So war es ausgemacht: Gerrit Engel rückte immer dann mit seiner Großbildkamera an, wenn es etwas Besonderes gab, ein Bauleiter hielt ihn per Handy auf dem Laufenden. Beeindruckend war es, als das Untergeschoss mit Wasser geflutet wurde, da sah es da unten zwischen den dunklen Stahlträgern plötzlich „aus wie eine Seenlandschaft“, erzählt der Berliner Fotograf.
Engel zeigt jetzt in der Galerie Sexauer Fotos jenes Gebäudes, auf dessen Areal das Schloss hochgezogen wurde: den Palast der Republik, ehemals teuerster und größter Kulturbau der DDR, auf den die Genossen so stolz waren. Engel ist der einzige Fotograf, der den umstrittenen Abriss des Stahlkolosses über die gesamte Phase von 2006 bis 2008 dokumentierte. Und zwar aus dem Palastbauch – Außenaufnahmen, die gibt es auch noch von anderen Fotografen.
Interaktiv: Das Berliner Stadtschloss damals und heute
Hunderte Motive sind dabei entstanden, eine Auswahl wird nun in Eichenrahmen in der Galerie in Weißensee präsentiert. Galerist Sexauer hat den Eröffnungstermin bewusst gelegt, am vergangenen Freitag feierte auch das Schloss Richtfest. Die Ausstellung ist mehr als eine gelungene Fotoschau, sie ist ein Stück Stadt- und Architekturgeschichte: wertfrei, auf Ästhetik reduziert, nüchtern, aber nicht ohne emotionalen Rückenwind durch die Berliner Historie.
Ein Mammutunternehmen
Ein Kunstsammler, der mit dem DDR-Bau zu tun hatte, brachte Gerrit Engel, der in München und New York Architektur und Fotografie studierte, damals auf die Idee. Eine Fotogenehmigung zu bekommen, war nicht ganz einfach, der Senat war bemüht, möglichen Abrissgegnern nicht noch zusätzlich Futter zu liefern, erzählt Engel. Das Gutachten sei noch heute unter Verschluss, berichtet er. Er bekam die Akkreditierung dann aber doch.
Der Rückbau, wie man es nennt, war ein Mammutunternehmen, 78.000 Tonnen Baumaterialien wurden Stück für Stück abgetragen. Als Erstes fiel Engel, Jahrgang 1965, auf, dass einfach „alles überdimensioniert war“. Ihn interessierten nicht nur Details wie etwa die mit farbigen Nummern und Buchstaben verzierten rostigen Verstrebungen, der leere Ährenkranz oder die zwei Fahrstuhlschächte, die am Ende aussehen wie zwei morsche alte Schneidezähne irgendwo im Weltall. Ihn treibt besonders der Blick hinaus auf die Stadt, links versetzt das Alte Museum, der mächtige Dom, weiter hinten der Fernsehturm und das Hochhaus, das heutige „Park Inn“ am Alexanderplatz. Das Foto wirkt wie eine hyperreale Geschichtscollage, in der sich die Zeitschichten vor unseren Augen verschieben.
Mit jeder Schraube, jedem Stahlträger und jedem Geschoss, das weniger wurde, drang Gerrit Engel weiter ins menschenleere, fahle Palastinnere vor. Mit jeder Schicht veränderte sich seine Sicht. Er saß dann abends oft in seiner Dunkelkammer, manchmal nächtelang, betrachtete einfach die Fotos, immer wieder, und noch einmal. Schon komisch, „der Palast wurde für mich zu einer Person“, berichtet er, „je lichter er wurde, sich immer mehr auflöste, um so stärker fühlte ich so etwas wie Verlust, ja, Vergänglichkeit“.
Galerie Sexauer, Streustr. 90. Di–Sa 13–18 Uhr. Bis 25. Juli.



