Der Blick kommt so treuherzig aus übergroßen Puppenaugen unter überlangen Wimpern, als wollte dieser Wurm gegen die rührende Hässlichkeit seines Restkörpers anplinkern. Schwarz und unförmig liegt das Versuchsobjekt auf der Werkbank. „Das ist übrigens Barbara“, sagt Katja Werner und lacht.
Barbara, mühsam gestrickt aus altem Fahrradschlauch, war, wie erwähnt, nur ein Experiment und gehört, anders als die Handtaschen, Geldbörsen, Kulturbeutel und Gürteltaschen oder auch das Schlüsselbrett mit Ventilen statt Haken, nicht zum Sortiment in Katja Werners Atelierladen.
Motto und Arbeitsstil der gelernten Grafikdesignerin reflektiert das Probestück aber genauso wie jedes andere Objekt dort. Überraschungseffekte erzeugen, Alltagsdinge in neue Zusammenhänge bringen: „Ich improvisiere gern und spiele mit dem Material“, sagt Werner. Die dunklen Locken zum Kurzhaarschnitt frisiert, das figurbetonte Kleid bedruckt mit einer Fotocollage aus Gesichtern: So steht die 45-Jährige im K.W.D.-Geschäfts- und Werkraum. An der Industrienähmaschine rattert eine Mitarbeiterin über die Kanten eines Brillenetuis. Unter den Arbeitstischen ist in Plastikboxen vorbereitetes Material sortiert. Breitere und schmalere Streifen, winzige Stanzreste, Verschnitt aller Art.
Fahrradwerkstätten beliefern Katja Werner mit kaputten Schläuchen. Motorrad- und Lkw-Schläuche holt sie vom Reifenhändler. „Driven in Berlin“ stempelt die Designerin auf manche ihrer Produkte. „Die sind alle zuvor gefahren worden“, sagt Werner. Gerade Reifenhändler, die das Altmaterial als Sondermüll entsorgen müssen, seien nicht undankbar für Abnehmer. „Schläuche werden nicht recycelt, sondern verbrannt. Aber ich sage immer, die tun es noch viele Kilometer“, sagt Katja Werner und deutet auf einen der Rucksäcke.
Aus alt mach neu
Die Idee, aus dem Abfall attraktive Accessoires zu fertigen, war der Grafikdesignerin vor rund acht Jahren gekommen. Weil sie selbst Radlerin ist. Und weil die Devise „aus alt mach neu“ so etwas wie das Gestaltungsmotto der gebürtigen Niedersächsin ist. So beleuchtet ein Lüster, behängt mit Zahnbürsten, ihren Schauraum. Katja Werner saß also mit einem ihrer eigenen Fahrradschläuche da und überlegte, was sie daraus machen könne. Heraus kam der Schlüsselanhänger, der auch im Laden zu haben ist. Luftgefüllt rettet er den Schlüssel sogar, wenn der ins Wasser gefallen ist.
Bekannte fanden Gefallen an dem Prototypen, der eigentlich noch keiner war. Eine Freundin wünschte sich eine Gürteltasche für den Discman. So entstand eine Art Küchentischproduktion. Anfang 2007 präsentierte die Chefin von KaWeDesign das Gummi-Label K.W.D. erstmals auf dem Kunstmarkt an der Museumsinsel. Vor dreieinhalb Jahren eröffnete sie zusätzlich zum Onlinehandel den ersten Laden in Kreuzberg. Seit Februar 2013 kann man K.W.D.-Taschen an der Libauer Straße hübsch präsentiert vor silber gestrichener Wand beschauen — und befühlen. „Am Anfang habe ich oft beobachtet, wie Leute zurückschreckten und ausriefen: ‚Das ist ja Gummi‘. Aber inzwischen haben viele schon Ähnliches gesehen oder davon gelesen“, sagt Katja Werner, zu deren Kunden nicht nur Fahrradbegeisterte zählen, sondern auch Fans von Recycling oder einfach von originellem Design.
Einer ältere Dame kaufte gleich eine Sammlung an Geschenken. Eine Bremerin kommt bei jedem Berlinbesuch und hat in ihrer Wohnung eigens eine Garderobe für Werners Taschen, die für 60 bis 240 Euro zu haben sind.
Auf den ersten Blick ähneln Werners Produkte Lederwaren. Verspielte Formen mit vielen Rundungen lassen das Derbe des Gummis vergessen. Sie bemühe sich, die Reifenkontur zu erhalten und zu nutzen, sagt Werner. Kombiniert mit hübschen Schnallen oder zierlichen Verschlüssen, mit Gummifransen verziert oder durch die Prägung des Motorradschlauchs gemustert, besticht jedes der Unikate mit einem eigenen, teils fast lieblichen Dekor. Den Kontrast bilden ins Design einbezogene Stempelaufdrucke der Schläuche, Fahrradflicken oder eingearbeitete Einzelteile wie ein Metallsieb oder ein metallener Typenschriftzug von einem Auto.
Sperrig und unnachgiebig
Das Knowhow allerdings musste Katja Werner sich mühsam erarbeiten. „Ein steiniger Weg“, sagt die Designerin. „Denn Gummi lässt sich nicht bezwingen. Es ist sperrig, sehr fest, und wird auch durch Gebrauch nicht geschmeidig.“ Werner lernte, die Unnachgiebigkeit zu nutzen, etwa bei den Geldbörsen mit Klickverschluss, die durch die Schlauchwölbung beim Öffnen aufspringen. Noch heute allerdings ist für Katja Werner jedes neue Produkt eine Herausforderung, nicht nur, weil sie auch auf Kundenwünsche eingeht und individuelle Bestellungen annimmt. „Ich muss ständig das Rad neu erfinden“, sagt sie. Es scheint sie nicht zu stören.
K.W.D. und Katja Werner Design, Libauer Str. 1, Friedrichshain, geöffnet (in der Regel) Mo.-Fr. 11-19 Uhr oder nach Vereinbarung, Tel. 610 735 77, www.KaWeDesign.de




