Eine Frau fährt zur Wohnung ihrer Tochter, weil sie mehrere Tage nichts mehr von ihr gehört hat. Wahrscheinlich versucht sie sich selbst einzureden, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Wahrscheinlich hofft sie das auch noch, während sie die Wohnung mir ihrem Schlüssel aufschließt, nachdem niemand auf ihr Klingeln reagiert hat. Doch in der Wohnung findet sie nicht nur die Leiche ihrer Tochter, sondern auch die ihres zehn Jahre alten Enkels. Fast zeitgleich springt der Lebensgefährte ihrer Tochter von einem höheren Stockwerk in seinen Tod.
Diese Familientragödie hat sich am Montagabend in einem 18-geschossigen Hochhaus in Lichtenberg abgespielt. Wie berichtet, wurde die Polizei und Feuerwehr gegen 20.15 Uhr zu dem Gebäude gerufen. Nach bisherigen Erkenntnissen tötete der mutmaßliche Täter zunächst seine Lebensgefährtin und ihren zehn Jahre alten Sohn, bevor er sich selbst von einem Balkon desselben Hauses stürzte.
Die Frau soll er erschlagen und erdrosselt haben. Der Sohn wurde wahrscheinlich ebenfalls erdrosselt. Die genaue Todesursache soll aber durch eine Obduktion geklärt werden, deren Ergebnis noch nicht bekannt gegeben wurde. Das Motiv für die Tat ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch völlig unklar. Das Opfer, die 41-jährige Diana K., soll schon seit vielen Jahren mit ihrem Sohn in dem Gebäude an der Einbecker Straße Ecke Robert-Uhrig-Straße im Ortsteil Friedrichsfelde gewohnt haben.
Mutmaßlicher Täter bereitete seinen Suizid vor
Wie bekannt wurde, könnte die Mutter des Opfers den Mörder ihrer Tochter in deren Wohnung noch angetroffen haben. Die Dreizimmerwohnung von K. befindet sich im zwölften Stock. Der 46 Jahre alte Mann stürzte sich Polizeiangaben zufolge wenige Augenblicke, nachdem Diana K.s Mutter die Wohnung erreichte, aus der 16. Etage des Gebäudes. Zuvor soll er das vor dem Balkon gespannte Schutznetz durchschnitten haben. Er hatte seinen Suizid demnach offenbar gut vorbereitet. Der 46-Jährige erlag am Montagabend noch vor Ort seinen schweren Verletzungen.
Der Fall erscheint bis auf die Suche nach dem Motiv bereits einen Tag später fast abgeschlossen zu sein. „Es gibt keinen Zweifel, dass sich der Mann umbringen wollte“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Dienstag. In der Wohnung fand die Polizei einen Abschiedsbrief des 46-Jährigen, in dem er sich zu den Taten geäußert haben soll. Es gebe außerdem klare Hinweise zu seiner Täterschaft, so die Staatsanwaltschaft.
Die zwei Opfer sollen bereits seit Donnerstag oder Freitag tot in der Wohnung gelegen haben. Auch die Familienhaustiere – zwei Katzen und ein Hund – befanden sich in den Räumen. Zusätzlich vermuten die Ermittler, dass sich der vermeintliche Täter weiterhin dort aufhielt. „Genaueres werden wir erst wissen, nachdem die Nachbarbefragung abgeschlossen ist“, sagte Steltner am Dienstag. Es ist also möglich, dass der Täter die ganze Zeit neben den Opfern ausharrte und seinen Selbstmord vorbereitete.
Motiv für die Tat noch unklar
Die Polizei sperrte den Bereich vor dem Hochhaus am Montagabend ab, in der Nacht zu Dienstag waren Mitarbeiter der Gerichtsmedizin vor Ort. Experten der Spurensuche machten zahlreiche Aufnahmen am Tatort. Die Mutter der Getöteten wurde von der Polizei betreut.
Was die Ermittler bisher noch vor ein Rätsel stellt, ist das Motiv des vermuteten Täters. „Die Ermittlungen laufen“, sagte ein Polizeisprecher nur. Eine Nachbarin, die anonym bleiben will und die Opferfamilie kannte, sagte, dass sie nie Streitigkeiten mitbekommen habe.
In dem 18-geschossigen Hochhaus wohnen 126 Mietparteien. Und doch soll keiner bemerkt haben, dass zwei Leichen mehrere Tage hinter einer der Wohnungstüren lagen. „Wir wohnen zwar in einem Haus, doch ich kenne die meisten Mitbewohner nicht“, sagt ein pensionierter Bewohner. So wie er äußern sich die meisten Nachbarn.
In dem Haus scheint die viel beschworene Großstadt-Anonymität zu herrschen. Auch zu K.s Lebensgefährten hatte kaum jemand Kontakt. In dem Hochhaus ist von 8 bis 19 Uhr ein Concierge tätig. Er kannte Diana K. flüchtig. Meistens sah er sie, wenn sie mit ihrem Hund spazieren ging. „Ich habe die junge Frau immer freundlich erlebt“, sagte der Concierge am Dienstag.




