe Absätze hat, kommt man nicht so gut rein“, sagt Annemie Vanackere mit einem Blick auf das Kopfsteinpflaster. In dem Gebäude liegen auch Proberäume, die das HAU gemietet hat. Sechs Jahre ist sie jetzt da, ihre siebte Saison beginnt, der Vertrag läuft bis Sommer 2022.

Es geht weiter in Richtung Dragoner-Areal, benannt nach der Garde-Dragoner-Kaserne, deren Hauptgebäude heute vom Finanzamt Kreuzberg genutzt wird. Eine große innerstädtische Fläche, die ursprünglich vom Bund an einen privaten Investor verkauft wurde. Der Deal wurde auf Betreiben Berlins wieder rückgängig gemacht, jetzt möchte das Land dort unter anderem Wohnungen bauen. „Können wir durch?“, fragt Annemie Vanackere den Mann, der vor einer Autowerkstatt steht. „Ein großartiges Areal“, schwärmt die Theaterfrau. Mit der Choreographin Meg Stuart hatte sie kürzlich eine Halle auf dem Gelände besichtigt, ein potenzieller Aufführungsort. Vanackere geht davon aus, dass es hier künftig auch eine kulturelle Nutzung gibt, vorn an der Obentrautstraße existieren ja auch schon zwei Clubs, darunter das Gretchen. Und ja, warum nicht, „das HAU 5, 6, 7, – ich denke groß“. Moment mal: Gibt es denn schon das HAU 4? „So nennen wir den Rasen vor dem WAU, dem Wirtshaus am Ufer, da machen wir ab und zu Installationen“, sagte Annemie Vanackere.

Aber das mit den Ausbauplänen ist ihr ernst. Denn für längst etablierte Gruppen wie Rimini Protokoll oder She She Pop, die ab dem 28. September ihr Bühnenjubiläum im HAU feiern und damit gemeinsam mit Meg Stuart die Saison eröffnen, gibt es zu wenig Auftrittsmöglichkeiten in Berlin. Oft können Produktionen mangels freien Räumen nur ein paar Mal gezeigt werden. „Die könnten viel häufiger spielen, die Nachfrage ist da.“ Und auch für die HAU-Mitarbeiter wäre eine Ausweitung angebracht. „Wir sind ein bisschen gewachsen“, sagt Annemie Vanackere. Angefangen hat sie mit einem fünf Millionen Euro Etat, jetzt liegt der bei gut sieben Millionen Euro, einschließlich der Gelder für das Festival „Tanz im August“, das mittlerweile fest am HAU verankert ist. Den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat sie bezüglich der gewünschten Expansion schon angesprochen und auch einen Brief dazu geschrieben. „Der weiß das, schmunzelt immer ein bisschen, wenn er mich sieht“ – die Frau mit den großen Plänen.

Wir gehen jetzt über das Dragoner-Areal, hier ist ein kleines Lebensbiotop entstanden. Gelegentlich wird in einem der Gebäude eine türkische Hochzeit gefeiert, es gibt Parkplätze, Mütter sitzen mit ihren kleinen Kindern in einem improvisierten Garten. Annemie Vanackere beugt hinunter und liest auf einem Zettel: „Stopp der Spekulation auf dem Dragoner-Areal!“ – sie macht ein Foto mit dem Handy. Die Menschen haben Angst vor Vertreibung. Es ist ja oft so, dass erst die Künstler die Brachen beleben und dann kommen Investoren, und die Künstler müssen weiterziehen, weil es zu teuer geworden ist. Das könnte diesmal anders laufen, zumindest ist das der politische Wille.

Von Rotterdam nach Berlin gewechselt

In der Großbeerenstraße bleibt Annemie Vanackere plötzlich stehen: „Schau mal dort, das Haus ist besetzt, das ist mir heute morgen, als ich mit dem Fahrrad vorbeifuhr, gar nicht aufgefallen.“ An der Fassade hängen Plakate – Hausbesetzer und Hausbesitzer arbeiten in Kreuzberg mit denselben Methoden, um ihr Anliegen zu verbreiten. Vanackere fährt hier vorbei, wenn sie von ihrer Wohnung in Schöneberg zur Arbeit nach Kreuzberg mit dem Fahrrad fährt, das war schon in Rotterdam ihr bevorzugtes Verkehrsmittel. Sie war ab 1995 an der Rotterdamse Schouwburg beschäftigt, ab 2001 als künstlerische Ko-Leiterin. Die Kollegen vom HAU sagen ja immer, „du bist zu fahrlässig auf dem Fahrrad“. Aber die Strecke „ist ja nicht so lang, ich brauche maximal 15 Minuten“, sagt sie, wohlwissend, dass das eigentlich kein Argument für den Verzicht auf einen Helm ist.

„Da drüben in dem Haus hat eine Schneiderin gelebt, die ist kürzlich gestorben, da waren viele Kollegen*innen, die dort ihre Sachen hingebracht haben, traurig“, erzählt Annemie Vanackere. Ein Stück Kiez. Da die Apotheke, hier die „Ökotussi“, der Laden heißt wirklich so.

Wir sind wieder am Kanal, von hier aus sieht man die großen blauen „HAU“-Buchstaben auf dem Dach. Das Anbringen des Schriftzuges hat sie durchgesetzt. Der Fotograf möchte noch ein paar Fotos machen, dass auf seinem T-Shirt „point of view“ steht, gefällt Annemie Vanackere.

Anschließend geht es vorbei am früheren Großbeerenkeller, einer Künstlerkneipe, in der Stars der alten Schaubühne wie Otto Sander verkehrten. Wir machen noch einen Abstecher zum Hebbel-Theater, dem HAU 1. Ein Bau des ungarisch-jüdischen Architekten Oskar Kaufmann, der zwischen 1895 und 1933 in Deutschland arbeitete und in Berlin auch das Renaissance-Theater, die Krolloper und die beiden in diesem Sommer wegen den Umbauplänen eines Investors abgerissenen Kudammbühnen schuf. Eröffnet wurde das Hebbel-Theater nach nur dreimonatiger Bauzeit am 29. Januar 1908. „Sechs Jahre älter als die ebenfalls von Kaufmann entworfene Volksbühne am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz“, sagt Vanackere nicht ohne Stolz. Das Drama um den Kurzzeit-Intendanten Chris Dercon, der mit der HAU-Intendantin die Herkunft aus Belgien teilt, möchte die 52-Jährige nicht weiter kommentieren. Stattdessen erzählt sie gut gelaunt, wie die Verhandlungen um die große Koalition im Bund im vergangenen Herbst für einen regelmäßigen Auftritt des Theaters in den Nachrichten sorgte. Gegenüber liegt nämlich das Willy-Brandt-Haus, die SPD-Parteizentrale. Und wenn dann ein damals prominenter Politiker wie Sigmar Gabriel ein Fernsehinterview gab, „war im Hintergrund das Hebbel-Theater zu sehen“. Keine schlechte Werbung.

Und wie geht es weiter mit Annemie Vanackere? Eine Verlängerung ihres Vertrages über 2022 strebt sie nicht an, sie will „erstmal was anderes machen, ich mache mir da keine Sorgen, da kommt schon was. In Berlin will sie aber bleiben. Der Liebe wegen.

Zur Person:

Werdegang

Annemie Vanackere wird 1966 im belgischen Kortrijk geboren. Die Stadt liegt in der Provinz Westflandern, dort spricht man Niederländisch. Später studiert sie Philosophie und ein bisschen Theater- und Filmwissenschaft. 1993 übernimmt sie die künstlerische Leitung des Nieuwpoorttheater in Gent. 2001 wird sie künstlerische Ko-Leiterin der Rotterdamse Schouwburg. Außerdem leitet sie „De Internationale Keuze van de Rotterdamse Schouwburg“, ein 2001 von ihr mitgegründetes, jährlich stattfindendes internationalen Theater-, Tanz- und Performancefestivals in Rotterdam. Seit September 2012 ist sie Intendantin und Geschäftsführerin des Hebbel am Ufer (HAU).

Theater-Kombinat

Das Hebbel am Ufer (HAU) ist ein Kunstgebilde, das vor 15 Jahren durch die Fusion der drei Kreuzberger Bühnen Theater am Ufer, Hebbel Theater und Theater am Halleschen Ufer entstand. Das HAU hat kein eigenes Ensemble.

Spaziergang

Start ist das HAU 2, in dem Gebäude liegt auch das Büro von Annemie Vanackere. Wir überqueren den Landwehrkanal, gehen am HAU 3 vorbei und biegen in die Ruhlsdorfer Straße ein. Es folgt ein Abstecher auf das Dragoner-Areal, zurück geht es über die Obentraut- zur Großbeerenstraße und von dort schließlich zum Hebbel-Theater.

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