Zwölf Stunden

Das Schloss ist der Star von Charlottenburg

Der Barockgarten in Charlottenburg ist Gartendenkmal und Landschaftspark zugleich. Dort sind Spaziergänger, Touristen und Freizeitsportler unterwegs. Gelegentlich auch ein Biber.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

07:30 Ähnlich den Hauptverkehrsstraßen unterliegt auch der Uferweg entlang der Spree im Schlosspark Charlottenburg den Gesetzen des Berufsverkehrs. Zwischen Jungfernheide- und Schlossbrücke sind Radfahrer in Richtung Tiergarten und nach Spandau auf dem Weg zur Arbeit. Rücksichtsnahme und angepasstes Tempo ist für viele ein Fremdwort. Jogger und Hundebesitzer müssen aufpassen, dass sie nicht umgefahren werden.

08:15 Irgendwo im Park knattert lautstark eine Kettensäge los. Ein Fischreiher wird aufgeschreckt, fliegt hoch, dreht elegant drei Runden und landet direkt am Bachufer im Landschaftspark. Bäche, Teich- und Luisengraben durchqueren Park und Garten, bilden Inseln und lassen das Wasser der Spree in den Karpfenteich fließen. Angrenzend an das barocke Gartendenkmal bieten die Wiesen und Gewässer Heimat für Biber, Bisamratten, Füchse, Fischreiher, Eichhörnchen, Schwäne und zahlreiche Entenarten.

09:00 „Mein morgendliches Sportprogramm“, sagt Fotografin Anna Brauns, und steigt von ihrem Rad. „Einmal die große Hunderunde mit Sally.“ Die Labrador-Hündin hat sichtlich Spaß daran, Frauchen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie will von der Leine, trabt dann aber gehorsam an der Seite des Fahrrades nebenher. Hin und wieder drehe man auch seine Runden am Lietzensee, der Schlosspark biete aber deutlich mehr Platz und Abwechslung, so die Hundebesitzerin.

09:25 Klingeln, Tröten, Pfeifen - was sich kurzzeitig wie ein Karnevalsumzug anhört, entpuppt sich als dänische Reisegruppe. Mindestens 25 Radfahrer mit vollen Satteltaschen, Landkarten, Rucksäcken, Trinkflaschen und in grellen Radlerhosen radeln durch den Schlosspark. Im Konvoi führt der Weg über das gepflegte Barockparterre und hinterlässt Spuren im hellen Kies. Ob ihre Reiseroute durch die Parkanlage führen sollte, oder ob mangelhafte Navigationskenntnisse in den königlichen Garten führten, ist ungewiss. Der Spreeradweg jedenfalls bietet eine Verbindung zum Radweg Berlin - Kopenhagen.

10:00 Frühstückspause im Schlosspark. Leitern sind an Bäume gelehnt, Jacken hängen über Schubkarren, aus der offenen Autotür eines Transporters dudelt leise Musik. Die Landschaftsgärtner der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg machen Frühstückspause.

10:30 Vor einem Café im Park neben der Großen Orangerie bereiten Mitarbeiter alles für die Öffnung vor. Zwei Reinigungskräfte wischen Tische und Stühle ab. Wenn die ersten Museumsbesucher aus dem Schloss kommen, muss alles fertig sein.

10:45 Tagesmütter schieben Kinderwagen durch den Park, oder ziehen ihre Schützlinge im Bollerwagen zu den Spielplätzen im Park. Dort tobt auf den Rutschen und Schaukeln bereits das pralle Kinderleben.

11:15 „Es kommen oft Leute, gerade ältere, und fragen, ob sie sich Zweige und Blätter mitnehmen dürfen“, sagt Landschaftsgärtner Michael Sarna. „Viele nehmen den Gewürzlorbeer, verwenden ihn frisch oder trocknen ihn.“ Er und sein Kollege Lucas Barschofsky stehen auf zwei Leitern und bringen den meterhohen Baum in Form. „Den Formschnitt machen wir mindestens zweimal im Jahr“, sagt Barschofsky. Auf dem Boden unter dem Baum häufen sich die abgeschnittenen Lorbeerblätter. Sarna nimmt ein paar Blätter in die Hand und zerdrückt sie leicht. Sofort entfaltet sich der typische Lorbeergeruch.

12:00 Die Schlossparkklinik grenzt westlich an den Schlosspark. Ein Weg führt vom Klinikgelände in den Park. Wer sein Krankenbett verlassen darf, geht im Park spazieren. „Ich kann nicht den ganzen Tag im Zimmer sitzen und aus dem Fenster gucken“, sagt Bernd Müller. Mehr als dreimal täglich bringt er mit Spaziergängen seinen Kreislauf in Gang. „Abends laufe ich dann mit meiner Frau durch den Park.“

13:10 Stativ aufbauen, Kamera ausrichten, durch den Sucher blicken und den Selbstauslöser betätigen. Dann schnell in die richtige Position hocken: Frisch verheiratet, wollen Andrei und Vera aus Russland auf der so genannten Liebesbrücke ein Foto machen. Seit einiger Zeit befestigen verliebte Paare dort gravierte Vorhängeschlösser am schmiedeeisernen Geländer. Die Touristen aus Russland, 28 und 24 Jahre alt, posieren kurz vor dem Schloss. Dann drängt der Zeitplan. „Drei Tage für Berlin sind zu wenig“, sagt Vera.

13:30 Mittagszeit ist auch Picknickzeit. An einem Sommertag sitzen die Menschen lieber im Grünen, als in einer Firmenkantine. „Ich arbeite am Tegeler Weg und bin in fünf Minuten im Park“, sagt Verena Suckow. „Die Zeit, die man in Berlin im Freien genießen kann, ist viel zu kurz.“ Sie sitzt auf den Stufen am Karpfenteich und blickt über das Wasser. Von ihrem Weißbrot zum Salat bekommen gelegentlich auch die Enten um sie herum etwas ab.

16:30In einem versteckten Teil des Gartens sieht Hobby- und Freizeitimker Thilo von Werder nach seinen Bienenstöcken. Die Insekten produzieren aus Ahorn, Linden, Kastanien und den Blumen des Parks den Schlosshonig. Der 75-Jährige hält auch Bienenseminare, etwa zur Geschichte der Imkerei zu den Zeiten der Könige in den Schlössern. Bienenwachs für die Herstellung von Kerzen sei früher viel wichtiger gewesen als der Honig, sagt er.

17:15 Marlene lernt mit ihrem Freund Juan Vokabeln. Der junge Mann aus Kolumbien studiert Medien und Kommunikation in Berlin. „Bevor es an der Uni weitergeht, nutze ich die Zeit zum Lernen“, sagt er

19:25 Marina und Günter Clüver laufen regelmäßig im Schlosspark. „Wir bereiten uns auf den Berlin-Marathon vor und laufen viermal in der Woche“, sagen sie.

20:30 In den Bächen und Gräben zwischen Karpfenteich, Spree und dem Belvedere ziehen Biber ihre Bahnen. Die wenig scheuen Tieren wurden vor vier Jahren erstmals in den Gewässern im Schlosspark gesehen und haben sich bereits an die Parkbesucher gewöhnt. Seit einem Jahr gibt es Nachwuchs. Mit ein wenig Geduld und Glück kann man die drei Jungtiere von der Brücke am Karpfenteich aus sehen.