Berliner Perlen

Ein Stück Amerika in Berlin-Tempelhof

Für ein Kennzeichen aus Tennessee oder Grillsoßen muss man nicht über den Atlantik fliegen. Es genügt ein Trip nach Tempelhof zum Gemischtwarenladen „American Lifestyle“.

Foto: Massimo Rodari

Zwischen einer Eisdiele und einem Pflegedienst herrscht in Tempelhof der „American Lifestyle“: Sternenbanner, Zuckerstangen, Grillsoßen, Cowboyhüte und unzählige bunte Plastikverpackungen auf engem Verkaufsraum. Ein Neonröhren-Schild verkündet „Open“ und die Jukebox spielt Rock’n’Roll.

Seit 13 Jahren führt Brigitte Wittig aus Lichtenrade den Geschenke-, Deko- und Lebensmittelladen „American Lifestyle“ an der Attilastraße. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt die 51-Jährige. Sie und ihr Mann seien bereits zehn Mal durch die Vereinigten Staaten gereist „Eine Kalifornien-Rundreise haben wir gemacht, eine Südstaaten-Reise, die Route 66 sind wir gefahren und zuletzt waren wir in Texas.“

Memorabilia bis unter die Decke

Als ihr früherer Arbeitgeber aus der Textilbranche Ende der 90er-Jahre in Konkurs ging, beschloss das Ehepaar, sich selbstständig zu machen. Importierte Lebensmittel, deutsche Fachmagazine für Country- und Westernmusik, Elvis Presley Postkarten sowie Route 66 Memorabilia stapeln sich bis zur Decke. Auch einen amerikanischen Alu-Briefkasten mit rotem Fähnchen kann man hier erstehen.

„Das Geschäft läuft gut,“ sagt Wittig hinter ihrem Tresen. Zu ihren Stammkunden zählten vor allem in Berlin lebende Amerikaner. „Einen echten Ami erkenne ich sofort“, sagt sie: „Die gucken sich die Dekoartikel nicht an, die gehen zielstrebig auf ihr Grape Jelly, ihre Haferbrei-Mischung oder Grillsoßen zu.“ Vor US-amerikanischen Großevents oder Feiertagen nehme der Ansturm auf ihren Laden regelmäßig zu. Plastikgeschirr in Landesfarben, amerikanisches Bier in Dosen und Hot Dog Grills seien zum Super Bowl gefragt. Truthahn-Füllung, Kürbiskuchen-Backmischung und US-amerikanischer Eierpunsch „Eggnog“ zu Thanksgiving und Weihnachten.

„Ende Mai kommen dann die Austauschschüler“, sagt Wittig. „Erst kaufen die Eltern Flaggen für die ,Welcome Home Party‘, später kommen die Schüler, erzählen von ihren Gastfamilien, kaufen Süßigkeiten oder nehmen ein gebrauchtes Autokennzeichen aus ihrem Austauschstaat mit.“

„Meine Güte, war das eine Reise“, sagt eine Kundin, als sie atemlos zur Tür hereinkommt. Ob sie gerade aus Amerika eintrifft? „Nein, nein aus Kladow. Aber ich war schon mal eine Woche in New York und eine Woche auf Hawaii“, sagt sie. Ihre Tochter Jacqueline trägt eine amerikanische Flagge auf der Brust. Aufgeregt läuft sie durch Brigitte Wittigs Laden, um die Waren zu inspizieren. Ganz dringend fehlt ihr offenbar eine Decke, die mit dem Muster der US-Flagge, den Sternen und Streifen bedruckt ist. Dabei war sie noch nie in den Staaten.

Amerikanische Lebensmittel bedeuten in Tempelhof vor allem: Süßes. Etwa Brownie-Backmischungen, Root Beer mit Vanille-Geschmack und Zuckerwatte-Kaugummis. „Unsere Verkaufsschlager sind aber die Pop-Tarts. Das sind kleine Teigtaschen mit Blaubeer-, Keks- oder Puddingfüllung, die man im Toaster erwärmt“, “, sagt Brigitte Wittig, die bei unserem Besuch ein blau, weiß und rot gemustertes Tuch um den Hals trägt. „Traubenmarmelade im Duo mit Erdnussbutter im Glas sei bei den in Berlin lebenden Amerikanern auch sehr beliebt.“ Europäischen Kunden rät Wittig dagegen, das Produkt vorsichtshalber nur sehr dünn auf zutragen. „Nicht dicker als Butter.“

Ihr Sortiment kommt von verschiedenen Händlern direkt aus den Staaten. Auf Kundenwünsche ihrer Stammkunden kann sie aber nur bedingt reagieren: „Auf Grund von Lizenzen kann ich zum Beispiel Kosmetikartikel wie Deo oder Duschgel gar nicht anbieten.“ Dafür führt sie aber Baking Soda. „Das ist ganz toll“, schwärmt Wittig von dem hierzulande als Natron bekannten Produkt. „Das kann man zum Desodorieren verwenden, aber auch zum Backen oder Wäsche bleichen. Und wenn man es in den Kühlschrank stellt, neutralisiert es Gerüche.“

Grillen im Wohnzimmer

Das günstigste „American Lifestyle“-Produkt ist ein Plombenkiller. Ein „Tootsie Roll“ schmeckt nach Karamell und kostet 25 Cent. Das teuerste Produkt im Sortiment ist derzeit der Hot Dog Grill. „Den kann man im Wohnzimmer vor dem Fernseher benutzten, dann muss man nicht immer in die Küche laufen, um neue Würstchen zu holen“, erklärt die Ladeninhaberin. Der elektrische Würstchenwärmer, den man eher auf Tankstellen-Tresen denn auf Wohnzimmertischen erwarten würde, kostet 69 Euro.

Im Sommer werden Brigitte Wittig und ihr Mann wieder nach Amerika fliegen. Dieses Mal nach Chicago. „Einer unser Stammkunden kommt aus der Gegend, er hat schon versprochen, uns vorher Insidertipps zu geben.“

Beim Shopping in Amerika halten die Wittigs dann wieder nach neuen Trends Ausschau. „Für uns kaufen wir höchstens Kleidung“, sagt die Ladeninhaberin. „Die ist drüben günstiger.“ Indes hat ihre kleine Kundin gefunden, was sie suchte. Jacqueline nimmt eine flauschige Acryl-Decke mit nach Kladow. In Blau, Rot und Weiß. Mit Sternen und Streifen.

American Lifestyle Attilastraße 177, Tempelhof, Tel. 600 76 10, Mo., Di., Do., Fr. 10-18 Uhr, Mi . 10-16 Uhr, Sbd. 10-13 Uhr