An seine erste kann er sich noch genau erinnern. „Eine Vespa 50 Special, Baujahr 1980, in mattschwarz, natürlich mit Vierganghandschaltung, Fußbremse, Kickstarter und rechteckigem Scheinwerfer“, sagt Alex Bonald. Mit dieser schicken „Wespe“ erregte er vor gut 15 Jahren in Prenzlauer Berg genauso viel Aufsehen, wie es ein junger Mann aus dem Schwabenland brauchte, um sich in der Hauptstadt angekommen zu fühlen.

Seither ist die Leidenschaft für die italienischen Motorroller aus Pontedera in der Toskana bei dem gelernten Karosserieschlosser nicht mehr erloschen. Vor neun Jahren machte er sich dann mit seiner Firma „Heilig’s Blechle“ selbstständig. „Ein guter Name“, freut er sich, „wenn man den einmal gehört hat, vergisst man ihn nicht mehr.“ Selbst in Prenzlauer Berg, wo er lange sein Ladengeschäft betrieb, waren ihm die Nachbarn wohlgesinnt. Als die Miete zu hoch wurde, zog der 41-Jährige auf das alte Industriegelände in Weißensee. Mit zwei Mitarbeitern bietet er einen Rundumservice für die Kultroller der Firma Piaggio.

Wie für ein Fotoshooting aufgereiht stehen mehr als ein Dutzend der sogenannten Vintage-Vespas vor einer verwitterten Backsteinwand. „Die werden gerade alle aus dem Winterschlaf erweckt“, sagt der Chef. Viele Vespa-Besitzer stellen ihren Roller bei Bonald in der kalten Jahreszeit unter. „Wenn es wieder warm wird, rufen sie alle gleichzeitig an und wollen mit ihrem Schätzchen durch die Frühlingslüfte brausen.“ Dann haben die drei Männer ordentlich zu tun. Wenn die untergestellten Wespen ausgeflogen sind, geht es mit dem normalen Geschäft weiter. „Wir beraten bei Restaurierungen und lassen von Spezialisten alles Nötige wie Blecharbeiten, Überholen des Motors, der Elektrik und auch Lackierungen durchführen“, erklärt Bonald.

Die Sehnsucht nach Dolce Vita

Für Schrauber gibt es außerdem eine große Auswahl an Ersatzteilen – von Reifen über Lager, Zylinder bis zur berühmten „gezogenen Kurzschwinge“, die das Vorderrad federt und hält. „Viele unserer Kunden reparieren selbst“, sagt Bonald. Auch wer sein altes Stück durch den Tüv bringen will, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

Sehr aufwendig ist der Komplettaufbau sogenannter Ruinen. Das sind Roller, die teilweise jahrelang in Kellern oder Garagen verrottet sind. Bonald kauft sie an und „dann stellen wir oft quasi einen neuen Roller her“.

So wie bei einer orangefarbenen PX 80, Baujahr 1984. „Motor fest, Dichtungsringe zerbröselt, Karosserie verrostet, Lenksäule kaputt“, stellt Bonald lakonisch fest. Ach ja, auch die Elektrik sei im Eimer. Zwei bis drei Monate wird er brauchen, bevor er sie zum Verkauf anbieten kann. Dann kostet die Rarität ab 2500 Euro. Dafür bekäme man auch eine gute gebrauchte, die nicht mal halb so viele Jahre auf der Sitzbank hat. Aber die neueren Roller sind nichts für die echten Fans. „Automatik, Elektrostarter und zwei Handbremsen, das geht gar nicht“, sagt Bonald.

Nach der Jahrtausendwende hat er das Comeback der Italo-Roller miterlebt, dazu den Boom zahlreicher Werkstätten und Verkaufsstätten. Doch der Boom sei verebbt. Kein Wunder, die historischen Zweiräder sind durchaus pflegebedürftig. Auf rund tausend schätzt er die Zahl der historischen Vespas mit Handschaltung in der Stadt.

Ihren Besitzern gelten sie als Kultgefährt, verbrennungsmotorgetriebene Sehnsucht nach Dolce Vita, nach sommerlichem Fahrvergnügen, am besten mit einer flotten Beifahrerin. So eine wie die junge Sofia Loren. Sie und andere italienische Filmdiven posierten in den 50er- und 60er-Jahren mit den Vespas und sorgten dafür, dass die Gefährte für ihre Fans ein erotisch-sinnliches Image erhielten.

Dass sich die wendigen Roller nicht nur in Europa großer Beliebtheit erfreuten, beweisen Lizenzausführungen wie die indische Bajaj, die Bonald auch restauriert. Noch heute summen sie millionenfach durch die Straßen des Subkontinents. Die bullige, ozeanblaue Vjatka aus Russland hingegen ist eine Raubkopie, ohne Lizenz in leicht modifizierter Form in den 70er- und 80er-Jahren gebaut. Im Showroom leuchtet eine lila-metallicfarbene P 200, Baujahr 1981, in der Mod-Version mit üppiger Chromzierleistenausstattung. Die Mods, schick gekleidete englische Halbstarke, gaben in den 80er-Jahren dem Rollerwahn neue Impulse.

Schlank und schnittig sehen die 50-Kubikzentimeter-Modelle aus. Kräftig und mit ausladenden Kurven dagegen die 200er. Die Roller mit mal 2,5 bis 7 PS punkten nicht gerade mit viel Leistung, und auch die Höchstgeschwindigkeiten zwischen 40 und 90 Stundenkilometern entsprechen nicht dem aktuellen Höher-schneller-weiter-Zeitgeist. Aber darum gehe es nicht, sondern, so Bonald, „um Eleganz und Stil“.

Heilig’s Blechle An der Industriebahn 12–16, Weißensee, Tel. 030 - 85 40 06 04, Mo.–Fr. 11–13 und 14–18 Uhr,

www.heiligs-blechle.com