Mit blauer Krawatte und grauem Anzug kommt EU-Digitalkommissar Günther Oettinger pünktlich in den Hörsaal des Hasso-Plattner Institut (HPI). Soeben hat ihm Direktor Christoph Meinel das neu entwickelte „Real-Time Event Analytics and Monitoring System“ (REAMS) zur Erkennung von Cyber-Angriffen gezeigt. Mit diesem System können Anwender in Echtzeit sämtliche sicherheitsrelevanten Informationen erhalten.

Anstatt sich an das Rednerpult auf der Bühne zu stellen, stellt Oettinger sich galant neben die Erhöhung – er schafft Nähe zu seinem Publikum. Die etwa 80 Zuhörer, Studenten und Wissenschaftler, blicken gespannt von ihren Laptops auf.

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Europa brauche eine digitale Revolution, fordert der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er spricht sich für einen digitalen Binnenmarkt in Europa aus. Bereits vor Ende des Jahrzehnts werde sich zeigen, ob die EU als Gewinner oder Verlierer aus dieser Revolution herausgehen wird.

Es sei elementar, dass ein Europäisches Datenrecht als Datenschutzgrundverordnung erstellt werde. So kann der strenge Datenschutz einzelner Länder, wie zum Beispiel in Deutschland, nicht mehr umgangen werden, erklärt Oettinger. Zwar hält der 61-Jährige die Digitale Infrastruktur für die Wichtigste überhaupt, allerdings werden derzeit viel zu wenig IT-Spezialisten ausgebildet.

Mehr IT-Spezialisten gefragt

Deswegen hält Oettinger es für sinnvoll, dass in jeglichen Studiengängen ein Grundstudium in Informationstechnik angeboten und vorausgesetzt wird. So sei eine viel größere Effizienz möglich. Die digitale Europäisierung soll auch Start-ups mehr fördern. Denn nach der „Revolution“ gäbe es nur noch einen großen, gemeinsamen europäischen Markt und nicht mehr viele individuelle der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten. So sollen die Grundlagen, in den Markt einzusteigen, erleichtert und die Banken animiert werden, risikofreudiger zu werden und Kredite zu gewähren.

Einen Arm an der Hüfte abgestützt, mit den Augen das Publikum suchend, gestaltet Oettinger seinen Vortrag interessant. Nur gelegentlich wird leise getuschelt, wenn man nicht die Tastaturen der eifrigen Mitschreiber hört.

Im Anschluss an den Vortrag wird der EU-Kommissar vom Institutsleiter Meinel zum HPI-Fellow ernannt und bekommt die entsprechende Medaille überreicht. Vor Oettinger haben elf weitere Persönlichkeiten diese Ehrung erhalten, darunter auch die frühere EU-Kommissarin Neelie Kroes, die beiden „Väter“ des Internets, Bob Kahn und Vint Cerf sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das sogenannte Fellow ist die höchste Ehrung akademischer Art für Freunde und Förderer der Universität. Mit einher geht der Wunsch nach jährlichen Vorträgen des Fellows.

Das HPI an der Universität Potsdam ist Deutschlands Zentrum für IT-System Engineering. Derzeit belegen 460 das angebotene Studium. Am Ende der Veranstaltung äußert Oettinger sich zur internationalen Rolle des HPI: „Global gesehen, ist das HPI als Leuchtturm anzusehen. Es ist nah dran an der Industrie, innovativ und flexibel“, sagt er.

Mit Kamera und Mikrofon ausgerüstet, stellen ihm schnell noch einige Studenten letzte Fragen. Dann verabschiedet sich der EU-Kommissar und steigt in die wartende Limousine.