Bescheidenheit gehört nicht zu den vorstechenden Merkmalen von Rocket Internet. Die Berliner Fließband-Gründer von Online-Unternehmen auf der ganzen Welt streben stets danach, die Nummer eins in einem Markt zu sein. Egal, ob es um eine Plattform für Essensbestellungen (Foodpanda) , Partnerschaftsanbahnung (eDarling) oder Schuh- und Klamottenversand mit ihrem berühmtesten Kind Zalando geht. Wobei Zalando, die allein in Berlin mehrere Tausend Mitarbeiter beschäftigen, Blaupause für einen global angelegten Plan sind. Für das südostasiatische Pendant Zalora konnten die Brüder Alexander, Marc und Oliver Samwer jetzt 100 Millionen Dollar (78 Millionen Euro)bei Investoren einsammeln.
Plattformen weltweit
Offenbar traut man Rocket Internet einiges zu. Das Berliner Unternehmen ist derzeit dabei, auf der ganzen Welt Plattformen für das Einkaufen im Internet aufzubauen. Zalando, 2008 gegründet, macht in Europa schon mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr und soll - zumindest in Deutschland, Österreich und der Schweiz, profitabel sein. In Lateinamerika heißt die Zalando-Schwester Dafiti, im Nahen Osten Namshi und in Südostasien Zalora. Wie das Manager Magazin unlängst berichtete, strebt Rocket Internet innhalb weniger Jahre Milliardenumsätze bei Dafitit und Zalora an. Demnach sind die Berliner dabei, ein globales Internetkaufhaus zu schaffen.
„Wir wollen immer das führende Unternehmen im jeweiligen Segment im jeweiligen Land aufbauen. In aller Regel dauert es drei bis fünf Jahre, bis es nachhaltig erfolgreich und profitabel ist“, so beschrieb Alexander Kudlich, Geschäftsführer von Rocket Internet, unlängst in der Morgenpost die Marschroute beim Inkubator aus Berlin-Mitte. Das klingt sehr nüchtern und nach Understatement. Im Vergleich zur restlichen Berliner Start-up-Szene agiert Rocket Internet jedoch in ganz eigenen Dimensionen. Der Gesamtumsatz aller Rocket-Firmen liegt jenseits von zwei Milliarden Euro im Jahr. Und während viele Internetgründungen aus Berlin darum bangen, ob sie eine wenige Millionen Euro in der zweiten Finanzierungsrunde bekommen, füllt Rocket ziemlich locker viel größer Schatullen.
600 Millionen potenzielle Kunden
Das Versprechen lautet: Gebt uns Geld für ein Geschäftsmodell, dass sich schon bewährt hat. Wir wissen, wie man es in jedem Winkel des Planeten umsetzen kann. Zalora zum Beispiel verschickt Mode in Malaysia, Indonesien, Vietnam, Thailand, Singapur, Hongkong und Taiwan. Von 600 Millionen in der Region spricht Rocket Internet. Im Jahr 2017 soll schon ein Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro gemacht werden. Derzeit ist es gerade mal ein zweistelliger Millionenbetrag. Aber Zalora ist auch gerade einmal vor einem Jahr gestartet. Mit dem eingesammelten Geld soll die ehrgeizige Expansion vorangetrieben werden.
Mit dabei sind die klassischen Rocket-Geldgeber: beispielsweise das schwedische Investmenthaus Kinnevik, das bereits mehr als ein Drittel an Zalando hält, die Einzelhandelsgruppe Tengelmann (Kaiser‘s, Obi) sowie die amerikanische Investmentgesellschaft Summit Partners und Verlinvest. Für das Geld erhalten sie Anteile an Zalora. Sollte das Unternehmen eines Tages an die Börse gehen oder weiterveräußert werden, dann könntendie Investoren – so ihre Hoffnung – ihre Anteile mit Gewinn verkaufen. Oder die Unternehmen werden aus sich heraus so schnell profitabel und machen auf diese Art und Weise ihre Besitzer froh.
Das ist der Lockstoff von Rocket Internet. Viele Kritiker und Neider halten dem Ehrgeizling aus Berlin vor, viel zu vollmundige Versprechen zu machen. In jedem Fall ist es eine Wette auf die Zukunft, die Rocket Internet eingegangen ist. Ausgangspunkt ist die nicht ganz neue Erkenntnis, dass weltweit immer Menschen über Computer, Smartphones oder Tablets einkaufen. In der Welt des Online-Shoppings gewinnt der, der einen wohlbekannten Namen hat. So wie Amazon in Amerika oder eben Zalando in Deutschland. Deswegen sind Rocket-Unternehmen darauf geeicht, mit Mitteln des Marketings schnell eine große Bekanntheit und viele Kunden zu erlangen. Denn nur ein solches Unternehmen, kann im Internetzeitalter bestehen.
Geld einsammeln von Reichen
Die Samwer-Brüder sind vor allem damit beschäftigt, bei reichen Menschen oder Investmentbüros, die das Vermögen reicher Menschen verwalten, Geld für ihre Unternehmen aufzutreiben. Ihr Unternehmen Rocket Internet stellt dieManagment-Teams zusammen, die dann die neuen Firmen steuern. Zudem gibt es Lösungen für Software und Online-Marketing von der Rocket-Stange. Der Prozess des Gründens und des Unternehmenswachstums ist durchgeplant wie ein industrieller Prozess. Das funktioniert, solange der wichtigste Rohstoff, Geld von Investoren und aus laufenden Geschäfte in ausreichender Menge zur Verfügung steht.
Rocket Internet hat sich mit seinem Geschäftsmodell eine Schwäche vor allem von US-Unternehmen zunutze gemacht. Konzerne wie Amazon konnten sofort in einem riesigen Land mit riesigem Binnenmarkt loslegen. Dabei vernachlässigen sie oft die internationale Expansion. Rocket ist bestrebt, mit Kopien erfolgreicher Internetgeschäftsmodelle, weiße Flecke auf der Weltkarte zu besetzen. Dafür werden die Berliner von vielen als „Copycats“ gescholten.


