„Frau Freitag, Frau Freitag, ist das so richtig?“, fragt Ibo während ich am Nachbartisch versuche, Ranja dazu zu bewegen, einen geraden Strich zu ziehen. Die Schüler arbeiten sich nun schon seit Wochen an einer einfachen Zentralperspektive ab.
„Frau Freitag, Frau Freitag, so?“ Ibo lässt nicht locker. Er will unbedingt ein Feedback von mir. Darauf kann er lange warten! Ich erprobe an Ibo gerade ein neues Erziehungskonzept: Totales Ignorieren.
Ibo ist erst seit ein paar Wochen in dieser Klasse. Er wurde wegen permanentem Fehlverhalten (aus seiner alten in die Parallelklasse) umgesetzt. Nun sollte man meinen, dass diese Ordnungsmaßnahme zu einer Verhaltensänderung beigetragen hätte. Weit gefehlt. Ibo benimmt sich auch in seiner neuen Umgebung wie die Axt im Walde, dabei handelte es sich doch bei der Umsetzung um die berühmte ‚letzte Chance’. Wenn er sich weiter danebenbenimmt, dann kann es durchaus dazu kommen, dass er von der Schule fliegt.
Ibos neue Klasse unterrichte ich schon seit anderthalb Jahren in Kunst. Eigentlich läuft es ganz gut. Ein Minimum an Verhaltensregeln während meines Unterrichts kann ich mittlerweile durchsetzen. Zu Beginn jeder Stunde verlange ich von den Schülern, dass sie ihre Jacken ausziehen und die Mützen absetzen. Das machen eigentlich alle. Nur Ibo nicht. Ibo hat immer seine dicke Winterjacke an und hält sich grundsätzlich zu Beginn jeder Stunde an einer Trinkflasche fest. Kunst ist leider nicht sein Ding. Aber die langen Lineale, die ich verteile, die findet er gut, denn die eignen sich zum Schwertkampf. Sobald ich die Lineale verteilt habe, dreht sich Ibo nach hinten und schlägt Dennis damit solange auf den Kopf, bis der beginnt, sich mit seinem Lineal zu verteidigen. Dann meckere ich beide an, woraufhin Dennis mit dem unsachgemäßen Gebrauch des Lineals aufhört und Ibo sich etwas Neues ausdenken muss, womit er den Unterricht stören kann.
Mittlerweile arbeiten alle anderen Schüler, und ich sitze an meinem Pult und beobachte Ibo. Er fängt an zu kippeln und lehnt sich dabei so weit nach hinten, dass er mit seinem Hinterkopf auf dem Blatt von Dennis hängt, der deshalb nicht weiterarbeiten kann und hilfesuchend zu mir guckt.
„Ibooo, hör auf zu kippeln!“ sagte ich streng. In Zeitlupe richtet Ibo seinen Stuhl wieder nach vorne aus und legt sich mit dem Oberkörper auf den Tisch.
Ich beobachte ihn und warte. Die Hälfte der Stunde ist bereits vorbei und Ibos Blatt noch unberührt. Schläft der jetzt ein?
Plötzlich schreckt er hoch und guckt mich an: „Frau Freitag, kann ich Musik hören?“ Das Musikhören im Kunstunterricht habe ich nur in meinen ersten Berufsjahren als unerfahrene Junglehrerin erlaubt und es jedes Mal bitter bereut. Heute weiß eigentlich jeder Schüler, der bei mir im Kunstunterricht sitzt, dass ich das Musikhören nicht erlaube. Und nun fragt Ibo, ob er Musik hören darf. Denkt der, ich sage jetzt: „Klar Ibo, nimm’ dein Handy raus und mach Musik an. Und hast du nicht auch Hunger? Wie wäre es, wenn du dabei frühstücken würdest, und setz doch noch deine Mütze auf.“
„Was denn jetzt Frau Freitag, darf ich? Kann ich Musik hören?“
„Nein Ibo, darfst du nicht“, zische ich leise. „Aber weißt du was? Ich werde jetzt alles aufschreiben, was du hier während des Unterrichts machst und das kommt dann in deine Schülerakte.“
Ich nehme mir ein liniertes Blatt und einen Stift und fange an zu schreiben. Und was macht Ibo? Er kramt in seiner Tasche und findet sogar einen Bleistift. Nach ein paar Strichen hält er mir das Blatt entgegen: „Frau Freitag, Frau Freitag, ist das so richtig?“




