Suryo Fuhrke steht im schönsten Sonnenschein am Savignyplatz und hält sein Fahrrad mit einer Hand stolz in die Höhe. „Wir Fahrradfahrer sind stark“, sagt der 27-Jährige. Dann lässt er sein Herrenrad schnell wieder auf den Boden sinken. Der junge Mann aus Charlottenburg strampelt gerne mit dem Fahrrad über die Berliner Straßen.

Ein Problem sei jedoch, dass die Autos häufig auf den Radwegen parken, sagt er. „Deshalb müssen wir oft zwischen den Autos fahren. Das führt zum Krieg zwischen den Autofahrern und den Fahrradfahrern.“ Besonders schlimm sei die Lage in Kreuzberg. Auf sein Rad verzichten will er aber nicht. „Fahrradfahren ist einfach billiger“, sagt er.

Die Erfahrungen von Suryo Fuhrke decken sich mit der aktuellen Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Radfahren ist vor allem in den Städten angesagt. Rund 20 Prozent aller Fahrten in der Innenstadt, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, werden inzwischen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Doch die Infrastruktur wächst nicht in gleichem Maße mit. Die Folge ist eine Zunahme der Konflikte zwischen den Verkehrsteilnehmern.

Auch Oliver Allemann, 20, ist oft mit dem Fahrrad unterwegs. Berlin sei schön flach und würde sich gut fürs Radfahren eignen. Ihn ärgern allerdings die wenigen Radwege. „Besonders auf Straßen mit Kopfsteinpflaster wie in Friedrichshain ist das Fahren schwer. Dort brauchen wir mehr Fahrradwege“, fordert er.

Nicht wenige verzichten auf das Radfahren in Berlin

Doch auch spezielle Radwege seien nicht immer eine Lösung, sagt Suryo Fuhrke. „Das lässt sich in Prenzlauer Berg beobachten. Dort sind zweispurige Straßen wegen Fahrradwegen zu einspurigen umgebaut worden, und es gibt nicht mehr genügend Platz für die Autos.“ Am besten sei es wohl, eine Fahrradspur über die Straßen hinweg zu bauen, scherzt Fuhrke.

Dann könnten unten die Autos und oben die Fahrradfahrer fahren. Dieses Doppeldeckersystem würde sicher auch Faruk Selimoglu, 37, gefallen. Der Taxifahrer steht am Checkpoint Charlie und findet schnell klare Worte für die Situation auf den Straßen. „Fahrradfahrer und Busfahrer sind die Feinde der Taxifahrer“, sagt er. In Zukunft hoffe er auf bessere, flächendeckendere Fahrradwege. Und darauf, dass die Radfahrer nicht mehr so rasant fahren würden.

Da können die Mitarbeiter des „Laden am Check Point“ nur zustimmen. Sie kennen die gehetzten Fahrradfahrer auf der Friedrichstraße nur zu gut. „Hier ist es schon zu schlimmen Unfällen zwischen Fahrradfahrern und Lastwagen gekommen“, sagt eine Mitarbeiterin. Die Fahrradfahrer würden oft ohne Rücksicht zwischen Fußgängern und Autos hindurch rasen. „Am besten wären Nummernschilder für die Fahrräder oder mehr Blitzer“, sagt die Verkäuferin.

Nicht wenige verzichten ganz auf das Radfahren in Berlin. Andere suchen sich ihre eigenen, sicheren Wegstrecken. „Mir ist das Fahrradfahren in Berlin zu gefährlich, die Autofahrer sind sehr aggressiv“, sagt die 27 Jahre alte Lisa Braun. Sie fühle sich als Fahrradfahrerin in Berlin ungeschützt.

Diebstahl ist ein Problem

Die 48 Jahre alte Silvia B. kann das nicht nachvollziehen. „Ich fahre jeden Tag von Friedenau zum Ernst-Reuter-Platz und fühle mich wohl dabei“, sagt sie. Natürlich wären mehr Fahrradwege nicht schlecht, aber ihr helfe schon, dass sie auch auf der Busspur fahren darf. „Das kenne ich aus meiner früheren Heimatsstadt Hannover nicht.“

Auch Emma Benjamin, die erst seit wenigen Tagen in Berlin wohnt, ist begeistert von der Fahrradkultur der Deutschen „Ich finde es toll, dass so viele mit dem Fahrrad unterwegs sind. Ich wohne in einer WG mit drei Jungen, und jeder hat ein Fahrrad.“ Die 20-Jährige hat keine Angst, in Berlin zu fahren. Aus ihrer Heimatstadt Madrid sei sie viele Menschen gewöhnt, dort wäre aber der größte Teil der Bewohner zu Fuß unterwegs. Fahrradfahren sei dort kaum möglich.

Probleme gibt es aber nicht nur wegen der fehlenden Fahrradwege oder der Rücksichtslosigkeit vieler Verkehrsteilnehmer. Studentin Anna-Sophie sagt: „In Berlin werden viele Fahrräder geklaut. Ich habe oft Angst davor, dass mein Fahrrad plötzlich weg ist.“ Diese Sorgen haben viele Berliner Radfahrer. „Hier muss sich etwas ändern“, fordert Anna-Sophie. Wenn das Fahrrad weg sei, nützte auch der beste Radweg wenig.