So, heute geht es wieder los. Der erste Unterricht im neuen Jahr. Meine Klasse ist angenehm entspannt, trotz des frühen Unterrichts. Nur Günther fehlt. Also alles wie gehabt.

Volkan sitzt direkt vor mir und guckt mich mit winzigen Augen an: „Frau Freitag, ich habe überhaupt nicht geschlafen heute Nacht.“ „Warum nicht?“ „Ich war in den Ferien immer bis morgens um sieben wach und jetzt konnte ich mich nicht mehr umstellen.“ „Weshalb warst du so lange wach?“, frage ich ihn. „Ich habe immer mit Orkan geskypt. Kennen Sie das?“

Wieder so ein Indiz jugendlicher Arroganz. Nur, weil ich ein paar Jahre älter bin als er, denkt Volkan, dass mir das Skypen nicht bekannt ist. Ich lebe doch nicht im Mittelalter. Ich hatte schon einen Computer, da war Volkan noch nicht mal geplant. „Ja, skypen – kenn' ich. Aber warum skypst du nachts? Was hast du denn tagsüber gemacht?“, frage ich. „Nichts. Geschlafe“, antwortet er und lehnt seinen Kopf gegen das Fenster. Jetzt muss ich dranbleiben, langsam schließen sich seine Augen. „Warum hast du dich denn nicht mit Orkan am Nachmittag getroffen, dann hättet ihr doch quatschen können und abends hättest du dann schön geschlafen.“

Volkan sieht mich an, als hätte ich ihn gefragt, warum er in den Ferien nicht nackt nach Hamburg gelaufen sei. Sprechen kann er nicht mehr. Er schüttelt nur noch müde den Kopf und macht so einen schülertypischen Schnalzlaut mit der Zunge, der soviel wie ‚nein' bedeutet. Über ein ‚is doch' hätte ich mich auch nicht gewundert, das höre ich ebenfalls in jeder passenden und unpassenden Situation von den Schülern. Plötzlich werden Volkans Augen immer kleiner, er gähnt ausgiebig, um mir zu demonstrieren, wie müde er ist, und legt seinen Arm samt Kopf auf dem Tisch ab. Mit letzter Kraft haucht er mir zu: „Ich werde bestimmt heute Nacht wieder nicht schlafen können. Ich habe mich jetzt so dran gewöhnt.“ „Volkan, ich glaube, du wirst heute gut schlafen, denn wenn du jetzt den ganzen Tag wach bist, dann bist du heute Abend todmüde und pennst ganz von selbst ein.“

Drei Stunden später im Englischunterricht liegt er allerdings mit dem Oberkörper auf dem Tisch und verfällt in einen Tiefschlaf. Ich gebe ihm ein paar Minuten und ruckle ihn dann wach, damit er sein Arbeitsblatt ausfüllt. Tiefschlaf in meinem Unterricht! Tzzzzz! So langweilig ist der nun auch nicht. Und überhaupt – in der Schule schlafen… Was denken sich die Schüler überhaupt? Haben wir das früher gemacht? Oh, wenn ich jetzt nachdenke, fällt mir wieder ein, dass ich in der Oberstufe jeden Donnerstag in der Disco war und dann direkt zur Schule gefahren bin. Und dann kam Freitag in Mathe immer der berühmte Sekundenschlaf. Man döst in tiefe Träume hinüber, bis man von Herrn Schneider, unserem Mathelehrer, direkt angesprochen wird. Ein Schock, zuerst wusste ich nie, wo ich war. Natürlich konnte ich seine Fragen auch nicht beantworten, abgesehen davon, dass ich von Mathe noch nie den geringsten Schimmer hatte, wusste ich natürlich auch nicht, was im Unterricht gerade behandelt wurde. Okay, das hat Herrn Schneider damals bestimmt auch geärgert, aber wenigstens war ich mit meinen Freundinnen unterwegs, habe etwas erlebt und mich beim Tanzen sportlich ertüchtigt und nicht sinnlos vor dem Computer gehangen. Nachts skypen... tzzzz... als wäre das notwendig. Wenn man sich so viel zu erzählen hat, kann man sich doch auch treffen. Orkan wohnt doch direkt um die Ecke von Volkan.

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