Book a Tiger

Wie aus Online-Shops digitale Plattformen werden

Online-Dienstleister im Wandel: Unternehmen wie „Book a Tiger“ übernehmen das Zalando-Konzept, um schneller zu wachsen.

Die beiden Gründer des Reinigungsdienstleisters Book a Tiger, Nikita Fahrenholz (l.) und Claude Ritter

Die beiden Gründer des Reinigungsdienstleisters Book a Tiger, Nikita Fahrenholz (l.) und Claude Ritter

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Einfach nur Waren oder Dienstleistungen im Internet anzubieten ist heute kein Geschäftsmodell mit Wachstumspotenzial mehr. Wenn aus einer Idee ein erfolgreiches Unternehmen werden soll, braucht es eine Plattform. Dafür gibt es in Berlin Beispiele: den Modehändler Zalando etwa oder den Putzkräfte-Vermittler "Book a Tiger".

Ihr Erfolg besteht darin, dass sie mit Hilfe von Technologie große und kleine Anbieter mit Kunden vernetzen, so dass diese miteinander Geschäfte machen können. So ist das zum Beispiel beim Modemarktplatz Zalando.

"Bei uns sind mehr Informatiker als Modeexperten angestellt. Wir sind gleichermaßen ein Digital- und ein Modeunternehmen", sagt kürzlich Rubin Ritter, einer der Gründer des Unternehmens, das mittlerweile Jahresumsätze zwischen drei und vier Milliarden Euro erwirtschaftet, bei der Konferenz "Vizions". Als reines Handelshaus hätten sie das nie geschafft.

Alle Industrien stehen vor Veränderung

Ritter ist überzeugt: "Der Aufstieg der digitalen Plattformen verändert alle Industrien." Mit der Zeit hat er diese Denkweise immer tiefer in das Geschäftsmodell und in die Strategie des Unternehmens integriert. So könnten Kunden viel besser betreut werden – etwa durch die Öffnung der Zalando-Plattform für externe Verkäufer. "Damit bieten wir unseren Markenpartnern digitale Dienstleistungen an, damit sie auf unserer Plattform erfolgreicher werden."

Ein Beispiel ist das Berliner Unternehmen "Book a Tiger", das Claude Ritter, Namensvetter des Zalando-Chefs, gegründet hat. Es vermittelt Reinigungskräfte und sieht sich – ähnlich wie Zalando –zunehmend als Technologieplattform mit dem Geschäftsmodell, das eigene Wissen anderen Dienstleistern zur Verfügung zu stellen. "Reinigen hat sehr viel mit Wahrscheinlichkeiten und Statistiken zu tun", sagt Marketingchef Claude Ritter.

Mehr Aufträge durch Plattformen

So habe eine Reinigungsfirma acht neue Kräfte eingestellt, weil Book a Tiger ihnen Aufträge vermittelt, wie Ritter erklärt. "Zum Beispiel schreiben wir die Rechnungen. Und ihre Reinigungskräfte benutzen unsere Applikation." Diesen Geschäftszweig, im Gründerjargon "B2B" genannt ("Business-to-business" oder übersetzt "Von Geschäft zu Geschäft") will Ritter vertiefen. "B2B ist der Hauptfokus für 2017."

Aus der Plattform-Idee ergeben sich Wettbewerbsvorteile: "Book a Tiger" ist im Privatkundengeschäft stark gewachsen und nimmt nun Büros mittlerer Größe ins Visier – bislang ein Geschäftsfeld mittelständischer Firmen wie Dussmann und Gegenbauer. "Dabei haben wir Auslastungen und Margen, die große Facility-Manager in großen Objekten wie Einkaufszentren haben." Einen Grund hat Ritter dafür parat: "Das ist unsere Technologie."

Festangestellte Reinigungskräfte

Ziel sei es, die gesamte Wertschöpfungskette in die Plattform zu integrieren. Mühsam sei das, aber notwendig, so Ritter. Er und Mitgründer Nikita Fahrenholz wissen das zu gut: Sie gelten als Urgesteine der Berliner Gründerszene: Im Jahr 2010 haben sie den Essenslieferdienst "Lieferheld" mitgegründet, der 2012 vom Marktführer "Delivery Hero" übernommen wurde, einem der wenigen Berliner Kandidaten für einen Börsengang.

Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern sind die 700 Putzkräfte bei "Book a Tiger" fest angestellt. Damit hält sich das Unternehmen den Ärger seiner Konkurrenz mit scheinselbstständigen Reinigern vom Hals und punktet bei den Kunden. "Unser Weg macht wirtschaftlich und gesellschaftlich mehr Sinn", sagt Claude Ritter. "Sehr viele Kunden finden das cool und sind auch bereit, 1,50 Euro mehr pro Stunde zu zahlen.

Roland Berger sieht Nachholbedarf

Längst nicht alle Unternehmen haben den Vorteil solcher Plattformen erkannt. Insbesondere in Europa herrscht großer Nachholbedarf. Sechs der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt sind digitale Plattformen: Apple, Facebook, Google, Amazon, Microsoft und Tencent. Jede von ihnen hat eine Marktkapitalisierung von mehr als 400 Milliarden Euro und ein Durchschnittsalter von 26 Jahren. Das Besorgniserregende: Keine dieser Gesellschaften stammt aus Europa.

Einer, auf dessen Rat Konzerne und Mittelstand in Deutschland hören, ist Stefan Schaible, stellvertretender Chef (CEO) der Unternehmensberatung Roland Berger. Er sagt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost: "Wenn wir es richtig machen, bricht ein goldenes Zeitalter für die Internetökonomie und die Digitalisierung in Europa an." Der Talentpool sei die Basis für alles. Europa habe anders als die USA noch seine industrielle Basis.

Optionen für neue Player

Die deutsche Wirtschaft hat nach Schaibles Worten keinen Grund sich zu verstecken. "Wenn ich die ökonomischen Herausforderungen für die Industrie sehe, dann tun sich genügend Möglichkeiten für neue Player im Plattformsegment auf."

Nach Jahren der Skepsis hat die deutsche Wirtschaft anscheinend ihre Lektionen gelernt. "Jetzt aber sehe ich bei unseren Kunden Formen eines radikalen Infragestellens von Geschäftsmodellen", sagt Schaible. "Es wird offen nachgedacht und es sind radikale Konzepte. Da tut sich richtig was."

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