Berliner Perlen

Im Laden der vielen Verkäufer gibt es Kurioses und Selbstgemachtes

Im Charlottenburger Geschäft „Miete ein Fach“ können Kreative ihre Produkte verkaufen. Kunden können dort nach Herzenslust stöbern oder sich einfach nur zu Kaffee und Kuchen treffen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Mit Wolle und Nadeln hat alles begonnen. Seit wann Daniela Labahn gestrickt hat, weiß sie heute gar nicht mehr. „Immer schon“, sagt sie einfach. Zuletzt hat sie vor allem Dekoratives gestrickt: originelle Kissen für das Sofa zum Beispiel. „Couchmonster“ nennt sie die. Irgendwann wurde es aber zu Hause zu viel mit dem Gestrickten, erzählt Andreas Labahn. „Wieso die Sachen nicht einfach verkaufen?“, dachte er sich. So kam das Paar auf die Idee, einen eigenen Laden zu eröffnen – mit Regalen, in denen Kreative Selbstgemachtes verkaufen können.

Geschätzt gibt es in Deutschland schon rund 100 Geschäfte, in denen Menschen ein Fach als Verkaufsregal mieten können: Für Neues oder Altes, Selbstgemachtes oder Trödel. Allein in Berlin gibt es etwa zehn solcher Läden, die meisten in Prenzlauer Berg.

Seit zwei Jahren ist eine Fachvermietung nun auch in Charlottenburg zu Hause: „Miete ein Fach“. Das erste Geschäft eröffneten Daniela und Andreas Labahn an der Knobelsdorffstraße, vor ein paar Monaten zogen sie in die Kantstraße am Amtsgerichtsplatz. Der Laden ist größer, heller und hat eine Küche. Die ist wichtig, denn längst hat Daniela Labahn eine neue Leidenschaft: backen und einkochen. Sie verkauft Plätzchen (zwei Euro pro Beutel) und selbstgemachte Marmeladen (2,50 Euro pro Glas). Am besten laufen Himbeer-Schokolade oder Erdbeer-Schokolade. Außerdem ist der Laden zugleich auch ein Café, für das Daniela Labahn täglich frischen Kuchen backt.

100 Regalfächer gibt es in dem ganz in grün und weiß gehaltenen Verkaufsraum, 80 davon sind besetzt – mit Altem, Neuem und Selbstgemachtem, so das Konzept des Ladens. Für das Neue ist Daniela Labahn zuständig. Es ist vor allem Dekoratives, was sie dort drapiert: Schalen, Kerzenhalter, Bilderrahmen, „Ich kaufe nur das ein, was mir selbst gefällt“, sagt sie. Farblich ist das zurzeit vor allem Weiß, Grün und Lavendel. Die meisten Stücke kosten um zehn Euro, sie sollen sich als Mitbringsel eignen.

Milliardenmarkt Handarbeit

In den Fächern, die fremdvermietet werden, bestimmen die Mieter selbst den Preis der angebotenen Waren. Im hinteren Bereich wird „Altes“ verkauft, von Omas Silberbesteck, über Pumps bis zu hölzernen Gurken und Würsten für den Kaufmannsladen. In der Kategorie „Selbstgemachtes“ ist die Kreativszene aktiv. Hier werden Schmuck, Filztaschen, Häkel-Teddys, bunte Hundeleinen und auch Essig, Öl, Pralinen und Marmeladen verkauft.

Wer etwas verkaufen möchte, mietet für fünf bis sieben Euro im Monat ein Regal mit einer Breite von 34,5 Zentimeter und füllt es mit den Artikeln, die er verkaufen möchte. Der Mietpreis richtet sich nach der Lage des Faches. Augenhöhe ist teurer als Bodennähe. Mindestmietdauer sind zwei Wochen. Den Preis für die angebotenen Artikel bestimmt der Verkäufer, die Labahns bekommen zusätzlich zur Miete noch zehn Prozent vom Verkaufserlös.

Handarbeit ist in Deutschland inzwischen ein Milliardenmarkt. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen 1,35 Milliarden Euro für Hobbys wie Nähen, Häkeln und Stricken ausgegeben. Der Online-Handel mit Selbstgemachtem boomt seit Jahren. Auf DaWanda, Marktführer der Branche in Deutschland, werden bereits vier Millionen Produkte von 230.000 Herstellern angeboten. Die meisten von ihnen sind Frauen. Männer machen unter den Handarbeitern nach Schätzungen bislang nur zwei Prozent aus. Das spiegelt sich auch in der Verkäufer-Struktur von „Miete ein Fach“ wider. Einen bestimmten Kreativ-Typus gebe es aber nicht, betont Andreas Labahn. „Das kann eine Mutter sein, die in der Elternzeit Fantasietiere häkelt, oder ein Rentner, der seine Freizeit mit Holzsägearbeiten verbringt.“ Labahn zeigt auf ein Regal mit hölzernen Schriftzügen: Danke, Love, Berlin sind da zu lesen. Handarbeit für zwei bis fünf Euro pro Stück.

Schmuck aus Nespresso-Kapseln

Nur wenige der Kreativen sind Profis, die meisten basteln und werkeln nebenbei. Auch Daniela Labahn, obwohl sie dafür höchstens abends vor dem Fernseher Zeit findet. Zu den Stricknadeln greift sie dabei nur noch selten, inzwischen produziert sie neben Kuchen und Plätzchen lieber Schmuck. Aus Müll.

Auf die Idee kam sie schon in ihrem ersten Geschäft. Dort hatten sich die Labahns für ihre Kunden eine kleine Nespresso-Maschine gekauft. Als Daniela Labahn die zerknautschen Kapseln im Abfallbehälter liegen sah, befand sie: „Viel zu schön, um sie wegzuschmeißen.“ Seitdem macht die 39-Jährige aus ihnen edel schimmernde Broschen, Ketten und Armbänder zum Preis von zehn beziehungsweise zwölf Euro.

Und sie hat schon wieder neue Ideen: Sie würde gern noch mehr Essbares anbieten. „Auch mal Herzhaftes“ erklärt sie – zur Freude ihres Mannes: „Ich bin nämlich nicht so ein Süßer.“ Und mit einem erweiterten Essensangebot hofft sie auch, noch mehr Kunden anzuziehen. Und „Miete ein Fach“ zu einem Treffpunkt für Kreative werden zu lassen.

Miete ein Fach Kantstraße 84, Charlottenburg, Tel. 33 00 76 57, mieteeinfach.de, Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 12–18 Uhr, Sbd. 10–14 Uhr