Mit Wasser abwischen

Start-up "Happy Po" will den Toilettengang revolutionieren

Das Kreuzberger Start-up hat bereits viel Geld gesammelt für seine Idee. Die Grundidee stammt aus dem Ausland.

Oliver Elsoud (l.) und Frank Schmischke haben die Po-Dusche entwickelt

Oliver Elsoud (l.) und Frank Schmischke haben die Po-Dusche entwickelt

Foto: Reto Klar

Oliver Elsoud (32) und Frank Schmischke (26) stehen in einem Großraumbüro in einem Kreuzberger Hinterhof. Die beiden haben nichts Geringeres vor als die Revolution des Toilettenganges. Entwickelt haben sie dafür etwas sehr simples: eine kleine, geschwungene Flasche mit Wasser darin – eine Po-Dusche, die sie "HappyPo" nennen. Und die soll, so die Entwickler, den Deutschen das Toilettenpapier austreiben.

Sie funktioniert ganz ohne Elektronik – der Wasserdruck entsteht durch das Zusammendrücken der Flasche, aus den kleinen Düsen am Kopf des Flaschenhalses kommt das Wasser heraus. Danach kurz den Po abtupfen und fertig. Ein Jahr haben die beiden am Design getüftelt: Fragt man sie danach, reden sie minutenlang über den Weg zum richtigen Wasserdruck, die ideale Verjüngung des Flaschenhalses oder den so wichtigen Tropfschutz. Das ist kein Marketing-Gag, die Entwickler meinen es ernst mit der Toilettenrevolution.

Statistiken stützen die Idee der beiden Gründer

"Es ist doch völlig paradox, dass wir uns ein raues Blatt Papier an den Po reiben und denken, damit alles sauber zu bekommen", sagt Oliver Elsoud. Er kann sich darüber in Rage reden. Alle Körperstellen würden mit Wasser gereinigt, nur der Hintern werde stiefmütterlich behandelt – zumindest in Deutschland: "75 Prozent der Weltbevölkerung waschen sich den Po mit Wasser", erzählt Elsoud. Eine Erkenntnis, die dem 32-Jährigen auf seinen Dienstreisen nach Dubai, Indien oder nach Frankreich gekommen ist.

Auch in Japan wird der Po mit Wasser gespült, per Knopfdruck duschen High-Tech WCs dort das Hinterteil: "Das ist deutlich hygienischer und umweltfreundlicher, als der Verbrauch Dutzender Papierblätter am Tag." 46 Rollen Klopapier, so eine Studie des Industrieverbandes für Körperpflege und Waschmittel, werden in Deutschland pro Kopf und Jahr verbraucht.

Warum die Deutschen noch nicht auf Wasser gekommen sind? Der Po sei nicht nur die Stelle am Körper, an die am wenigsten Licht gelange, sondern auch die, über die am wenigsten gesprochen werde. "Der Po ist ein Tabuthema – das wollen wir ändern und Aufklärungsarbeit leisten", sagen die beiden Gründer. In den sozialen Medien werben sie deswegen mit gnadenlos offenen Sprüchen – "Perfekter Körper. Bis in die letzte Ritze." Denn das Hauptproblem scheint für Elsoud, dass die Deutschen seit der Kindheit auf Toilettenpapier konditioniert seien und das kaum hinterfragt werde: "Diese Routine wollen wir aufbrechen, wie vor Jahrzehnten Vegetarier anfingen, die Routine des täglichen Fleischessens aufzubrechen."

Tatsächlich gibt es Toilettenpapier in Deutschland erst seit den 30er-Jahren: Die Firma Hakle – ein Akronym des Namens von Gründer Hans Klenk – aus Ludwigsburg bei Stuttgart baute 1928 die erste Toilettenpapierfabrik. Das war damals eine Revolution, denn vorher wischten sich die Deutschen den Po mit alten Zeitungen oder Blättern ab. Nicht bedeutend anders, als es die alten Germanen bereits vor über 2000 Jahren getan haben sollen oder der deutsche Adel im Mittelalter, der Moos benutzte. "Wir wollen fast 90 Jahre nach seiner Hygiene-Revolution den Schwaben Klenk vom Thron stoßen und einen neuen Umbruch wagen", sagen Schmischke und Elsoud. Auch sie kommen aus der Nähe von Stuttgart; also der Region, die sich auskennt mit Hygienerevolutionen.

Das Bedürfnis der Deutschen nach mehr Sauberkeit scheint durchaus vorhanden. Immer mehr Menschen nutzen Desinfektionsmittel oder Bidets; jeder vierte Haushalt greift laut der Gesellschaft für Konsumforschung außerdem zu feuchtem Toilettenpapier. Für Schmischke ist das die schlechteste aller Lösungen: "Feuchttücher sind das Absurdeste überhaupt – die Menschen wollen Frische, aber nehmen dafür nicht einfach Wasser, sondern noch dickeres Papier mit Chemie und in einer extra Plastikverpackung, das auch noch dreimal so viel kostet."

Außerdem verstopfen die Fließstoffe, aus denen die Feuchttücher bestehen, die Abwasserrohre. Denn diese seien kaum zersetzbar, bestätigt Stephan Natz von den Berliner Wasserbetrieben: "Unsere Entstörungsteams rücken mittlerweile sechs Mal am Tag aus, um Abwasserpumpwerke von Fließstoffresten zu reinigen." Per Hand müssten die Verwicklungen in den Anlagen gelöst werden, sonst blieben die Pumpen stehen – jedes Jahr kostet das in Berlin über eine Million Euro.

Die Halterung für die Po-Dusche gibt es dazu

Die Macher von "HappyPo" haben ein klares Ziel: "Wir wollen das erste Bidet für alle", sagt Elsoud. Sich ein solches fest im Badezimmer zu installieren, sei in einer Mieterstadt wie Berlin oft unpraktikabel und für viele unerschwinglich. Ihre kleine Po-Dusche dagegen hängt so simpel wie günstig neben der Toilette an der Wand. Die Halterung gibt es beim Kauf gleich dazu. Schmischke und Elsoud haben in den letzten Monaten beide ihre gut bezahlten Jobs gekündigt.

Bis Mitte April lief ihr Crowdfunding zur Finanzierung des Projektes. Bislang haben sie fast 20.000 Euro eingesammelt und ihr ursprüngliches Funding-Ziel damit weit übertroffen: "Mit so einem unwahrscheinlichen Thema auf so eine große Resonanz zu stoßen, ist für mich überwältigend", so Schmischke. Auch deswegen sind die beiden aufs Ganze gegangen. Der Traum? "Wir wollen langfristig die Experten rund um den Hintern werden – eben HappyPo."

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