Thorsten Petzold beugt sich über das Papier, nimmt jede Zeile ins ­Visier: Alle Buchstaben sind deutlich ausgeschrieben, die Worte schnurgerade aneinandergereiht, nirgends ein Tintenklecks. Der 54-Jährige nickt zufrieden. Die Mitarbeiterin hat gute Arbeit abgeliefert: einen ganzen Korb voll handgeschriebener Briefe. Seine eigene Handschrift falle eher in die „Kategorie Arzt“, ausdrucksstark, aber unleserlich. „Ich habe eine Sauklaue“, gibt er unumwunden zu.

Deswegen hatte Petzold einst nach einem Schönschreiber gesucht, als er seiner Herzensdame einen Brief schreiben wollte – vergebens. Eine Marktlücke, erkannte der damals im Vertriebsbereich tätige Historiker und gründete eine Manufaktur für Handgeschriebenes, seinerzeit die erste in ganz Deutschland.

Neun Jahre ist das jetzt her. Das Geschäft in der Kreuzberger „Schreibstatt“ brummt. Rund 80 Schönschreiber sind derzeit für Petzold tätig, in der Mehrheit Frauen. „Aber es sind auch Männer dabei. Schönschrift ist keine rein weibliche Domäne“, betont er.

Thorsten Petzold schreibt selbst eher unleserlich und gründete vor neun Jahren die „Schreibstatt“.
Thorsten Petzold schreibt selbst eher unleserlich und gründete vor neun Jahren die „Schreibstatt“.© Schreibstatt

Lateinisch, kyrillisch, chinesisch: Alles geht

Handgeschriebenes kann in ­diversen Sprachen in der „Schreibstatt“ in Auftrag gegeben werden – nicht nur in lateinischer, sondern auch in kyrillischer Schrift und sogar in ­chine­sischen Schriftzeichen. Und weil sich selbst die lateinischen Buchstaben je nach Land im Schriftbild manchmal ein wenig unterscheiden, beschäftigt Petzold auch verschiedene Muttersprachler als Schönschreiber.

Was eine schöne Schrift eigentlich ausmacht? Petzold denkt kurz nach. „Das ist im Grunde Geschmacks­sache“, antwortet er dann. Deswegen können Kunden bei ihm zwischen Dutzenden Schriftmustern wählen – von schlicht bis verschnörkelt. Für Einladungen zum Geburtstag, für Tischkärtchen und Menükarten zur Hochzeit sei eher Geschwungenes gefragt, das wirke festlicher. Firmen dagegen würden vornehmlich nach schönen Alltagsschriften suchen, gut lesbar, nicht aufgesetzt.

Um sich abzuheben von der Masse, würden Unternehmen – vom Optiker bis zum Modelabel – gern auf handschriftliche Korrespondenz zurückgreifen. Oft ist Petzolds Dienstleistung für Paketbeileger gefragt. Das sind kurze, persönliche Anschreiben nach dem Motto „Liebe Nadine, schön, dass du bei uns bestellt hast“. Handschriftliches drücke höhere Wertschätzung aus als ein maschinell gefertigtes Anschreiben. Da habe ein Mensch für einen Menschen geschrieben – auch wenn es bis zu 100.000 Mal derselbe Text sei. „Jeder Brief, der unsere Manu­faktur verlässt, ist ein Original“, sagt Petzold. Firmen wüssten, dass sie damit punkten könnten, zitiert er aus einer Untersuchung aus den USA: „Von Hand adressierte Kuverts haben eine Öffnungsquote von 99,2 Prozent.“ Damit sei bei Werbepost schon die größte Hürde genommen.

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Auch gewerbliche Kunden setzen auf handschriftliche Post

Gewerbliche Kunden machen rund 50 Prozent von Petzolds Kundschaft aus, die anderen 50 Prozent sind Privat­leute. „Bei mehr als der Hälfte der privaten Korrespondenz geht es um das Thema Liebe“, sagt der 54-Jährige. Da seien nicht nur klassische Liebesbriefe in Schönschrift zu übersetzen. „Häufig sind das auch Entschuldigungsbriefe“, erklärt Petzold, „Briefe, in denen jemand im Nachhinein noch einmal erklären möchte, warum er sich so und so verhalten hat.“

Vielfach seien zudem Jahrestage ein Anlass, einen Schönschrift-Brief in Auftrag zu geben. „Wir sind jetzt fünf Jahre zusammen, ich möchte keinen Tag davon missen“, bringt Petzold ein Beispiel. „Das sind Anlässe, die von starker emotionaler Bindung zeugen und zu denen Leute in einem Brief ausdrücken wollen, was sie persönlich vielleicht nicht sagen können.“

Oberstes Gebot für Petzolds Schönschreiber: An den vom Kunden gelieferten Briefvorlagen darf nichts verändert werden, inhaltlich sowieso nicht, aber auch stilistisch nicht. Nur ein Rechtschreibfehler oder ein falsch gesetztes Komma wird korrigiert. Soll die „Schreibstatt“ einen Brief in Schönschrift übersetzen, in dem jemand mit dem Empfänger auf üble Weise abrechnen will, lehnt Petzold den Auftrag ab. „Handgeschriebenes ist dazu da, das Schöne auszudrücken“, sagt er. Für Schmähbriefe fließe kein Tropfen Tinte aufs Papier. „Das steht so auch in unseren Geschäftsbedingungen.“

Schreibstatt Baerwaldstr. 51, Kreuzberg, Hotline: 89 20 47 66 (Mo.–Fr. 10–17 Uhr), Der Webshop unter www.schoene-briefe.de richtet sich vornehmlich an Privatleute. Infos zur Manufaktur für Handgeschriebenes unter www.schreibstatt.de.

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