Spaziergang

Einer, der immer ganz oben mitspielen will

Harald G. Huth, Investor und Projektentwickler, über Zufall, seine Anfänge und die Mall of Berlin.

Harald Huth an den Wannseeterrassen

Harald Huth an den Wannseeterrassen

Foto: Reto Klar

Dieser Blick. Selbst bei dem trüben Novemberwetter dieser Tage eine Augenweide. Harald G. Huth hatte als Treffpunkt für unseren Spaziergang die Wannseeterrassen vorgeschlagen. Da stehen wir nun hoch über dem Großen Wannsee hinter dem in großzügigem Landhausstil wiedererstandenen Berliner Traditionslokal und blicken auf eine Seenlandschaft wie aus dem Bilderbuch. Rechts Schwanenwerder, hinter Schilfgürtel und zwischen Baumkronen schimmern die Fassaden einiger Prunkvillen hindurch, links ein paar Kiefern, die den Blick Richtung Sacrow trüben, unter uns der mehr graue, im Sommer goldglänzende Sand des Strandbades. Und geradeaus öffnen sich in voller Breite Wannsee und Havel, der starke Wind zeichnet weiße Schaumlinien auf das Wasser, ein einsamer Segler hält Kurs, in der Ferne wird Kladow sichtbar. Märkisches Arkadien.

Kein Zufall, dass wir uns hier treffen. Dass das Restaurant Wannsee­terrassen, dessen Tradition bis in die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurückreicht, nach Bränden und Zerfall seit zwei Jahren wieder in neuem Glanz erstrahlt, ist Harald Huth zu verdanken. Wie bei so vielen anderen Objekten des Investors und Bauherrn schlug auch hier der Zufall zu.

„Ich bin ein Nachtmensch, hab nach der Arbeit nach Mitternacht zum Entspannen noch ein bisschen gechattet, bin dabei auf die Seite des Berliner Liegenschaftsfonds gestoßen. Und traute meinen Augen nicht: Da wurde ein 9000 Quadratmeter großes Grundstück am Wannsee für 350.000 Euro angeboten, Auflage war die Errichtung eines Cafés. Für die Lage und den Preis kannst du nichts falsch machen, dachte ich. Gab ein leicht höheres Angebot ab, vier Wochen später hatte ich die Ausschreibung gewonnen.“

Typisch Huth. Wenn er etwas anpackt, dann soll auch was Großes draus werden. Fünf Jahre hat er mit den Behörden gerungen, bis endlich beide Seiten glücklich waren. Dann ist da aber doch noch etwas Besonderes, worauf sich Huth im üblichen Geschäftsleben nicht einlässt. „Das hier ist nichts, was Profit abwirft. Hier muss ich Geld mitbringen. Einziges Ziel ist, dass sich die Menschen, die hierher kommen, wohlfühlen. Ich wollte Berlin etwas Schönes zurückgeben.“

Fachwissen erarbeitete er sich abends in der Staatsbibliothek

So eindrucksvoll der Blick, so wenig einladend Wind und Nieselregen für einen längeren Spaziergang. Wir bescheiden uns denn auch mit einer Kurzwanderung, um danach im Restaurant weiter über das zu reden, was Harald Huth in Berlin noch so alles bewegt hat. Und das ist eine ganze Menge. Wieder war es mehr Zufall, vor allem aber Selbstvertrauen gepaart mit dem unbändigen Willen, Karriere zu machen, der ihn 1994 nach Berlin brachte.

Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften, einem Traineeprogramm bei einem großen Handelskonzern und Leitung eines Warenhauses stieß er auf eine Anzeige der HypoVereinsbank. Die wollte einen geschlossenen Fonds für Einkaufszentren auflegen, suchten dafür auch einen Einzelhandelsprofi. Er sei doch einer, sagte sich Huth, bewarb sich, wurde eingestellt und war auch sofort bereit, nach Berlin zu wechseln. Er lebte damals in Hamburg, war gerade 24.

Start zum Investoren-Höhenflug war die Aufmöbelung eines in die Jahre gekommenen Einkaufszentrums in der Johannisthaler Chaussee in Neukölln. Er hat daraus die Gropius Passagen gemacht, heute noch Berlins größtes Einkaufscenter. Doch es war ein Start voller Tücken. „Ich hatte vom Immobiliengeschäft keine Ahnung. Jeder Monat, den ich überlebte, war eine gute Erfahrung. Erst ging der Bauunternehmer pleite, dann der Generalplaner. Ich wollte nicht versagen und habe jede Minute gekämpft. Die einzige Methode zur Rettung war, nicht zu schlafen ...“

Abends nachgelesen, was das alles bedeutet

Wie bitte? „Während der Bausitzung habe ich geschwiegen und alles mitgeschrieben. Abends bin ich in die Staatsbibliothek gegangen und hab nachgelesen, was das alles bedeutet. So hab ich das nötige Fachwissen gewonnen, damit mir keiner was vormachen kann. Wie gesagt: Ich wollte nicht versagen und Goo­gle konnte man zu dieser Zeit noch nicht fragen.“

So hat er sich durchgebissen. Die Gropius Passagen wurden zu seinem Gesellenstück. Doch Geselle zu sein, damit gibt sich Huth, der von sich sagt, aus bescheidenen familiären Verhältnissen zu stammen, nicht zufrieden. „Ich bin getrieben, etwas zu tun, was mir persönliche Freiheit gibt.“ Er wollte von früh an, daraus macht er kein Hehl, Karriere machen und viel Geld verdienen. Sein dafür selbst formulierter Anspruch: „Wenn du die Chance hast, irgendwo mitzuspielen, dann kenn dich aus und tu nicht nur so, sondern spiele ganz oben mit.“ Deshalb hat er als Zwanzigjähriger auf eine weniger einträgliche Karriere als Leistungssportler im Tischtennis verzichtet, deshalb das Nachtstudium in der Stabi, deshalb die Versessenheit für jedes Vertragsdetail, auch – wenn nötig – Härte gegenüber Geschäftspartnern.

Dabei ist Harald Gerome Huth ein wunderbarer Erzähler. Während er abwechselnd hin und wieder an seinem grünen Tee oder der Cola Zero nippt, verknüpft er fast jede Antwort mit einer kleinen Geschichte, mal mit einer heiteren, denn der dreifache Vater lacht gern, mal mit einer tiefgründigeren. Als ich ihn nach der Gründung seines eigenen Unternehmens, der HGHI (High Gain House Investment) frage, erklärt er: Den eher kryptischen Namen habe er in Anlehnung an die Hypo-Tochter HFSI, seinen alten Arbeitgeber, gewählt. Aber eigentlich habe er nur noch sein in den Jahren zuvor erworbenes Vermögen verwalten wollen. „Ich wollte den Stress loswerden. Hatte zwei Sekretärinnen, aber schon bald wurde mir mittags ab halb zwölf langweilig. Vorher für 300 Mitarbeiter verantwortlich, plötzlich auch kein Fahrer mehr vor der Tür. Das war eine interessante Lebenserfahrung. Und so hat sich dann das eine und andere ergeben.“

„Keine Stadt braucht 70 Einkaufscenter“

Das Erste und noch mit ziemlich hohem Risiko verbunden war die St. Annen Galerie in Brandenburg. Es folgte Größeres. „Das Schloss“ an der Steglitzer Schloßstraße, die Mall of Berlin, jetzt im Bau das Schultheiss Quartier in Moabit, Sanierung und Umbau der Fußgängerzone Gorkistraße samt Tegel Center. Da drängt sich die oft gestellte Frage auf, ob Berlin nicht mittlerweile genug Einkaufscenter hat, rund 70 sollen es sein.

„Alles Quatsch. Keine Stadt braucht 70 Einkaufscenter. Da wird in Berlin alles von Groß bis Klein mitgezählt. Aber jeder Bezirk braucht ein Zentrum, das so stark ist, dass die Menschen dorthin gehen, zum Spazieren und zum Einkaufen. Dafür brauchen wir attraktive Einkaufsmeilen wie die Friedrichstraße, den Potsdamer Platz, den Kurfürstendamm, den Alex und eben auch Das Schloss und die Mall of Berlin. Die tragen zur Attraktivität Berlins bei, locken Touristen und stärken die Wirtschaftskraft der Stadt.“

Entgegen anderslautender Behauptungen baue er, so Huth, in Tegel kein neues Center, sondern saniere die in die Jahre gekommene Fußgängerzone samt dem anliegenden Konglomerat verschiedener Gebäude. Streiten könne man vielleicht über das Schultheiss Quartier. „Aber es wertet die wenig attraktive Umgebung auf, die Einkaufsmöglichkeiten dort sind nicht die besten und wir machen keine Fußgängerzone kaputt wie das in Tegel mit dem Borsig Center in alten Fabrikhallen passiert ist. Und wir bauen ja nicht nur für den Einzelhandel. Es entstehen auch Wohnungen und Büros, außerdem schaffen wir neue Arbeitsplätze, wodurch letztlich der ganze Stadtteil profitiert.“

Schön und gut. Aber tragen Einkaufscenter nicht generell zum weiteren Sterben des Facheinzelhandels bei? „Lassen wir diesen Vorwurf doch endlich weg. Das Einzige, das den Einzelhandel zerstört, ist das Internet. Da kann 24 Stunden sieben Tage lang eingekauft werden. Wir wollen dieser Herausforderung begegnen und die Menschen herausholen aus ihren Wohnungen zum erlebnisreichen Einkauf. Das trägt zum Überleben des Fachhandels bei.“

Champagner-Partys und rote Teppiche meidet er

Harald Gerome Huth scheut kein klares Wort, wohl aber den großen Auftritt. Champagner-Partys und rote Teppiche interessieren ihn nicht, sagt er. Seine Objekte seien interessant, nicht seine Person. Deshalb hält er Abstand zur Presse. Warum – auch dazu hat er eine kleine Geschichte parat. „Noch in meiner alten Firma habe ich den Potsdamer Hauptbahnhof Ende der Neunzigerjahre mitentwickelt. Auf einer Doppelseite der „Welt am Sonntag“ wurde damals darüber mit Fotos vom Bürgermeister Matthias Platzeck, dem Bauentwickler Roland Ernst und mir berichtet. Ich war stolz wie Oskar. Mein Vater weniger: Du stehst groß in der Zeitung und am Ende habt ihr bei dem Projekt 65 Millionen Mark verloren. Meine Lehre daraus: Besser nicht in der Zeitung stehen, dafür kein Geld verlieren.“

Wer so erfolgreich ist und so viel so spektakulär baut, kommt dennoch in die Medien. Das hat Harald Huth insbesondere bei der Mall of Berlin zu spüren bekommen, bei deren Bau zunächst einiges schieflief. Dass er, der doch alles im Griff haben will, dabei selbst Fehler gemacht hat, räumt er freimütig ein. Der erste Fehler sei gewesen, nicht transparent genug mit der Insolvenz des ersten Generalunternehmers umgegangen zu sein. Auch der zweite habe ihn baulich und finanziell hinters Licht geführt, den Eröffnungstermin immer weiter verschoben. Den hat er gefeuert, um dann selbst die Bauleitung zu übernehmen. Wie konnte ausgerechnet ihm das passieren? „Vielleicht aus Sturheit, vielleicht auch aus Stolz. Ich wollte mich ja eigentlich nur um Konzeption und Vermietung der Mall kümmern.“

„Die Mall läuft bestens“

Noch mehr geärgert haben ihn Medienberichte über angebliche Brandschutzprobleme wie am BER und offene Löhne für rumänische Bauarbeiter. „Das entspricht nicht den Tatsachen. Das Arbeitsgericht hat zu unseren Gunsten entschieden und die Klage eines rumänischen Bauarbeiters abgewiesen.“

Die negativen Berichte haben der Mall nach der Eröffnung im September 2014 geschadet, von der Mall of Shame war die Rede. Enttäuscht war Huth auch darüber, dass in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, dass mit der Mall an der Leipziger Straße nach einem Vierteljahrhundert Ödnis endlich eine stadtplanerische Vorgabe erfüllt wurde. Nämlich die Leipziger zur Einkaufsstraße zu machen und damit ein fußläufiges Shopping-Quartier vom Potsdamer Platz bis zur Friedrichstraße zu schaffen. „Inzwischen sind die Anfangsprobleme behoben. Die Mall läuft bestens, an Wochenenden haben wir 120.000 Besucher. Sie ist derzeit die erfolgreichste Mall in Deutschland“, sagt er.

Nicht allein deshalb ist Harald Gerome Huth Berlin dankbar. „Die Stadt hat mir so viel gegeben. Um die Karriere zu starten, die ich hier gemacht habe, hätte ich in Hamburg mindestens 40 Jahre alt sein müssen“, sagt der 47-Jährige zum Abschied. Dann steigt er in seinen Rolls Royce, fährt zurück in die Stadt und brütet dann wohl wieder bis nach Mitternacht über neuen Plänen.

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