Internetnutzer können so gnadenlos sein: Das musste Apple erleben, als der Konzern mit seinem neuen Betriebssystem iOS 6 einen neuen Kartendienst ausrollte, der vor Fehlern nur so strotzte. Sogar das Logo der neuen Anwendung auf dem Startbildschirm war unkorrekt. Wäre ein Autofahrer an der bezeichneten Stelle links abgebogen, er wäre von einer Brücke gestürzt.
Eine Lawine von Schmähungen ergoss sich aus allen Kanälen des Web über den von devoter Bewunderung seiner Fans verwöhnten Konzern. Apples Mitbewerber Google will solche Fehler nicht machen: Das Projekt „Ground Truth“ soll akkurate Karten erzeugen.
Früher war das auch anders: „In den ersten Jahren haben wir nicht schnell genug Updates geliefert“, blickt Brian McClendon selbstkritisch in die Vergangenheit des im Jahr 2005 gestarteten Dienstes. Er ist Googles „Mr. Maps“ und bei dem Internetkonzern als Vizepräsident für die Dienste Maps und Earth zuständig.
Google verlässt sich auf eigene Daten
Eine der Herausforderungen sei damals gewesen, gutes Datenmaterial zu erhalten. Der Internetkonzern arbeitete mit Drittanbietern von Karten zusammen. Nutzer aus Deutschland hätten sich damals beschwert, dass der Dienst nur für die USA und Großbritannien verfügbar gewesen sei.
Im Jahr 2008 habe man dann beschlossen, den Dienst Maps im Rahmen des Projekts „Ground Truth“ auf der Grundlage eigenen Datenmaterials zu erstellen. „Das gab uns die Möglichkeit, die Qualität der Karten zu verbessern und Korrekturen schneller einzuarbeiten“, sagt McClendon. „Unser Ziel war es, möglichst umfassende, akkurate und nützliche Karten zu erstellen“, sagt Manik Gupta, der Produktmanager des Dienstes.
Dazu habe man ein ganzes Bündel von Quellen benutzt. „Wir haben zunächst unsere Satellitenbilder ausgewertet“, sagt Gupta. „Und dann haben wir uns die Streetview-Bilder angesehen.“ Diese Material wurde dann mit einer Menge Daten verknüpft, für die Google in aller Welt Lizenzen erworben hatte.
Straßenschilder eingearbeitet
Dieses Puzzle an Daten unterschiedlichster Herkunft wird sowohl mit technischen Algorithmen als auch von Menschen zusammengefügt und bereinigt, so dass alle Straßen korrekt miteinander verbunden werden, die richtigen Prioritäten haben und alle Sehenswürdigkeiten richtig eingetragen sind. Dieses „Conflation“ genannte Verschmelzen von Daten unterschiedlicher Quellen sei das größte Problem beim Erstellen von Karten.
Man muss sich immer die richtige Quelle herauspicken. „Und das kann von Landkreisgrenze zu Landkreisgrenze variieren“, sagt Brian McClendon. So etwas dauere in jedem Land ein paar Monate, sagt der Manager, dessen Dienst inzwischen über Karten für 40 Länder verfügt.
Gute Dienste leisten dabei die Streetview-Aufnahmen, über die Google aus mehr als 3000 Städten in 45 Ländern mit insgesamt fünf Millionen Straßenkilometern verfügt. Der Konzern benutzt eine automatische Erkennungssoftware für Verkehrszeichen und Hinweisschilder. So lässt sich feststellen, wie die Haupt- und die Nebenstraßen verlaufen und wo man abbiegen darf.
Google-Programm erkennt sogar Straßenschilder
Das Programm „Computer Vision“ ist auch in der Lage, Namensschilder von Firmen am Straßenrand mit Hilfe von optischen Bilderkennungs-Technologie zu lesen. „Wir haben auf diese Weise 20 Millionen Adressen von Unternehmen mit ihren exakten Geodaten generiert“, sagt Gupta. Einfach sei das bei Geschäften, an deren Fassade ein Firmenlogo hängt.
Das erkenne die Automatik in vielen Fällen. In Ausnahmefällen müsse jedoch manuell nachgearbeitet werden. Wie hoch der personelle Aufwand für diese Kleinarbeit genau ist, wollen die Google-Manager nicht sagen. Es seien aber „Hunderte für jedes Land“.
Doch das ist nur der erste Schritt. Richtig kompliziert wird es, wenn sich Datenmaterial ändert – wenn neue Straßen gebaut, Verkehrsführungen oder Tempolimits geändert werden. An dieser Stelle kommen die Nutzer des Dienstes ins Spiel. Sie können mit dem Werkzeug „Ein Problem melden“ auf Kartenfehler hinweisen.
Mehrere Zehntausend Fehlermeldungen täglich
Mehrere Zehntausend solcher Meldungen gehen täglich bei Google ein. „Sie werden in der Regel innerhalb von 48 Stunden geprüft“, sagt McClendon. „Und wenn wir einen Fehler identifiziert haben, wird er innerhalb weniger Minuten auf der Karte geändert“.
Es ist eine gewaltige Datenmenge, die Google ständig auf dem neuesten Stand halten muss. McClendon beziffert sie mit 20 Petabyte, das sind 20.000.000 Gigabyte oder umgerechnet die Speicherkapazität von 100.000 Computern mit handelsüblichen 200-GB-Festplatten. Der Großteil dieser Daten wurde seit 2008 durch neues Material ersetzt, allerdings gibt es in den Beständen auch noch alte Dokumente, die aus den 30er- und 40er-Jahre des vergangenen Jahrhundert stammen – historische Bilder aus computerlosen Zeiten, die im Dienst Google Earth abrufbar sind.
360-Grad-Panoramen
In der Zukunft will sich das Internet-Unternehmen der Bereiche annehmen, die bislang für Streetview und Maps verborgen blieben: Innenräume von Flughäfen, Einkaufszentren und anderen Gebäuden, in denen sich viele Menschen aufhalten.
Indoor-Panoramen in der Art von Streetview von mehr als 100.000 Geschäften weltweit gibt es bereits. Und es werden täglich mehr. „In den USA können Nutzer mit Android-Smartphones bereits solche 360-Grad-Panoramen selbst aufnehmen und auf Google Maps hochladen“, sagt McClendon.
Das Unternehmen hat die Absicht, Maps zum Orientierungswerkzeug innerhalb von Gebäuden zu machen, wo keine Satellitendaten (GPS) empfangen werden können. Mittlerweile ist es möglich, den Standort eines Smartphones aus Daten von Mobilfunknetzen und WLans in der Umgebung auf bis zu zehn Meter genau zu errechnen.
Google-Karten für Radfahrer und Fußgänger
Das nächste Ziel ist nach McClendons Worten, den Kartendienst auch für Fußgänger, Radfahrer nutzbar machen, die sich mit ihren Smartphones oder Tablets in fremden Umgebungen bewegen. „Dazu ist es wichtig zu wissen, welche Straßen Radwege haben und wo Fußgängerüberwege sind“, sagt der Maps-Macher. Dazu können öffentliche Datenbanken über Programmschnittstellen angezapft werden.
Wenn es solches Material nicht gibt, greift Google auf Nutzerdaten zurück. Zu diesem Zweck gibt es in den USA bereits das Werkzeug „Map Maker“, mit dem Nutzer solche Informationen in das Kartenwerk integrieren können. „Dann kann Google Maps auch anzeigen, wie man als Fußgänger von einem Punkt zum anderen kommt“, sagt McClendon.
Daten für Bus- und Bahnreisende verfügbar
„Map Maker“ soll demnächst auch in Deutschland verfügbar sein. Ferner wird an Google Transit gearbeitet, ein Programm das Daten von , Bahn und öffentliche Verkehsmitteln in den Kartendienst einbezieht. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis Google den letzten Winkel der Welt vermessen hat.


