Startup-Campus

Wie die Factory Berlin zu Europas Valley machen will

Der Startup-Campus Factory hat große Pläne. Ein Jahr nach dem Start sind mindestens 100.000 Quadratmeter Büroflächen geplant.

Udo Schloemer, Geschäftsführer der Factory, hat Großes vor. Das Konzept bekommt Ableger in Berlin

Udo Schloemer, Geschäftsführer der Factory, hat Großes vor. Das Konzept bekommt Ableger in Berlin

Foto: Amin Akhtar

Die Gründer des Start-up-Campus Factory haben große Pläne. Ein Jahr nach dem Start steht die Eröffnung der ersten Dependance an. „Wir wollen bis Ende 2016 auf insgesamt mindestens 100.000 Quadratmeter wachsen“, sagt Factory-Gründer Udo Schloemer.

Die Factory zwischen Rheinsberger und Bernauer Straße in Berlin-Mitte ist international zum Inbegriff der Berliner Start-up-Szene geworden. Der US-Kurznachrichtendienst Twitter und die amerikanische Mobilitätsplattform Uber haben auf dem 20.000-Quadratmeter-Areal Büros. Der Streamingdienst SoundCloud ist größer Mieter. Und der digitale Aufgabenplaner Wunderlist ist nach dem Verkauf an den Elektronikriesen Microsoft für mehr als 100 Millionen Dollar gerade ausgezogen. Neben den großen Namen arbeiten auch kleine Firmen in der Factory: das Online-Frauenmagazin EditionF, die Kundensupport-Plattform Zendesk oder das Produktvergleichsforum Versus.

Dabei schwenkt der Fokus der Factory zunehmend vom Verbraucher- (Fachjargon B2C) auf den B2B-Bereich, also auf Geschäfte zwischen Unternehmen. Denn es wird immer schwieriger, sich im B2C-Bereich zu etablieren. Es gibt eine gewisse Sättigung an Apps. „Wir sehen im B2B-Bereich große Synergien und Wachstumsmärkte, weil Kundenakquise mit deutlich niedrigeren Marketingkosten starten kann“, sagt Schloemer.

Factory-Filiale in Gummifabrik

Als nächstes öffnet die Factory in einer ehemaligen Gummifabrik am Tempelhofer Ufer 17. Geplant ist auch eine Factory in Friedrichshain. Einzelheiten zu diesem Projekt will Schloemer noch nicht nennen. Am Tempelhofer Ufer wird es eine Factory für Start-ups mit Schwerpunkt auf dem Internet of Things geben. Mieter ist zum Beispiel die Firma Unu, die Elektroroller produziert. Der Mieter Relayr hat die Plattform „Wunderbar“ entwickelt, mit der Software zum Steuern des Internets der Dinge entwickelt werden kann. Ein weiterer Mieter ist die Firma Holy Trinity, die app-gesteuerte LED-Leuchten produziert. Eine Zukunftsvision des Gründers ist eine Tech Factory, in der Hardware hergestellt wird.

Die Factory bietet eingerichtete Büros, Catering, Reinigungsservice. Sie vermittelt Steuerberater und Rechtsanwälte, bietet Sport und Fitness. Ziel ist, dass sich die Gründer auf ihre Produkte konzentrieren können. Gerade wird auf der Insel Usedom ein Objekt gebaut, wohin junge Firmen sich zurückziehen können.

Gründer mit der Old Economy vernetzen

Die Factory steht als Marke für ein Ökosystem, in dem Start-ups miteinander und untereinander eine Community aufbauen. „Zusätzlich wollen wir Start-up-Gründer mit der etablierten Wirtschaft verbinden“, sagt Schloemer. Zwar gebe es Unternehmen wie Uber und Twitter, die ihre Produkte aus den USA nach Deutschland gebracht hätten. „Aber Deutschland mit seiner langen Industriegeschichte hat eine ganz große Chance, seine Produkte zu digitalisieren und dadurch eigenständig zu werden.“ Deutschland stehe als Erfinderland für Qualität und sei Exportweltmeister. Doch etablierte Unternehmen hätten kaum Möglichkeiten, neue Produkte zu erfinden. Stattdessen konzentrierten sie sich darauf, ihre Produkte zu verbessern und sich im Wettbewerb zu behaupten.

Auf einer Plattform wie der Factory können sich Gründerszene und Old Economy ergänzen. Start-ups profitieren von Etablierten, was Erfahrung, Struktur und Kapitalisierung betrifft. „Dagegen sind in der Old Economy Innovation, Kreativität und Geschwindigkeit kaum noch möglich“, sagt Schloemer.

In der Factory können sich Gründer entwickeln, ohne sich in Inkubatoren oder Acceleratoren großer Unternehmen zu binden. „Wenn sich ein junges Unternehmen mit einem innovativen Produkt zu früh an einen Konzern bindet, dann steht es zum einen oft unter dessen Management und Risikomanagement. Damit gehen Innovation und Geschwindigkeit verloren“, sagt Schloemer. Zum anderen wird das Produkt eines Start-ups dann stark an den Interessen des großen Unternehmens ausgerichtet. „Damit geht Innovation verloren.“ Stattdessen müsse man Firmen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Größen in Events zusammenbringen.

Innovation durch Küchengespräch

Zukünftig soll es auch eine Software geben, mit der sich Unternehmen vernetzen können. Es ist als eine Art Intranet der Innovation gedacht. „Wir planen auch einen Club, in dem sich Mitglieder der Factory-Gemeinschaft untereinander austauschen können“, sagt Schloemer.

Wenn Menschen immer nur zu Kollegen des eigenen Unternehmens Kontakt haben, wird Innovation behindert. „Aber wenn sich drei oder vier Firmen Küchen und Cafés teilen und sich dort im täglichen Gespräch austauschen und feststellen, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt, dann entsteht etwas Neues“, beschreibt Schloemer das Factory-Konzept. Dann findet auch ein junges Unternehmen rechtzeitig den Partner, der ihm beim Strukturieren hilft und das etablierte Unternehmen lernt die neue Art zu denken, etwas auszuprobieren und auch das Risiko des Scheitern einzugehen.

Bedarf von 500.000 Quadratmetern erwartet

Der Bedarf an Start-up-Flächen wird in Berlin in den nächsten Jahren nach Schloemers Prognosen auf bis zu 500.000 Quadratmeter wachsen. Potenziale sieht er auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Was fehlt, ist nach seinen Worten ein Angebot der Politik mit einer zeitlich angemessenen Perspektive. „Wir würden auch größere Industrieflächen bespielen, wenn die Lage stimmt. Das heißt fünf Kilometer um Berlin-Mitte herum.“

Denn große Unternehmen werden in Berlin Talente suchen und hier innovative Abteilungen schaffen. Auch das Silicon Valley hat durch die Zentralisierung von Talenten seine Stärken entwickelt.

Schloemer will auch Politik und Wissenschaft einbinden. Zusammengearbeitet wird bereits mit der Humboldt-Universität und dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut. „Wir denken auch über eine eigene Academy nach, wo wir großen Firmen die Möglichkeit bieten, sich mit Start-ups über die digitale Transformation auszutauschen.“

Anders als viele Start-up-Brutkästen (Acceleratoren) fordert die Factory von ihren Mietern keine Unternehmensanteile. Ihr Geschäftsmodell ist die Vermietung von Flächen. Start-ups zahlen zwölf bis 20 Euro je Quadratmeter, etablierte Unternehmen deutlich mehr. „Uns geht es darum, ein Ökosystem aufzubauen“, sagt Schloemer.

Das Geschäftsmodell der Factory steht auf drei Säulen: Vermietung, Sponsoring und Events – wie im Fall von Google, die jährlich mehr als eine Million Euro in die Factory investieren, um Veranstaltungen zu ermöglichen und die Gesellschaften untereinander zu verbinden.

Mitgründer Simon Schäfer geht eigene Wege

Von der Bildfläche der Factory verschwunden ist Simon Schäfer. Er hatte die Factory gemeinsam mit Schloemer gegründet. Schäfer war für Außenkommunikation und Marketing zuständig, Schloemer für Immobilien und Finanzen. Er konzentriert auf künftig Berlin. Schäfer will ähnliche Konzepte wie die Factory international realisieren. „Wir werden den größten Mehrwert finden, wenn wir uns auf Berlin und Deutschland konzentrieren und hier ein Ökosystem schaffen und viele ausländische Talente nach Berlin holen, weil der Reiz der Stadt so unendlich groß ist“, beschreibt Schloemer die eigene Position.

Er ist seit mehr als 20 Jahren in der Immobilienbranche aktiv, hat mit seiner Frau 2008 die Investorengesellschaft JMES gegründet, die in mehr als 50 Start-up-Unternehmen investiert ist. Gemeinsam mit Ex-Hotelier Sascha Gechter (Meininger-Gruppe), dem Filmproduzenten Dario Suter und dem Mobilfunk-Manager Marc Brucherseifer hat er eine Gesellschaft gegründet, die die Factory-Immobilien finanziert. Daneben steht die Factory-Betreibergesellschaft, die die Immobilie mit Leben füllt.

Kapitalstarke Investoren, die an die Zukunft von Berlin und an die Zukunft von Start-ups glauben, sind vor einigen Jahren wichtig gewesen. Banken war das Geschäft zu riskant. Dario Suter, der StudiVZ mitgegründet hat, hat zusätzlich mit seinem großen Netzwerk in der Start-up-Welt geholfen.

Das Verhältnis zu Schäfer beschreibt Schloemer als harmonisch. „Wir haben unterschiedliche Chancen in unterschiedlichen Geschäftsmodellen gesehen. Wir sind wirtschaftlich voneinander unabhängig, kooperieren aber mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen.“ Schäfer habe mit der Factory Berlin nichts mehr zu tun.

Ausländische Talente holen

Dass Berlin seinen Reiz für junge Menschen verlieren könnte, glaubt Schloemer nicht. „Auch in London und New York ist das Hipstertum erhalten geblieben.“ Wenn die Mieten stiegen und der Wohnraum knapper werde, müsse die Politik ihren Beitrag leisten und Möglichkeiten für mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. „Aber ich glaube an die Marktwirtschaft. Steigende Mieten heißt auch, dass es den Einzelnen in der Summe besser geht.“

Schloemer träumt davon, dass Firmen wie SAP, die Lufthansa oder Daimler, Soundcloud und Twitter unter einem Dach sitzen und über Events, die Community, die Academie ständig in einem Austausch miteinander sind. Seine Vision: „Deutschland als europäisches Valley in Berlin. Oder Berlin als europäisches Valley in Deutschland.“

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