Wenn Alice im Wunderland auf Shopping-Tour gegangen wäre, dann hätte sie auch bei „Popiluxe“ vorbeigeschaut. Bunt bestrumpfte Puppenbeine recken sich dort einem Fifties-Kronleuchter entgegen, ein Stofftäschchen mit einem Kussmund steht auf einem zierlichen Regal. Ein Schmuckkästchen in Form einer Abendhandtasche ist innen mit einem pinkem Mini-Flokati ausgelegt, an einer Kette baumelt ein Fliegenpilz-Anhänger aus Glas. Und überall Schuhe: Grüne Mary Janes mit weißen Einfassungen, Pumps mit opulenten Perlentroddeln und Stiefeletten in einem fröhlichen Kirschmuster.
Es wäre ein wenig enttäuschend, wenn die Schöpferin dieses bunten Parallel-Universums eine nüchterne Jeansträgerin mit praktischem Kurzhaarschnitt wäre. Erfreulicherweise aber erfüllt Mariana Ahrens sämtliche Erwartungen, die das Interieur des Ladens weckt.
Die Geschäftsfrau trägt eine knallrote Retro-Brille und passend geschminkte Lippen, sie hat lange dunkle Haare und eine kurvige Figur. Ihr Benehmen verrät darüber hinaus eine gehörige Prise Exzentrik und Willen zum Drama. „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, das ist die Südländerin in mir“, sagt sie.
Elegante Südländerinnen
Mariana Ahrens Mutter ist Bulgarin. So lange sie denken kann, haben Frauen aus dem Mittelmeerraum sie fasziniert und inspiriert. Sie erzählt, dass sie oft aus dem Fenster guckt und Frauen beobachtet. „Wirklich gut gefallen mir die jungen Türkinnen, die haben einfach einen tollen Style! Für Südländerinnen ist es Ehrensache, hohe Schuhe zu tragen,“ sagt sie und seufzt. „Wir Frauen haben doch alle dieses Mädchen in uns, das schöne Kleider liebt und sind sich gern schminkt. Es ist schade, dass es so viele Frauen gibt, die dieses Mädchen in sich einfach wegschließen.“
Vor sieben Monaten eröffnete Mariana Ahrens ihr Geschäft, das am südlichen Ende der Wilmersdorfer Straße liegt. Sie stellte zufrieden fest, dass es tatsächlich eine Menge Frauen gibt, die das Mädchen mithilfe der verspielten Taschen und Schuhe von „Popiluxe“ entfesseln wollen. „Die Kundinnen sind allerdings viel älter als ich dachte, oft über 50 Jahre. Das sind starke selbstbewusste Frauen, die ihren eigenen Stil gefunden haben und sich modisch etwas trauen.“
Die Ladenbesitzerin wuchs in der DDR auf, am Kollwitzplatz. Mitte der 80er-Jahre stellte ihre Mutter einen Ausreiseantrag, die kleine Familie landete in Schöneberg. Mariana Ahrens war damals zwölf Jahre alt. „Mir gefiel beides sehr gut: Ost-Berlin und West-Berlin“, erzählt sie. „Aber ich bin heute nicht mehr gerne in Prenzlauer Berg, ich erkenne die Gegend kaum noch wieder. Früher hingen dort überall Reklame-Schilder von Kohlehändlern, an den Häusern waren Einschusslöcher zu sehen. Das ist jetzt alles weg. Ich bin ein Mensch, der gerne Altes bewahrt und sehr nostalgisch veranlagt ist. Das sieht man ja auch hier im Geschäft.“
Und wie! Das Mobiliar im Laden besteht aus Einzelstücken, die Ahrens zusammengetragen hat. Die Liebe der heute 42-Jährigen zur Mode von einst begann, als sie Teenager war und sich im Stil von Emma Peel kleidete. „Eigentlich habe ich bereits damals von einem Accessoire-Laden geträumt“, sagt sie.
Zwischen Traum und Realisierung lagen ein Mode-Studium, Jobs als Stylistin und Assistentin einer Kostümbildnerin, einige Jahre Architekturstudium und die Geburt ihrer Kinder, die heute sechs und acht Jahre alt sind. Mariana Ahrens gründete ein Mode-Label. Die Taschen, die sie nähte wenn die Kinder ihr Zeit ließen, verkauft sie immer noch im Internet. Es sind liebevoll gestaltete Stücke aus bunten Stoffen und Spitzen, die den Betrachter an einen Strandurlaub in den 50ern an der Adria denken lassen.
Bizarre Regenschirme
Schließlich entschied sie sich für ein Gründungscoaching für Unternehmer und plötzlich war der Traum vom eigenen Laden wieder da. Sie fand das Geschäft an der Wilmersdorfer Straße, das damals noch dunkel und holzvertäfelt war, ließ es renovieren und fahndete nach Ware im Internet. Jetzt findet man dort außer ihren Stofftaschen auch Schmuck, der aus antikem schwedischen Porzellan gefertigt wurde, ökologische Schminke aus den USA, bizarr geformte Regenschirme und natürlich Pumps in allen erdenklichen Farben.
Mariana Ahrens hat zu jedem Artikel eine Geschichte. Sie lässt Ketten durch ihre Finger gleiten, zeigt Hüte und schwelgt im Design vergangener Zeiten. „Ich will Farbe ins Leben bringen“, sagt sie. „Hässliches gibt es genug.“
Popiluxe, Wilmersdorfer Str. 107a, Berlin-Charlottenburg, Tel. (030) 88 94 15 31, Di.–Fr. 10–18 Uhr, Do. 12–19 Uhr, Sbd. 10–15 Uhr


