Der junge Vogel aus Charlottenburg

| Lesedauer: 12 Minuten
Maria Bidian
Giacomo Vogel, Geschäftsführer des Cafés "What do you fancy love"

Giacomo Vogel, Geschäftsführer des Cafés "What do you fancy love"

Foto: Anikka Bauer

Die Geschichte von Giacomo Vogel, Besitzer des Cafés „What do you fancy love“, ist die einer Patchwork-Familie . Ein Spaziergang.

Der Gedanke vor unserem Treffen liegt unweigerlich beim Vater, natürlich. Dabei sieht Giacomo Vogel gar nicht aus wie sein Vater. Keine Zahnlücken, keine Glatze wie der Schauspieler Jürgen Vogel, der durch Filme wie „Die Welle“ , „Ein Freund von mir“ oder „ Keinohrhasen“ bekannt ist. Nein, der heutige Spaziergangs-Gast Giacomo Vogel hat ein südländisches Gesicht. Das liegt daran, dass der Schauspieler nicht sein leiblicher Vater ist. Deshalb ist dies die Geschichte einer Patchworkfamilie, bei der alle mithalfen, in Charlottenburg etwas aufzubauen. Davon wird dieser Spaziergang erzählen. Aber kommen wir doch erst einmal zur ersten Begegnung mit Giacomo Vogel.

Als Treffpunkt hat er sein Café „What do you fancy love?“ in der Knesebeckstraße bestimmt. Es ist morgens und jetzt schon fast 30 Grad. Ich schlängele mich an den vielen Gästen vorbei an die Theke und frage die Frau an der Saftpresse nach dem Chef des Ladens. Sie zeigt neben sich. Dort stehen zwei sportliche Männer und eine schlanke Frau in schwarzen T-Shirts und unterhalten sich. Keiner sieht auf den ersten Blick aus wie der Chef. „Der in der Mitte ist Giacomo“, sagt die Frau an der Saftpresse und zeigt auf den Mann mit gegelten Haaren und kurzer Hose.

Er stellt sich mit seinem Vornamen vor. Das passt irgendwie zu diesem Café, dessen Wände mit Marvel-Comics beklebt sind. Und mit nackten Frauen. Bereits mit 22 Jahren hat Giacomo Vogel zusammen mit seinem Bruder Ritchie sein erstes Café eröffnet. Jetzt ist er 27 und Geschäftsführer von drei Cafés und einer Bar in Charlottenburg ist. Und weitere Cafés sollen folgen.

Und außerdem ist er der Sohn von ... Manchen Leuten ist so ein Stempel unangenehm, nicht Giacomo Vogel, er sagt, er sei stolz darauf, der Sohn von Jürgen Vogel zu sein. Als Giacomo zwei Jahre alt war, lernte seine Mutter den damals noch unbekannten Jürgen Vogel kennen. Sie heirateten. Vogel brachte Tochter Maria mit in die Ehe und adoptierte Giacomo und seinen vier Jahre älteren Bruder Ritchie. Alle wohnten zusammen in einer großen Wohnung in Wilmersdorf. Als Giacomo 15 Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Jürgen Vogel zog ins Hinterhaus, um nah bei den Kindern zu sein.

Der Wechsel auf die Privatschule war seine Rettung

Giacomo lässt uns seinen Lieblingssaft „Long life“ mixen – „mit gesundem Spinat und durch die Ananas trotzdem süß“. Ob Popeye diese Mädchen-Variante geschmeckt hätte? In der Wartezeit zeigt Giacomo mir das Café. Auf den Tischen stehen Blumen in Weiß- und Rosatönen. Die sind „für euch Frauen“, sagt er. Denn, „Frauen mögen Blumen“. Sein Auftritt hat manchmal etwas leicht Machoartiges. Vielleicht schimmert der Latino da irgendwie durch, aber dazu später mehr.

Mit Popeyes grüner Lieblingsmahlzeit in der Hand geht es jetzt nach draußen. Auf dem breiten Gehweg vor dem Café stehen Tische, dort sitzen Frauen in geblümten Sommerkleidern, manche halten ein Baby, fast alle beobachten, wer auf der Straße vorbeispaziert. Sehen und gesehen werden. „Unsere Hauptkundschaft sind Mütter und junge Frauen“, sagt Giacomo Vogel. Der Kudamm ist nur hundert Meter entfernt, unmittelbar neben dem Café ist das Hotel „Q!“, in dem schon Brad Pitt übernachtet hat. Auf dem Kopfsteinpflaster parken teure Autos in zweiter Reihe.

Wir laufen die Knesebeckstraße entlang Richtung Savignyplatz. Ein leichter Wind verweht die heißesten Sonnenstrahlen. Die hohen Laubbäume spenden Schatten. Wie ruhig und gesittet es hier zugeht, ganz anders als in anderen Teilen der Stadt. Ganz so sauber und erfolgreich, wie Giacomos Leben im Moment wirkt, lief es aber nicht immer.

Feiern, Drogen, Schule schwänzen

„Früher war ich ein Rebell“, sagt Giacomo. Mit 16 Jahren zog er aus der Wohnung seiner Mutter aus, feierte viel, nahm Drogen, wurde immer dünner und schwänzte die Schule. Gerettet hat ihn die Privatschule, die Papa Vogel bezahlte. Dort schaffte er den Realschul­abschluss und das Fachabitur. Nach der Schule ging er nach Australien, um Englisch zu lernen. Er habe Musikmanagement studieren wollen. Doch dann kam der Anruf, dass ein Ort für das Café gefunden sei. So fand Giacomo eine neue Droge: Arbeiten bis zum Umfallen.

Das Anfangsrisiko war groß – Gas­tronom ohne Vorerfahrung. Die Familie half. Die Mutter hatte den geeigneten Laden in der Knesebeckstraße gefunden. Jetzt musste nur noch die Kundschaft in das Café gelockt werden. Also verpflichteten die Brüder Vater Jürgen, seinen täglichen Cappuccino vor dem „Fancy“ zu trinken. Und schon kamen die Menschen, kauften sich einen Smoothie und platzierten sich möglichst nah neben dem Schauspieler, um irgendwann um ein Foto zu bitten. Für seine Söhne machte Vogel auch Selfies und stellte sie auf Instagram. Der berühmte Vater als Lockmittel. Es funktionierte.

Wir laufen unter der S-Bahn hindurch und stehen auf dem Savignyplatz. Hier ändert sich der Charakter der Gegend, es wird älter, belesener. Vorbei am „Bücherbogen“, dem prägenden Kunst-Buchladen am Platz, geht es zum „Coffee drink your monkey“, dem nächsten Café von Giacomo und seinem Bruder.

„Wir haben die meisten Charlottenburger erschreckt“

„Coffee drink your monkey“? Das ergibt keinen Sinn. Ist auch so gewollt, meint Giacomo. Der Name soll zum Nachdenken anregen, das passt zur intellektuellen Klientel. Die Zeitungen rascheln, kein Wischen über iPads. Hier sitzt man alleine und liest Nachrichten. Kein Freundinnenstammtisch, kein sehen und gesehen werden. Statt Marvel-Comics ist die Caféwand in Türkis gehalten. Und auch keine nackten Frauen weit und breit.

„Als wir vor fünf Jahren das erste Café eröffneten, haben wir die meisten Charlottenburger erschreckt“, sagt Giacomo. Ihr Laden war von New York und London inspiriert, es hieß, er würde nicht das typische West-Berlin widerspiegeln. Gastronomisch, meint Giacomo, sei Charlottenburg jahrzehntelang vernachlässigt worden. Während in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg immer mehr Restaurants und Cafés entstanden, lag Charlottenburg in einer Art Dornröschenschlaf. Die Kantstraße wirkte verkommen, am Savignyplatz existierte noch lange ein Puff. Alles vorbei und kaum mehr vorstellbar.

Aber lief wirklich alles immer so glatt, so perfekt mit den Läden? Einen Moment lang zögert Giacomo Vogel jetzt. Wenige Meter vom „Coffee drink your monkey“ stehen wir vor einem Ort, an dem das Konzept der Brüder schiefging: das „Journey into the Night“, im hinteren Teil der Else-Ury-Bögen, gleich vor der Bleibtreustraße. Eine Bar, die eigentlich ein Club hätte werden sollen. Der Raum gleich unterhalb der S-Bahnstation Savignyplatz stand lange leer. Warum? Einige störte die Nähe zur düsteren Brücke über der Bleibtreustraße, wo es oft streng riecht, andere die lichtlosen Räume, wieder andere glaubten, der Ort habe ein schlechtes Karma. Auch Giacomo und Ritchie hatten hier wenig Glück. „Wir wollten eine Bar eröffnen, in der auch getanzt werden kann und am Wochenende ein DJ auflegt“, erklärt Giacomo, als wir vor der mit Spiegelglasfolie beklebten Scheibe der Bar stehen. Doch sie unterschätzten die Anwohner.

Den Nachbarn war die Musik bei der Eröffnung viel zu laut

Obwohl das regelmäßige Quietschen der Bahnbremsen für eine gewisse Grundlautstärke sorgt, war den Nachbarn die Musik bei der Eröffnung im Apri­l viel zu laut. Eine Woche nach der Party hatte Giacomo einen Brief vom Ordnungsamt auf dem Schreibtisch liegen. Die Musik musste neu eingepegelt werden und die Idee, die Bar am Wochenende zu einem Club werden zu lassen, wurde gestrichen. Jetzt also nur Bar.

Nicht der erste Fehler der Brüder. „Am Anfang hatten wir keine Ahnung von den wirtschaftlichen Aspekten der Arbeit“, sagt Giacomo. So machten sie bei ihrem ersten Café trotz vieler Gäste erst Monate später Gewinn. Das verdiente Geld investierten sie dann in den nächsten Laden. Ganz ohne doppelten Boden waren die Brüder jedoch nie. Ritchie Vogel entwirft zwar die Konzepte für die Cafés, arbeitet aber hauptberuflich in seiner Werbeagentur. Und dann ist da ja noch der berühmte Vater.

Der will inzwischen sogar in neue Café-Ideen investieren. „Wir sollen uns melden, wenn wir für ein neues Projekt Geld brauchen und uns das Risiko ohne Investor zu groß ist“, sagt Giacomo Vogel. Jetzt aber Hand aufs Herz – wollte er wirklich nie Schauspieler werden, so wie sein Vater? „Ich kann das nicht“, sagt Giacomo. Er wäre kein sehr guter Schauspieler und lasse es deshalb lieber. So erspare er allen die Peinlichkeit. Als Kind habe er gerne seinem Vater am Set zugeschaut. Später sei er dann oft mit zu Filmpremieren gegangen, besonders wegen der After-Show-Party. Jetzt habe er dafür keine Zeit mehr. „Mein Traum ist es, verheiratet zu sein und einen Haufen Kinder zu haben.“ Am besten fünf. Genau wie Jürgen Vogel.

Die Familie hilft in den Läden bei der Arbeit

Wir spazieren die Bleibtreustraße entlang. Hier wohne er zusammen mit seiner Freundin, erzählt Giacomo. Seit eineinhalb Jahren sind sie zusammen. „Es klappt zum ersten Mal richtig gut.“ Kennengelernt haben sie sich auf der Terrasse des „Fancys“. Auf seinem Handy zeigt er mir das Foto einer hübschen Frau mit langen, dunklen Locken. Sie sei halb Argentinierin und „eine echte Latina“. Und er halb Italiener? „Unser Nachbarjunge hieß Giacomo und der Name hat meiner Mutter gefallen“, sagt Giacomo. Das sei alles. Sein leiblicher Vater sei Argentinier. Latino also. Das erklärt manches.

Für ein Foto gehen wir auf einen kleinen Spielplatz. Giacomo setzt sich auf die Lehne einer Holzbank. Sein Schienbein-Tattoo ist deutlich sichtbar. Ein langer Text auf Englisch. Das Leben sei einfach, steht dort, man solle positiv sein und dankbar, von großen Dingen träumen und sich selbst erschaffen. „Das ist mein Lebensmotto“, sagt Giacomo. Das Tattoo hat Jürgen Vogels Tätowierer gestochen.

Zu seinem leiblichen Vater, der weiterhin in Berlin wohnte, hatte Giacomo viele Jahre lang keinen Kontakt. Erst vor sechs Jahren riefen die Brüder ihn Weihnachten an und verabredeten ein Treffen im Restaurant. Was dann passierte, klingt verrückt. „Er hatte keine tolle Arbeit, konnte gut kochen und hat lange in der Gastronomie gearbeitet, wir haben einen Koch für unser Frühstücks­café gesucht, eine Win-win-Situation für alle“, erzählt Giacomo.

Tatsächlich, im „A Never Ever Ending Love Story“ in der Bleibtreustraße, dem letzten Laden auf unserem Spaziergang, steht in der offenen Küche ein dünner Mann mit Glatze. Es ist Giacomos leiblicher Vater. Was für ein Familienkosmos! Fast wie eine südamerikanische Telenovela. Und er ist nicht der einzige Familienangehörige, der in den Cafés der Brüder arbeitet. Auch ein Cousin und seine Stiefmutter sind Teil des Unternehmens – und inzwischen gehört auch Giacomos Freundin dazu.

Alle zwei Monate trifft sich der Patchwork-Clan. Dann sitzt Jürgen Vogel mit seinen Frauen und Kindern an einem Tisch. „Wir verstehen uns alle bestens“, sagt Giacomo. Irgendwie ein modernes Märchen.

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