30 Jahre Mauerfall

East Side Gallery: Leuchtende Stelen erinnern an Grenze

Die Veranstaltungen an den Schauplätzen der Friedlichen Revolution haben bereits viele Menschen angezogen.

An der East Side Gallery unweit der Oberbaumbrücke erinnern blau leuchtende Stelen an die Grenze, die hier durch die Spree verlief.

An der East Side Gallery unweit der Oberbaumbrücke erinnern blau leuchtende Stelen an die Grenze, die hier durch die Spree verlief.

Foto: Reto Klar

Berlin. Mit einem großen Festakt feiert Berlin am Sonnabend den Fall der Mauer am 9. November 1989. Die Bühnenshow am Brandenburger Tor bildet den Höhepunkt einer ganzen Festwoche, die am Montag startete. An insgesamt sieben historischen Schauplätzen der Friedlichen Revolution sind bis einschließlich Sonntag mehr als 200 Konzerte, Aufführungen, Lesungen und Diskussionsrunden geplant.

Bereits kurz nach dem Start der Festwoche zeigte sich, wie gut die Veranstaltungen von den Berliner angenommen werden. „Wir sind sehr froh, dass an allen sieben Orten unserer Festivalwoche der Zuspruch für die Veranstaltungen trotz des regnerischem Novemberwetters so groß ist“, sagt Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der verantwortlichen Kulturprojekte GmbH.

So strömten bereits am Montagabend kurz nach der offiziellen Eröffnung der Festwoche durch Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) mehrere tausend Menschen trotz Nieselregens auf den Alexanderplatz. Dort fand am 4. November 1989 die bis dahin größte Protestdemonstration der DDR-Geschichte statt. Dank großer Videoprojektionen auf Alexander- und Berolinahaus, die täglich nach Einbruch der Dunkelheit starten, können die Besucher in die Ereignisse von damals eintauchen.

Am Dienstagmittag zog es hingegen viele Menschen zum Brandenburger Tor. Die meisten gingen zunächst zur Freiluftausstellung. Auf mehreren Tafeln werden mit Fotos, kurzen Texten sowie Audio-Statements von Zeitzeugen die historischen Ereignisse erläutert. Besonderer Blickfang ist hier aber die Installation „Visions in Motion“ des US-Künstlers Patrick Shearn. Insgesamt 120.000 bunte Bänder wurden zu einem 150 Meter langen Teppich zusammengeknüpft, der vor dem Brandenburger Tor über der Straße des 17. Juni aufgespannt wurde.

„Das ist ja Wahnsinn“, sagt Friedemann Korflür und greift sofort zu seiner Spiegelreflexkamera, als er die im Wind wehende Installation zum ersten Mal sieht.

Insgesamt sei er sehr beeindruckt von dem, was in Berlin zum 30. Jahrestag des Mauerfalls auf die Beine gestellt wurde, so Korflür weiter. Gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Bekannten Anne Strecke aus Köln besucht der 70 Jahre alte Marburger die gemeinsame Freundin Renate Kupfer in Berlin. Es gelte, bis zur Abreise so viel wie möglich zu sehen. „Wir wollen auf jeden Fall noch zur ehemaligen Stasi-Zentrale und zur East Side Gallery“, sagt Strecke. „Ob wir alles schaffen, müssen wir sehen.“

Viele Besucher erinnern sich an den 9. November 1989

Bei allen dreien hat vor allem die Ausstellung Erinnerungen an den 9. November 1989 geweckt und daran, was sie damals dachten und empfanden. „Tränen“, sagt Korflür und zeigt auf sein Gesicht. Vor allem, dass es gewaltfrei blieb, habe er nicht erwartet. „Das war schon bombastisch“, ergänzt Strecke. Sie sei damals schnell nach Berlin gefahren.

„Ich hab auch an der Mauer geklopft und hab auch die Brocken noch zu Hause. Aber dies Atmosphäre zu erleben und durch die Mauer in den Osten durchzugehen, war wunderbar.“ Für die 69 Jahre alte Berlinerin Kupfer, die damals im Westteil der Stadt lebte, war der Mauerfall entscheidend. „Dieses Freiheitsgefühl, sich frei hin und her bewegen und vor allem die Stadt verlassen zu können, hat bei mir ganz stark dazu beigetragen, dass ich hier geblieben bin.“ Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte sie West-Berlin verlassen. „Ich habe mich eingesperrt gefühlt.“

Keine Erinnerungen an damals hat hingegen Marianna Pikulik, die am Dienstagmittag ebenfalls unter dem bunten Teppich spazieren geht. „Ich kenne den Mauerfall nur aus Erzählungen“, sagt die 31 Jahre alte gebürtige Weißrussin, die seit sieben Jahren in Berlin lebt. „Aber es ist ziemlich beeindruckend, wie das hier gefeiert wird.“ Sie wolle versuchen, so viel wie möglich zu sehen. „Am Wochenende, wenn hier die Show ist, sind wir aber leider nicht in Berlin“, ergänzt ihr 32 Jahre alter Ehemann Vitali.

Am Dienstagabend ist an der East Side Gallery fast genau so viel los wie am Mittag am Brandenburger Tor. In der Spree erinnern blau leuchtende Stelen an die Grenze, die hier Kreuzberg im West- und Friedrichshain im Ostteil der Stadt trennte. Auf das längste noch erhaltene Teilstück der Mauer werden historische Aufnahmen projiziert. Walter Ulbricht verneint darauf die Absicht, eine Mauer errichten zu wollen. Dann wird ihr Bau gezeigt und wie die toten Körper von Menschen, die fliehen wollten, aus der Spree gezogen werden. Der Film endet mit Aufnahmen von Ost-Berlinern, die am 9. November 1989 an der offenen Grenze stehen.

„Das sind wieder diese schönen Bilder. Das rührt mich jedes Mal so“, sagt Renate Seher-Kahn. Gemeinsam mit ihrer Freundin Mechtild Fischer sei sie bereits vorher am Alexanderplatz gewesen. Insgesamt würden ihr die Inszenierungen sehr gut gefallen, so die 66-Jährige weiter. „Und ich finde sie ganz wichtig, weil ich glaube, dass wir uns des Wertes der Demokratie wieder bewusst werden müssen“, ergänzt Fischer.