Versteckt, gleichsam abgetaucht, überraschend: Für Neulinge ist der „Flitzer Kite- & Surfshop Berlin“ im Hinterhof an der Brückenstraße 1 nur schwer zu entdecken. Geschäftsführer Andreas Nolte sieht es gelassen. „Die Leute, die uns suchen, wissen, was sie wollen und wie sie uns finden“, sagt der 42-Jährige.

Das unverputzte Gebäude nahe der Jannowitzbrücke erinnert an eine Werkstatt. Tatsächlich nimmt eine solche die größere Ladenfläche ein. Der kleinere Vorderbereich beherbergt ein ausgesuchtes und dennoch komplettes Sortiment für die wachsende Anhängerschaft eines Wassersports, der sich zunehmend zur hippen Trendsportart entwickelt. Fast überall an den windigen Küstenabschnitten sind sie anzutreffen, die exotisch bunten Drachen, die mittels dünner Leine mit Surfern auf den Meereswellen verbunden sind.

Kite-Surfen ist Lenkdrachensegeln. Expertenschätzungen zufolge betreiben aktuell mehr als eine halbe Million Menschen in Deutschland regelmäßig diesen Extremsport. Die Berliner machen da keine Ausnahme. Im „Flitzer“ fühlen sie sich gut aufgehoben.

Dort gibt es die Grundausrüstung und Zubehör – auch fürs klassische Wellenreiten und das ebenfalls angesagte Stand-up-Paddeln. Aufrecht auf langen Brettern stehend, ist dieser Sport für ruhige, kleinere Gewässer, also auch die Spree sowie Berlins und Brandenburgs Kanäle geeignet.

„Flitzer“ bietet Verleih und Reparaturen

„Flitzer“-Kunden schätzen kompetente Beratung und Service des dreiköpfigen Teams. Dazu gehören Verleih und Reparaturarbeiten. Anfällig sind vor allem die Kite-Schirme aus dünnem, empfindlichem Material. Diese werden auf einem hohen, 25 Quadratmeter großen Holztisch professionell ausgebessert. Drei Industrienähmaschinen sind dauerhaft im Einsatz, in Pausen entstehen die beliebten Taschen aus Lkw-Planen, Kite-Stoff und Segeltuch (120 Euro).

Die mehrteilige Ausrüstung ist teuer. Schon für das Board, die Bar mit den Steuerungs- und Sicherheitsleinen, das Trapez zum Umhängen des Kites und den Kite selbst muss man mindestens 2500 Euro zahlen. Hinzu kommen Neoprenanzüge und -schuhe mit Schutzsohle, Prallschutzweste, Helm und Sonnenbrille.

„Es gibt viele Menschen, die eine Menge Geld für ihr Hobby ausgeben“, sagt Nolte. Die seien meist auf der Suche nach dem besonderen Adrenalinkick, weg von der virtuellem Computer-Welt, zurück zur Natur. „Es ist die Freiheit, die man auf dem Wasser erfährt“, sagt Nolte. Bei keiner anderen Wassersportart gibt es so viele Tricks, so hohe, atemberaubende Sprünge und den kurzen, heftigen Rausch der Schwerelosigkeit.

Seine Kunden sind Männer und Frauen aller Altersgruppen. Schon Kinder ab sieben Jahren und 40 Kilogramm Körpergewicht können sich für Kurse in den Kite-Schulen anmelden. Andreas Nolte und seine beiden Mitarbeiter vermitteln Kite-Kurse bei ihrer Partneragentur, die in Dierhagen an der Ostsee ihr Übungsareal betreibt.

Hohe Anforderungen an Konzentration und Körperbeherrschung

Der gelernte Tischler, jahrelang als Zimmermann und im Veranstaltungsbau tätig, ist selbst seit 2004 passionierter Kite-Surfer und glücklich, sein Hobby seit 2005, als er in Treptow mit einer Werkstatt startete, zum Beruf gemacht zu haben. 2008 zog Nolte nach Mitte, 2010 kamen Verkaufsbereich und ein gut funktionierender Onlineshop hinzu.

„Der Kiez ist zentral, mit guter Verkehrsanbindung“, sagt Nolte, der in letzter Zeit zunehmend Leute von auswärts, auch Touristen, in seinem Laden hat. Hin und wieder auch den einen oder anderen Promi, meist Schauspieler. Wer? Diskretion ist Ehrensache bei Nolte. Kompetente sicherheitstechnische Tipps erst recht.

Denn hoch technisch sei sie, diese Sportart. Dafür seien, so Nolte, die Anforderungen an Konzentration und Körperbeherrschung extrem hoch, um den Drachen in der Luft mittels Leinensystem und das Brett durch Gewichtsverlagerung zu steuern. Für Ungeschulte eine riskante Angelegenheit. „Es gibt heutzutage gute Sicherheitssysteme“, sagt Nolte, „aber man muss die beherrschen.“

Ein Grundkurs dauert eine Woche und beginnt im flachen Wasser mit Drachen-Lenkübungen. Hat man den kleinen Übungs-Kite im Griff, kann man auf das mit Fußschlaufen versehene Board steigen, in tieferes Wasser gehen und beide Bewegungen koordinieren lernen.

Drachen für jede Windstärke stehen bereit

Lenkdrachen sind unterschiedlich in Bauart und Größe, je nach Windstärke. Die Palette reicht von sechs bis 19 Quadratmetern. Bei stärkeren Winden kommen wegen der enormen Auftriebskraft kleinere Schirme zum Einsatz, bei schwachem Wind große. Deshalb legen sich Profis immer mehrere Kites zu.

Zudem sei sorgfältige Auswahl des Gewässers existenziell wichtig. Nur ausgewiesene Areale kommen infrage: große Gewässer mit optimalen Start- und Landeflächen, frei von Hindernissen. Start- und Landemanöver sollten zu zweit ausgeführt werden. Zudem warnt Nolte vor lebensgefährlichem, ablandigem Wind, der den Piloten aufs offene Meer treiben könnte. „Kite-Surfen ist kein Sport, den man mal so nebenbei betreiben kann“, mahnt Nolte. Ein Sport, der mitreißt, zu immer höheren Leistungen und Herausforderungen inspiriert.

Wie jeder Extremsport provoziert Kite-Surfen, zum Austesten und Durchschreiten der eigenen Grenzen, vor allem bei Sprung-Manövern. Im Gegensatz zum extrem gefährlichen Jumping in den Bergen besteht die Faszination der Wassersport-Variante darin, das Schöne, Aufregende, Atemberaubende vereinbaren zu können mit der Gewissheit, sich nicht einem lebensbedrohlichen Risiko aussetzen zu müssen. „Aber wenn man weiß, wie man agieren muss, wenn man es ordentlich gelernt hat, ist Kite-Surfen ein schöner, weitgehend ungefährlicher Sport.“

Flitzer Kite- & Surfshop Brückenstraße 1, Mitte, Mo., 9–18 Uhr, Di.–Fr., 12–19 Uhr, Sbd., 12–16 Uhr, Tel. 55 14 10 76