„Amorelie“-Chefin

Wie eine Berliner Gründerin den Erotik-Markt revolutioniert

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Fabian Wenck

Foto: David Heerde

Die Berlinerin Lea-Sophie Cramer hat den Erotik-Onlineshop „Amorelie“ gegründet. Die Mission der 28-Jährigen: Sie will das Image von Sexspielzeug verbessern und auf eine sinnliche Stufe heben.

Lea-Sophie Cramer sitzt am Steuer ihres Motorbootes in der Rummelsburger Bucht in Friedrichshain. Es ist aus Holz gebaut, gute zehn Meter lang, hat ein Sonnendeck und zwei kleine Kajüten an Heck und Bug. Die Bänke in der Sitzecke sind aus weißem Leder. Mit offenen, blonden Haaren, in dunkelblauer Chinohose und einer beigefarbenen Strickjacke schaut sie in die Sonne. Cramer ist 28 Jahre alt – und Gründerin eines Erotik-Onlineshops. Seit zwei Jahren ist „Amorelie“ so etwas „wie mein Baby“, sagt die Start-up-Chefin.

Ihre Freizeit verbringt die Berlinerin auf dem Wasser. „Das Boot begleitet mich schon mein Leben lang, ich habe es von meinen Eltern übernommen. Es ist ein Stück Familiengeschichte“, erzählt sie. Beruflich ist Cramer in Kreuzberg zu Hause. Mittlerweile 71 Mitarbeiter sitzen im „Amorelie“-Büro in der obersten Etage eines ehemaligen Lagerhauses am Paul-Lincke-Ufer. Erst kurz vor Weihnachten wurde das Büro mit einem Wanddurchbruch vergrößert.

Trotzdem stehen in beiden Räumen die Tische in Sechser- und Achtergruppen eng zusammen, alle Plätze sind belegt. Lea-Sophie Cramer sitzt mitten zwischen ihren Kollegen. Alle sprechen sich hier mit Vornamen an. In regelmäßigen Abständen werden die Arbeitsplätze durchgetauscht. „So bleibt man gedanklich fit“, sagt Cramers PR-Chefin, Johanna Rief. Auch die Gründerin ist von den Platzwechseln nicht ausgenommen.

Gewisse Hemmungen wird sie nie verlieren

An den weiß gestrichenen hohen Klinkerwänden hängen „Amorelie“-Werbeplakate, aus der offenen Küche riecht es nach frischem Toast. In einer Glasvitrine in der Mitte liegen Handschellen und ein Dildo. Obwohl sie jeden Tag mit Sexspielzeug zu tun habe, werde sie bei manchen Dingen wohl nie diese gewissen Hemmungen verlieren, sagt Cramer. Hemmungen, die für sie der Ideengeber für den Brancheneinstieg waren. Beate-Uhse- oder Orion-Läden hätten sie als junge Frau abgeschreckt. „Und das, obwohl ich ein Interesse am Liebesleben habe und auch Sexspielzeug etwas Spannendes ist.“ Diese Geschäfte habe sie immer als schmuddelig empfunden. „Für mich war es verpönt, da rein zu gehen. Viel mehr, sich rein und wieder raus zu schleichen.“

Dieses Gefühl wollte die Jungunternehmerin verschwinden lassen. Nach dem Abitur 2003 in England studierte sie BWL an der Universität Mannheim. Anschließend war sie fast drei Jahre lang für das Online-Rabattgutschein-Portal Groupon in Asien tätig. Dort führte sie zum Schluss 1200 Mitarbeiter, bevor sie sich entschloss, selbst zu gründen. Mit Sebastian Pollok hatte sie 2013 die Idee zu „Amorelie“. Mit „Polly“, wie sie ihren Geschäftspartner privat nennt, sei es mittlerweile fast wie in einer Ehe. „Wir haben ein Grundvertrauen zueinander“, sagt Cramer.

Mit „Amorelie“ wollten die beiden das Image von Sexspielzeug verbessern, auf eine sinnlich, leidenschaftlich-erotische Stufe heben. „Wir haben es deswegen eher nach dem Vorbild einer Modemarke aufgezogen. Wir selektieren unser Angebot klar nach Qualität, Design und Ästhetik und haben lange nicht alles, was der Markt anbietet“, erklärt Cramer ihr Geschäftsmodell.

Der pubertäre Humor bleibt

Sie selbst sehe sich als Repräsentantin ihrer eigenen Zielgruppe: „Deswegen kenne ich sie auch so gut.“ So vertreibt der Online-Shop nichts, was Schmerzen bereitet. „Es darf höchstens ein bisschen zwicken“, erklärt sie. Lea-Sophie Cramer kann jedes ihrer Produkte erklären. „Das ist auch wichtig“, sagt sie. „Ich kannte den Unterschied zwischen einem Dildo und einem Vibrator anfangs nicht.“ Auch heute werde bei Vorstandsmeetings immer noch ein bisschen geschmunzelt. „Ich dachte immer, dieser pubertäre Humor würde irgendwann von alleine weggehen – das hat aber bis heute nicht geklappt“, sagt die 28-Jährige.

Zum beruflichen Vorbild hat sich Lea-Sophie Cramer ihren Mentor Thomas Vollmoeller, Geschäftsführer von Xing, genommen. Gemeinsam sitzt sie mit ihm im Beirat eines Elektronik-Versandhandels. „Als Frau sollte man aber auch immer schauen, dass man sich auch eine Frau als Vorbild nimmt“, sagt Cramer und meint Verena Delius, „Fox & Sheep“-Gründerin, einem App-Entwickler für Kinder. An Delius begeistert Cramer, „dass sie auch in ihrer Rolle als Chefin weiblich und menschlich geblieben ist. Heute orientieren sich zu viele Frauen in Führungspositionen an männlichen Charakterzügen“.

Fürs Leben lerne sie jedoch am meisten von ihren Eltern, sagt Lea-Sophie Cramer: „Ihre Ehe ist für mich ein echtes Vorbild.“ Ihre Mutter und ihr Vater hätten ihr gezeigt, dass eine Beziehung nicht immer wie im Bilderbuch verlaufe. Auch zu zweit müsse man sich ganz persönlich weiterentwickeln können. „Das haben sie beide getan und sich auf ihrem individuellen Weg nie verloren“, schwärmt die Tochter. Denn auch, wenn sie als Start-up-Gründerin erfolgreich sei, ist sich Lea-Sophie Cramer sicher: „Eine Familiengründung ist ein noch größeres Wunder, als eine Unternehmensgründung.“ Den ersten Schritt in diese Richtung hat die Jungunternehmerin bereits getan: Seit sieben Jahren ist sie mit ihrem Freund zusammen. Und das passende Boot für Familienausflüge hat sie von ihren Eltern schließlich schon übernommen.