Welt- und Zeitreise zugleich: Geht das? Wenn ja, wo? Nirgends besser als beim „Süßkramdealer“ in Friedenau, einem kleinen Eckladen mit Blick auf den Varziner Platz. Auf 25 Quadratmetern gibt es Ungesundes in nostalgischem Ambiente. Die Ladenausstattung im üppigen Stil der Gründerzeit, mit Mahagoni- und Eichenregalen bis zur Decke, ist nahezu komplett im Zustand von 1924 erhalten. Die kultige Registrierkasse klingelt wie in alten Zeiten. Hier gibt eine fast 90-jährige Uhr den Takt an. Und die geht – rückwärts! „Das Besondere ist die Historie der Räume“, sagt auch Inhaber Martin Hesse. „Hier eröffnete die bekannte Zigarrenfabrik Loeser & Wolff 1906 eine Filiale.“ Die namhafte jüdische Firma mit Standorten in Elbing und seit 1865 in Berlin, avancierte bald zum Marktführer, betrieb Anfang der 30er-Jahre fast 200 Filialen, wurde in literarischen Werken wie „Berlin Alexanderplatz“ von Döblin verewigt. Auch Walter Kempowski spielte in seinem Buch „Tadellöser und Wolff“ auf das mitarbeiterfreundliche Muster-Unternehmen an, von dem nach Auflösung 1983 nur das „Haus Loeser & Wolff“ am Schöneberger Ufer übrig blieb.
Kempowski und Knef
Martin Hesse erinnert an das alte Unternehmen, etwa mit einer Schaufenster-Inschrift und Geschichten, die er seinen Besuchern erzählt. Nach der Enteignung durch die Nazis hieß die Firma fortan „Walter E. Beyer“. Jüdische Pächter der Läden wurden entlassen. Das Friedenauer Geschäft hatte das Ehepaar Gorczellancek geleitet. Schauspielerin Hildegard Knef, die als Kind in der Nähe wohnte, schrieb in ihrer Autobiografie „Der geschenkte Gaul“: „Eines Abends gingen meine Mutter und ich wieder zum Cosimaplatz, aber an der Ecke warnte uns eine Frau, nicht hinaufzugehen, sie waren abgeholt worden, oder sie sollten abgeholt werden, denn als die Gestapo morgens um 4 oder 5 klingelte, hatten sie sich mit ihren zwei Kindern vergiftet.“ Martin Hesse, der in alten Adressbüchern vergeblich nachforschte, sagt: „Wüsste ich die genaue Wohnanschrift, würde ich dort einen Stolperstein setzen.“
1994 kam der heute 46-jährige gelernte Einzelhandelskaufmann aus Münster nach Berlin. Sein Geschäft eröffnete er im August 2005. „Eines Nachmittags bin ich hier vorbeigeradelt und war sofort fasziniert.“ Dort wollte er bleiben, im Jugendstilhaus, das – Schaufenster und Spiegel inklusive - den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden hatte.
Es wurde ein schwerer Start. Das hatte mit einer wirtschaftlichen Novemberflaute zu tun und der anfangs, laut Hesse, „geschäftsresistenten Gegend“. Hesse aber gab nicht auf und gewann bald die Nachbarschaft für sich. Er bot ein exotisches Sortiment. Dinge, die er auf Messen und Reisen entdeckte. Inzwischen kaufen bei ihm Touristen aus den USA und aus Japan. Geschichtsfreaks auf der Suche nach dem Friedenauer Künstlerfriedhof schauen herein und verbringen Zeit auf der beschaulichen Besucherterrasse, zum Beispiel mit einer sehr empfehlenswerten heißen Schokolade. Manchmal trifft man auf zeichnende Künstler.
Martin Hesse stellt sein Sortiment aus dem zusammen , was ihm 150 Lieferanten aus aller Welt zusenden. Von Kunden immer begehrt ist etwa mit kandierten Veilchen bestreute und mit Veilchenöl gewürzte Bachhalm-Schokolade aus Österreich. Die 85-Gramm-Tafel kostet 5,90 Euro. Ein Hit sind die mit kandierten Früchten garnierten Tafeln der Firma „Emil Gustavs“ aus Riga, ebenso die exotischen Konfitüren aus Madagaskar.
Das legendäre „Mozart-Polsterl“ aus Rumrosinen, Crème, Haselnüssen, Butter, Honig, Vanille und Weinbrand für 2,50 Euro ist Hesses Lieblings-Leckerei und ursprünglich nur in Linz und Salzburg zu haben. „Dort probierten es die Berliner Philharmoniker während einer Tournee“, sagt Hesse. „Als sie wissen wollten, wo man es in Deutschland bekommen kann, wurden sie an mich verwiesen.“
So viel Süßes und trotzdem gesundheitsbewusst leben: Lässt sich das verbinden? „Alles in Maßen genießen, in kleinen aber dafür hochwertigen Portionen“, rät Martin Hesse.
Durch das Mahagoni-Regal
Inzwischen beschäftigt er sechs Teilzeit-Mitarbeiter. Im Jahr 2011 erweiterte er sein Geschäft. Es gibt seitdem ein Ladenlokal, das man via Durchbruch im Mahagoni-Regal erreicht. Es ist stylish-modern, entworfen von der Münchner Innenarchitektin Frederique Desvaux. Im Angebot sind ebenso rare und ausgefallene Waren wie im Süßigkeitengeschäft. Zum Beispiel Geschenkartikel und österreichischer Wein. An kleinen Tischchen können die Gäste Patisserie-Spezialitäten probieren. Die große Kochbuch-Auswahl im Café hat Hesses Freundin Janina Dahse getroffen, die auf Messen Neuheiten für den Laden auftreibt.
Ein kleines Detail macht Martin Hesse besonders stolz. So bedeutsam ist sein Geschäft, dass die Initiative „Stadt im Ohr“ es zur Ausleihstation ihres Friedenauer Audio-Guides machte. Wer sich nun per Hörtour durch den Kiez leiten lassen will, bekommt bei ihm die nötige Technik. Ein schöneres Kompliment kann ein Ladenbesitzer wohl kaum bekommen.
Süßkramdealer, Varziner Straße 4, Friedenau, Tel. 85 07 77 97, www.suesskramdealer.de, Montag bis Freitag,8–20 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen geöffnet von 10–18 Uhr




