Berliner Spaziergang

Gerhard Kämpfe ist Berlins Festivalmacher

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Diesmal: Gerhard Kämpfe, Konzertmanager.

Kulturmanager Gerhard Kämpfe am Ludwig-Kirch-Platz

Kulturmanager Gerhard Kämpfe am Ludwig-Kirch-Platz

Foto: Reto Klar

Eine Zigarre hält er in der Hand, während er an seinem Caffè Latte nippt. Gerhard Kämpfe macht den Eindruck, als würde er daheim im Wohnzimmer sitzen. Aber es handelt sich um das „Café Manzini“ an der Ludwigkirchstraße, wo wir verabredet sind. Dass mit dem Wohnzimmer klärt sich schnell als Irrtum auf, das „Manzini“ ist eher sein Konferenzraum. Morgens trifft sich hier der Festivalmanager mit seinen Geschäftspartnern, um anstehende Dinge zu besprechen. Dann geht jeder in sein eigenes Büro in der Stadt.

Kämpfe ist der große Berliner Festivalmacher. Er veranstaltet das Classic Open Air, das jetzt am 5. Juli wieder auf dem Gendarmenmarkt eröffnet wird, die Pyronale, ist Chef der Jüdischen Kulturtage und obendrein des Kurt-Weill-Fests in Dessau.

Beim Spaziergang wird er fast gar nicht über seine Festivals reden, geschweige denn sie vollmundig bewerben. Kämpfe ist ein begnadeter Anekdotenerzähler, gerade auch wenn es dem Unterhaltungsgeschäft dient, aber diesmal ist er überraschend zurückhaltend, als ob er sich vorgenommen hätte, einmal mehr das Private zuzulassen. Dennoch, so ganz ohne Namedropping kommen wir aus dem „Manzini“ nicht weg. Zu den Gästen gehören auch der schreibende Strafverteidiger Ferdinand von Schirach oder Jogi Löw, der vermutlich in der nächsten Zeit auf einen öffentlichen Kaffee verzichten wird.

Wir gehen die Ludwigkirchstraße hinunter. Mit zunehmender Entfernung vom „Manzini“ bekommen die Namen einen anderen Klang. Da ist die Rede vom libanesischen Chef des italienischen Restaurants, der Kämpfes Ehefrau mal beim Koffertragen geholfen hat, vom russischen Schuhmacher, der ihm mal kurz vor einer Reise die Schuhe repariert hat, oder von der Verkäuferin bei Butter Lindner, die immer etwas für Töchterchen Mascha bereithält. Kämpfes Tochter ist sechs Jahre alt. Typisch Künstlerfamilie gibt es natürlich eine passende Geschichte, wie sie zu ihrem Vornamen gekommen ist. Kämpfe ist mit der Schweizer Schauspielerin Nadine Schori verheiratet. In Anton Tschechows Drama „Drei Schwestern“ hat sie die Mascha gespielt, erzählt er. Jetzt sind wir auf dem Weg zu Maschas Kindergarten am Ludwigkirchplatz. Auch den will er zeigen.

Seine Mutter hat gehofft, dass er Schauspieler wird

Seit 14 Jahren lebt Gerhard Kämpfe in seinem Wilmersdorfer Kiez. Er ist vom Roseneck zugezogen. „Ich liebe es, hier auf die Straße zu gehen und das Leben zu spüren“, sagt er. Eigentlich ist er gebürtiger Hamburger. „Mein Vater war Kaufmann, handelte mit unterschiedlichsten Dingen. Meine Mutter war theaterbegeistert, hatte Schauspiel studiert.“ In Osnabrück hatte sie ein Engagement bekommen, was sie aber während der Nazi-Zeit nicht mehr antreten konnte. „Am Bühneneingang gab es das berüchtigte Schild: ,Für Polen, Hunde und Juden ist der Zutritt verboten!‘“, erzählt Gerhard Kämpfe: „Man achte auf die Reihenfolge. Das war es mit ihrer Karriere. Sie hatte ein bisschen gehofft, dass ich Schauspieler werde. Die jüdische Mame mit ihren Wunschvorstellungen.“

Nur Großvater und Mutter überlebten den Holocaust

In Köpenick war seine Mutter geboren worden. „Aber wir haben nur wenig über Berlin gesprochen“, sagt Gerhard Kämpfe. „Mein Großvater kam wie alle Berliner aus Schlesien. Er war Professor für Altphilologie und Philosophie. In den 30er-Jahren wurden nach und nach alle Familienmitglieder abgeholt und in Auschwitz oder Bergen-Belsen umgebracht.“ Der Großvater und die Mutter waren die einzigen Überlebenden. „Sie überstanden die letzten Jahre während des Krieges versteckt auf Dachböden und in Kellern. Versteckt von Nichtjuden, die damit viel riskiert haben.“ Nach dem Krieg verließ seine Mutter die Stadt in Richtung Hamburg.

Gerhard Kämpfe gehört zu jenem Menschenschlag, der besonders häufig in Wilmersdorf und Charlottenburg anzutreffen ist und der seinen Arzt, sein Lieblingsrestaurant oder seine Weinhandlung für das Beste Berlins, wenn nicht ganz Deutschlands, hält. Inzwischen stehen wir vor der allerbesten Buchhandlung Shakespeare and Company. An der Ecke Pfalzburger Straße hält Gerhard Kämpfe an und schwärmt vom „Kuchel-Eck“, wo man noch gute deutsche Küche bekommt. Außerdem gibt es einen Raucherteil im Restaurant. Gleich daneben liegt der allerbeste Zigarrenladen der Stadt. Wenn Freunde ihm etwas schenken wollen, sagt er, dann gehen sie zu Zigarren Herzog und fragen nach der Sorte, die „der Kämpfe immer kauft“.

Seine Mutter hatte ihre beiden jungen Söhne, Gerhard und den zwei Jahre älteren Lothar nach Paris zu einer französischen Freundin, die Schauspielunterricht gab, geschickt. „Paris Mitte der 60er-Jahre war eine sehr wilde Zeit“, erinnert sich Kämpfe: „Wir haben nicht einmal die Sprache richtig gelernt. Alle um uns herum sprachen Englisch oder auch Deutsch. Es waren die ersten Mädchen- und Alkoholerfahrungen.“

Nachdenken über die jüdischen Wurzeln

Außerdem war es die Zeit, als sich Algerien von der Kolonialmacht Frankreich löste. Es gab Studentenunruhen. „Ich fand es spannend, dass junge Leute auf die Straße gingen. In Deutschland war die Stimmung noch anders. Die Menschen trugen die Altlasten und das Schamgefühl auf der einen Schulter, auf der anderen die Aufbruchstimmung im Wirtschaftswachstum, den Neustart in eine Demokratie.“ Nach Jahren des familiären Schweigens konnten die beiden Brüder in den 60er-Jahren erstmals mit ihrem Großvater über die Nazi-Zeit reden. „Ich habe ihn gefragt: Warum leben wir eigentlich noch in diesem Land? Er antwortete: Weil wir hierhergehören.“ Mit seinem Jüdischsein hat sich Kämpfe erst spät auseinandergesetzt. „Je älter man wird“, sagt er, „desto mehr denkt man über seine Wurzeln nach.“ Etwas, was er auch mit Max, seinem 28-jährigen Sohn aus erster Ehe, bespricht. Max ist bei den Festivals immer an seiner Seite.

Nach einem Dreivierteljahr waren die vergnügungssüchtigen Brüder von Paris nach Wien strafversetzt worden zu einer anderen Freundin der Mutter. „Hier begann ich Werbung und Marketing zu lernen. Parallel dazu spielte ich Schlagzeug und bewegte mich auf einer Stehgreifbühne.“ Bei diesem Theatermodell gibt es einen Anfangs- und einen Schlusssatz, dazwischen wird improvisiert. „Was mit sich bringt“, so Kämpfe, „dass man auch zu viel quasselt. Manchmal schnipste es hinter der Bühne mit den Fingern und eine Stimme sagte halblaut, aber so, dass es die ersten zehn Reihen hören konnten: Es reicht, runter!“ In Wien lernte der junge Mann den Kabarettisten Helmut Qualtinger kennen. Der sagte ihm einmal: „Ich sitze auf der Bühne, und genau die Menschen, die ich treffen will, sitzen in der erste Reihe, lachen und applaudieren mir.“

1969 stirbt die Mutter, die Brüder kommen nach Berlin und jobben sich so durchs Leben. Einer von Kämpfes Skatfreunden ist Promotionchef bei Hansa Records. „Er stellte mir Dieter Weber vor, der als Redakteur für die ZDF-„Hitparade“ verantwortlich war. Wir spielten Skat. Irgendwann sagt Dieter: „Gerd, du hast ein schnelles Maul, verstehst was von Werbung, hast ein bisschen Ahnung von Musik. Wieso machst du kein Management. Es gibt in Deutschland kaum Manager.“ Kämpfe lässt sich darauf ein, heute hat er 13 Goldene Schallplatten an der Wand zu hängen.

Es waren goldene Zeiten, als er ins Musikgeschäft einstieg

Inzwischen sind wir einmal um den Ludwigkirchplatz gelaufen. Auf der Rückseite der Kirche machen wir die Fotos. Kämpfe gehört zu den uneitlen Menschen, die gelassen jede Gesichtspose mitmachen. Gleich gegenüber liegt der katholische Kindergarten. Papa Kämpfe schaut hinüber, als erwarte er, dass Mascha gleich hinter einem Fenster auftaucht und uns zuwinkt. Wir stehen und warten. Irgendwann gehen wir weiter.

Als Kämpfe ins Musikgeschäft einstieg, waren es gerade goldene Zeiten. In den Berliner Hansa-Tonstudios wurden Hits geboren. Kämpfes erste künstlerische Betreuung war Tony Sheridan, ein in Hamburg lebender Engländer mit einem Welthit, „My Bonnie“. „Er hatte im Hamburger Star-Club eine Band hinter sich: die Beat Brothers, die späteren Beatles.“ Bald darauf wurde ihm Randolph Rose angeboten, dessen Mama, sagt er, Sinti war. Marianne Rosenberg war seine Cousine. Er hatte einen Riesenhit in der Hitparade, so begann das Management. Kämpfes erfolgreichste Künstler waren Bernhard Brink, Roland Kaiser und Georg Danzer.

Mit Roland Kaiser verbindet ihn bis heute eine Freundschaft. Vor Kurzem waren sie zusammen abendessen. Als er den Sänger kennenlernte hieß er noch Ronald Keiler. „Er war Autoverkäufer und später im Marketing bei Ford. Er rief mich mehrfach an.“ Das Vorsingen fand in der Wittelsbacher Straße bei Hansa Records statt. „Er sang nicht nur sauber in der Intonation“, erinnert sich Kämpfe, „sondern fand seine eigene Interpretation.“ Allerdings musste er den jungen Mann fragen, ob er nicht in den nächsten Wochen etwas abnehmen könnte? Das machte der Sänger auch. Und aus Ronald Keiler wurde Roland Kaiser.

In der Boomzeit war er, erinnert sich Kämpfe, von morgens bis abends im Studio oder auf Tournee mit einem der Künstler. Sein Bruder kam und half ihm. „Ein Album zu produzieren kostete damals so um die 150.000 Mark. Das mussten wir vorfinanzieren. Wir hatten bei den Banken große Kredite, die durch gute Verträge mit den Plattenverträgen abgesichert waren.“ Aber Ende der 70er-Jahre verloren die Tonaufnahmen an Wert und die Banken forderten, die Kredite zurückzufahren. Der Absturz folgte Anfang der 80er-Jahre. „Die Banken machten den Laden dicht, ich musste mich von allen Künstlern lösen. Alles, was ich aufgebaut hatte, ging verloren.“ Zwei Dinge habe er aus seinen Fehlern gelernt, sagt er: „Bewege dich immer auf dem Boden der Legalität. Und zweitens: Denk vorher genau nach, ob du in den Ring steigst, wenn du es tust, dann kämpfe.“

Stammplatz mit dem Rücken zur Wand

Darüber hinaus habe er gelernt, was Freundschaft und Loyalität bedeute. Und so kommt das Gespräch doch noch auf das 1992 gegründete Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt. Kämpfe will unbedingt über seinen Geschäftsführer Mario Hempel reden. „Als wir uns kennenlernten, war er der in Ost-Berlin großgewordene Ex-Musiker, der gerade anfing, das neue System im Marketing und Sponsoring zu begreifen. Er brachte die ersten Sponsoren.“

1997 wurde es brenzlig, weil man keinen Hauptsponsor fand. „Ich hatte meine Ersparnisse im Classic Open Air zu stecken. Es war nahe am Kippen. Sechs Wochen vorher kam ich ins Büro. Die Mitarbeiter boten mir an, die nächsten drei Monate frei zu arbeiten. Und Mario meinte, wir sollten uns zusammensetzen.“ Das Ding sei so riesig geworden, sagte er, dass er mit einsteigen wolle, denn es dürfe nicht sterben. „Das werde ich ihm nie vergessen“, sagt Kämpfe.

Wir sind in die Uhlandstraße eingebogen, bleiben einmal kurz vor seinem Wohnhaus stehen. Dann geht es zurück zum „Manzini“. Gerhard Kämpfe schaut, wer da ist und steuert sofort auf seinen Stammplatz zu – einer mit dem Rücken zur Wand, wie er sagt. Er ist in seinem Büro angekommen.

Zur Person

Biografisches Der gebürtige Hamburger, Jahrgang 1948, lebte nach Schulabschluss in Paris und Wien, wo er als Werbekaufmann begann. Nebenbei wirkte er als Schauspieler und Musiker. 1969 kam er nach Berlin. Als Musikproduzent managte er seit den frühen 70er-Jahren u. a. Roland Kaiser, Georg Danzer, Bernhard Brink oder die Messengers. Er hat 13 Goldene Schallplatten. Nach der Wiedervereinigung erarbeitete er im Team die neue Struktur des Friedrichstadt-Palastes und war auch Co-Autor der Revue „Classics“.

Festivals Das Musikfestival „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt hob er 1992 aus der Taufe. Seit 2006 ist er Künstlerischer Leiter des Feuerwerk World Championats „Pyronale“ auf dem Maifeld am Olympiastadion. 2016 bestellte ihn die Jüdische Gemeinde zu Berlin zum Leiter der „Jüdischen Kulturtage Berlin“. Im Jahr darauf wurde er zum Intendanten des Kurt-Weill-Fests in Dessau berufen.

Familie Er ist mit der Schweizer Schauspielerin Nadine Schori verheiratet.

Spaziergang Treffpunkt ist das Restaurant „Manzini“ an der Wilmersdorfer Ludwigkirchstraße 11. Der Spaziergang führt über die Uhlandstraße in Richtung Ludwigkirchplatz. Es geht einmal um den Platz herum und über die Uhlandstraße wieder zurück zum Lokal.