Pro: Obama lebt den amerikanischen Traum
von Viktoria Solms
Die Menschen in Deutschland finden Reden eigentlich immer nur dann gut, wenn sie so kompliziert sind, dass nur ein Bruchteil sie versteht. Ganz anders in Amerika. Dort liebt man klare Worte. Als US-Präsident Barack Obama am Brandenburger Tor von Freiheit und dem Drang nach Frieden sprach, hielten das in Deutschland viele für rhetorisch flach. Selbst da können sie sich nicht zu dem Wort durchringen, das sie eigentlich meinen – und zwar kitschig.
Barack Obama hat davor keine Scheu. Wie bedeutsam seine Worte in Berlin tatsächlich waren, wird sich erst im Nachhinein zeigen. Denn der Präsident schlug an dem Tag eine Brücke zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Und das war nicht ganz einfach. Die beiden sind uneins in der Finanz- und Wirtschaftspolitik. Amerika zieht nicht mit bei der Bekämpfung des Klimawandels und lässt seinen Geheimdienst deutsche Internetnutzer ausspionieren. Merkel kocht gern Kartoffelsuppe. Obama lädt Schauspieler und Rockstars ins Weiße Haus.
Ähnlich sind sich Obama und Merkel nur in einer Sache: Sie passen in kein Schema. Genau darauf spielte Obama zu Beginn seiner Rede an. Für ihn war das ein außergewöhnlicher Schritt. Denn Obama hatte weder im Wahlkampf noch während der Regierungszeit je seine Hautfarbe zum Thema gemacht. Die Amerikaner sollten ihn wegen seiner Fähigkeiten wählen.
In Berlin sagte Obama dagegen: „Angela und ich sehen nicht unbedingt wie frühere deutsche und amerikanische Regierungschefs beziehungsweise Präsidenten aus.“ Das ist es, was diese beiden so unterschiedlichen Menschen verbindet. Kaum einer glaubte an sie. Doch sie haben für ihre ganz individuelle Freiheit gekämpft und gewonnen.
An dem geschichtsträchtigen Ort beließ es Obama nicht damit, den Fall der Mauer zu loben. Er schaute nach vorne und kritisierte die Selbstgefälligkeit westlicher Demokratien, die Freiheit als selbstverständlich ansehen. Seine Lebensgeschichte und die von Angela Merkel sollten an jedem Ort der Welt möglich sein. Erst wenn wir das erreicht haben, sind wir wirklich frei. Eine Aufgabe, die nie ganz abgeschlossen sein wird. Aber für die wir uns einsetzen sollen, solange es anderen Menschen schlechter geht als uns. Nichts anderes sagte der US-Präsident damit.
In keinem anderen Land als in Amerika haben die Bewohner einen so unerschütterlichen Glauben daran, dass es mit genügend Einsatz jeder schaffen kann. Das Gerücht des sprichwörtlichen amerikanischen Traums hält sich hartnäckig. Denn er scheint dort einfach immer ein wenig öfter in Erfüllung zu gehen als anderswo. Diese Überzeugung ist auch ein Grund, weshalb Amerika bis heute so fasziniert.
Obamas Rede müsste uns Deutsche eigentlich ganz besonders berühren. Trotz unserer bewegten Vergangenheit vergessen zu viele bereits wieder, welch ein hohes Gut die Freiheit ist. Amerika dagegen wird nicht müde, sie zu loben und sich dafür weltweit einzusetzen. Das ist nicht kitschig, sondern eben: ein Traum.
>>>Die interaktive Analyse der Rede von Barack Obama<<<
Obama ist nicht so stark wie er gerne wäre
von Jochim Stoltenberg
Selbst bei nochmaligem intensivem Studium wird die Rede Barack Obamas vor dem symbolträchtigen Brandenburger Tor nicht gehaltvoller. Zweifellos bestens inszeniert und rhetorisch weit über der derzeit in Deutschland gewohnten Qualität, fehlte ihr der mitreißende Gedanke, das Gefühl, hier steht ein Weltenlenker, auf den Verlass ist. Entschlossen, die Probleme dieser Welt nicht nur anzusprechen, sondern auch mutig anzupacken.
Natürlich hat es allen voran die Berliner erfreut, dass Obama den Freiheitskampf dieser Stadt und ihrer Menschen zum beispielgebenden „Geist von Berlin“ adelte. Aber das wissen wir ja längst. Und das haben John F. Kennedy und Ronald Reagan in bedrohten Zeiten unwiederholbar und unvergessen in die Geschichtsbücher geschrieben.
Sucht man in Obamas Rede Passagen, die aufhorchen lassen, die neue Wege oder Einsichten aufzeigen, fahndet man vergebens. Selbst seine Bekanntgabe, das US-Atomwaffenpotenzial in Verhandlungen mit Russland um ein Drittel zu verringern, macht der Welt keine Hoffnung. Putin hat recht, als er prompt erklärte, die atomare Bedrohung gehe heute nicht von den beiden Supermächten aus, sondern von höchst unberechenbaren Kantonisten wie Indien, Pakistan, Nordkorea und bald vielleicht gar dem Iran. Ein derart bedrohliches Szenario mit einem „Nuklear-Sicherheitsgipfel“ in drei Jahren entschärfen zu wollen klingt zumindest aus heutiger Sicht schon fast naiv.
Die Berliner Rede bestätigt einmal mehr, dass die einst höchsten Erwartungen in diesen Präsidenten höchst voreilig waren. Worte und Taten klafften auch in dieser Rede wieder weit auseinander. Er verlangte Klimaschutz-Aktionen, doch Amerika blockiert weiter alle internationalen Vereinbarungen, die der eigenen Wirtschaft allzu sehr schaden. Er äußerte Verständnis für die Sorge, dass das flächendeckende Überwachen des Telefon- und Internetverkehrs durch seinen Geheimdienst die Prinzipien von Persönlichkeitsrechten und Rechtsstaatlichkeit bedrohe. Das war’s dann aber auch schon.
Fast zeitgleich wird aus Amerika gemeldet, dass nun auch die Bundespolizei FBI vermehrt Drohnen zur Überwachung fliegen lässt. Ein letztes Beispiel für die von vielen Wünschen, aber wenig weltpolitischer Realität geprägten Rede: Amerika müsse seine Bemühungen verdoppeln, das Gefangenenlager Guantánamo zu schließen – das hat Obama schon in seinem ersten Wahlkampf vor fünf Jahren versprochen. Dass er dafür von den auserwählten Zuhörern auf dem Pariser Platz den wohl stärksten Beifall bekam, war schwerlich Zufall. Selbst seine treuesten Anhänger können nicht alle Enttäuschungen unterdrücken.
Einmal mehr hat Obama in Berlin die keineswegs tiefgründige Erkenntnis bestätigt, im Vorfeld keine Erwartungen zu schüren, die der Redner in der Stunde der Wahrheit nicht erfüllen kann oder will. Denn das löst mehr als Enttäuschungen aus. Es schwächt im konkreten Fall den Präsidenten. Weil er damit offenbart, dass er keineswegs so stark ist, wie er es gerne wäre.

