Das Tech Open Air ist ein dreitägiges Event für die Tech- und Kreativszene mit mehr als 120 Rednern auf einer Industriebrache in Friedrichshain und 140 Satelliten-Events in der ganzen Stadt. Das TOA versteht sich als „Unconference“, eine Mischung aus Kongress, Party und Kunsthappening.

Erfahrene Gründer teilten ihre Erfahrungen mit Gründern, die diesen Weg noch vor sich haben. Robert Gentz, der Gründer des Internet-Modehändlers Zalando, beschrieb den Weg seines Unternehmens vom Onlineshop zum Hightech-Unternehmen. „Wir haben diesen Erfolg nie geplant“, sagte er.

Zalando sieht sich als Tech-Unternehmen

800 Software-Entwickler arbeiten für sein Unternehmen. „Wir suchen Wege, wie wir den Verbraucher durch die Welt der Mode führen.“ Ein Ziel sei, dem Kunden binnen zwei Stunden ein Kleidungsstück zu liefern. Davon ist Zalando, trotz modernster Software und dem Nebeneinander von Onlinehandel und Offline-Stores aber noch weit entfernt.

Zalando hat seine Entwickler in kleine Teams von sechs bis acht Programmierern aufgeteilt, die nach Gentz‘ Worten autonom arbeiten und mehr Entscheidungskompetenz als früher haben. „Wir fanden das riskant“, räumte er ein, „und hatten auch Angst, ob das klappt.“ Die Reaktion der Entwickler habe zunächst zwischen Irritation und Begeisterung geschwankt. „Aber nach einige Wochen stieg die Motivation.“ Dieses Konzept der Dezentralisierung sei binnen neun Wochen entwickelt und (zalandotypisch schnell) umgesetzt worden.

In den nächsten Jahren will Zalando, das mit der medienwirksamen Werbekampagne „Schrei vor Glück“ einen Bekanntheitsgrad von 80 bis 90 Prozent erreichte, ein Ecosystem für Mode aufbauen. Das Marktvolumen in Europa bezifferte Gentz mit 400 Milliarden Euro.

Software erkennt jedes Musikstück

Chris Barton, Gründer der Musikerkennungssoftware Shazam für Smartphones, versuchte seinem Publikum zu vermitteln, wie wichtig Leidenschaft beim Aufbau eines innovativen Unternehmens ist, dass Kompromisse und 2b-Lösungen kein Weg sind, um Innovationen zu schaffen. Dazu nannte er Beispiele: Der Cloud-Speicherdienst Dropbox schaffte das, indem er Datensysteme personalisierte und in der Cloud so einfach verfügbar machte, als wären sie auf dem eigenen Computer gespeichert. Dem Musikstreamingdienst Spotify sei es gelungen, dass Nutzer für Musik bezahlen. Und der Erfolg von YouTube sei darin begründet, dass es gelang, Videos in Millisekunden bereit zu stellen.

Ebenso leidenschaftlich wie diese Gründer habe sein Team daran gearbeitet, akustische Signale zu dekodieren und aus ihnen Musik zu identifizieren – selbst wenn sie nur komprimiert oder verzerrt zu hören sind. „Uns geht es darum, jedes Musikstück zu identifizieren.“

Christoph Keese, Buchautor und „Außenminister“ des Medienkonzerns Axel Springer, brachte einige Lektionen für die traditionelle Wirtschaft mit zur TOA. Etablierten Unternehmen fehle das Verständnis für Disruption, also dem Zerstören alter Strukturen und ihr Ersatz durch neue, die Innovation ermöglichen. Manche Firmen dächten, es reiche aus, das Fax durch Email zu ersetzen. Auch genüge es nicht, analoge Prozesse einfach in digitale zu kopieren.

Innovation braucht Impulse von außen

Vielmehr müsse es darum gehen, ein neues Design für das Schaffen von Werten zu entwickeln. Als Beispiel nannte er das Bankenwesen, wo es Startups wie Number26 (Girokonto auf dem Smartphone) oder Transferwise (preisgünstige Bargeld-Transaktionen ins Ausland) Alternativen zu herkömmlichen Banken entwickelt hätten.

Es sei eine Illusion, dass sich Unternehmen aus eigener Kraft erneuern können, sagte Keese. Dazu seien neben dem Willen Impulse von außen notwendig. Da helfe es auch wenig, ins Silicon Valley zu reisen, wo es inzwischen eine florierende Touristik-Industrie für innovationssuchende Unternehmen aus Europa gebe. Kürzlich habe ein Dax-30-Konzern 70.000 Dollar für eine dreitägige Silicon-Valley seines Managements bezahlt. Allerdings: Auch Keese entdeckte sein Interesse für Disruption bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Kalifornien.