Ich bin ein Berliner

Manfred Sangel - Hertha-Fan

| Lesedauer: 6 Minuten
Michael Bee (Text) und Massimo Rodari (Fotos)

Foto: Massimo Rodari

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Auf Morgenpost Online erzählen sie ihre Geschichte - wie Manfred Sangel. Der 52-Jährige lässt so gut wie kein Hertha-Spiel im Olympiastadion aus betreibt seit 23 Jahren das "Hertha-Echo", eine Radiosendung von Fans für Fans.

Manchmal enden Romanzen im Rosenkrieg: Zu tief sitzen die Enttäuschungen, zu groß die Wut über missbrauchtes Vertrauen. Wer ständig leidet, dem bleibt nur noch das Aus. Manfred Sangel dagegen hat seiner Liebe einen Blankoscheck ausgestellt: Egal was auch passiert, immer wird er zu der Alten Dame halten. „Ich bin nun mal ein sehr, sehr treuer Mensch”, sagt der 52-Jährige. Was sollte auch noch kommen? Er hat alle Tiefpunkte erlebt: die 60er-Jahre, als Hertha nach Zwangsabstieg in der Berliner Regionalliga dümpelte und sich nur noch mit Lokalrivalen wie Tasmania oder Tennis Borussia herumschlagen musste. Oder die vorletzte Saison, in einer Zeit, als man sich schon unter den Großen der Liga wähnte – und dann nach 16 sieglosen Heimspielen in Folge abstieg. „Ganz tiefe Tiefen waren das”, sagt Manfred Sangel. Und schiebt dann dröhnend hinterher, ganz so, als ob er es genießen würde: „Als Hertha-Fan muss man leidensfähig sein.”

Deutlich über 500 Spiele im Olympiastadion hat er gesehen, so ziemlich jede Liga-Partie, dazu die DFB-Pokal-Kämpfe und die Auftritte gegen europäische Mannschaften. Fünfmal ist Sangel mit seinem Verein abgestiegen, einen Titelgewinn mit Hertha hat er nie erlebt. „Da gab es schon Zeiten, in denen man schon kurz nach Anpfiff sagte: ,Hoffentlich ist das hier gleich vorbei.'” Wie motiviert er sich also, alle zwei Wochen seinen Platz auf der Gegentribüne einzunehmen, immer im Block 31.1, immer direkt neben seiner Ehefrau Susan? „Das steht gar nicht zur Debatte, nicht hinzugehen”, sagt er. Dann erzählt er von seiner Erweckung, von dem Moment, der seine Liebe bis heute befeuert: Es war 1965, als er im Alter von sechs Jahren an der Hand seines Vaters das Olympiastadion betrat. „Das Stadion, die Atmosphäre, der Lärm: Das war beeindruckend.” Groß wurde Sangel in der Ostkurve, bis er 1984 in den Oberring wechselte, um den Jüngeren das Feld zu überlassen.

An diesem Sonnabend Anfang März, beim Spiel gegen Bremen, ist alles wie immer bei Hertha. 52744 Zuschauer sind gekommen, die Erwartungen sind riesig, genau wie die Angst vor einer neuen Niederlage. „Ihr habt euer Versprechen gebrochen“, steht auf einem 60 Meter großen Banner, das die Ultras am Oberring der Ostkurve befestigt haben. Das klingt nach einem Kind, das zu früh ins Bett gesteckt wurde. Und es klingt nach Liebesentzug. „Als Fan hat man bescheidene Mittel, um Einfluss auf das Spiel zu nehmen. Ein Banner ist wichtig, um an den Kampfgeist der Spieler zu appellieren”, sagt Manfred Sangel.

Die Rituale seines Spieltags hat er schon hinter sich gebracht: der Blick ins Fan-Restaurant, ein Pils im Pressebereich, der Smalltalk mit Freunden vor der Wurstbude. Jetzt, um 15.24 Uhr, reißt er den Schal in die Höhe, singt die Hertha-Hymne – und verfällt die nächste Stunde in sprachloses Bangen. Erst in der 62. Minute wird er erlöst: durch ein Tor von Rukavytsya. Die Mannschaft kann die Führung halten, Hertha gelingt der erste Ligasieg seit mehr als vier Monaten, drei wichtige Punkte im Abstiegskampf.

Natürlich wird auch dieser Sieg rein gar nichts daran ändern, dass die Stadt mit dieser Mannschaft fremdelt. Das weiß auch Manfred Sangel. „Berlin ist eine Stadt der Zugereisten, da fällt die Identifikation mit dem Verein viel schwerer als zum Beispiel in Köln oder Hamburg“, sagt er. Zumindest auf eines ist er stolz: „Hertha hat es geschafft, dass das Ost-West-Thema unter den Fans keine Rolle mehr spielt.” Die Herkunft der Anhänger sei bedeutungslos, die Begeisterung für den Fußball habe die Mauer in den Köpfen überwunden. „Du bist Herthaner – und gut ist”, sagt Manfred Sangel.

Ganz zum Schluss fällt ihm dann doch noch ein, was die Liebe zerstören könnte – sehr zögerlich und immer wieder betonend, wie unwahrscheinlich, wie wahnsinnig dieser Fall wäre: „Wenn sich Hertha aus finanziellen Gründen umbenennen und den Namen eines Sponsors annehmen würde, dann wäre es nicht mehr mein Verein. Dann würde ich mich abwenden.” So lange Hertha also Hertha heißt, wird diese Romanze weitergehen.

Zur Person

Manfred Sangel, gebürtiger Wilmersdorfer, ist 52 Jahre alt, lebt in Neukölln und ist seit 1982 Mitglied bei Hertha. Deutlich über 500 Spiele im Olympiastadion hat er gesehen, so ziemlich jede Liga-Partie, dazu die DFB-Pokal-Kämpfe und die Auftritte gegen europäische Mannschaften. Er ist Abteilungsleiter in einer Zeitarbeitsfirma und betreibt seit 23 Jahren ehrenamtlich das „Hertha-Echo”, eine Radiosendung von Fans für Fans, die alle zwei Wochen immer donnerstags ab 18 Uhr ausgestrahlt wird – im Programm von „Alex“, dem Offenen Kanal Berlin.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in Berlin. Und alle haben eine Geschichte. Bei Morgenpost Online erzählen sie sie selbst. Wir porträtieren die Metropole und ihre ganz normalen Bewohner, aus der Nähe, persönlich. Berlin hat viele Gesichter. Morgenpost Online zeigt sie und die Überzeugungen, Träume, Hoffnungen, Probleme, Glücksmomente, die das Leben in der Stadt ausmachen. Jede Woche stellen wir eine Person vor.

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