Jodeltreffen

Wenn auf Spandaus Hahneberg Jodler und Alphornbläser spielen

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Annette Kuhn

Foto: Sergej Glanze (2) / Glanze

Das Berliner Alphornorchester und der Jodelchor haben in Spandau zum Konzert geladen. Auf dem Hahneberg freuten sich rund 400 Gäste bei strahlender Sonne und Weitblick über ungewöhnliche Klänge.

Ungewöhnliche Klänge dringen über den Weinmeisterhornweg in Spandau. Juchzer, Gluckser, Kuhglockengeläut. Die Fußgänger, die mit Picknickkörben und Decken auf den Ort des Geschehens zusteuern, scheinen allerdings nicht überrascht. Sie wissen, was sie gleich erwartet: Das Alphorn- und Jodeltreffen auf dem Hahneberg. Bereits zum siebten Mal verwandelten das Berliner Alphornorchester sowie der Jodelchor Urban Yodeling den 67 Meter hohen Hahneberg am Vorabend des 1. Mai in eine hochalpine Landschaft.

Schon der „Almauftrieb“ wird zum Ereignis. Neben Proviant, Kind und Hund werden riesige, mehrere Kilo schwere Kuhglocken nach oben gewuchtet und noch größere Taschen, in denen sich die knapp vier Meter langen Alphörner in Einzelteilen verbergen. Die Laune trübt das nicht, immerhin erwarten die Musiker und die etwa 400 Gäste oben strahlende Sonne und Weitblick. „Wir haben immer gutes Wetter“, verkündet Ingrid Hammer mit unverkennbar steirischem Akzent. Die Österreicherin hat das Jodeltreffen vor sieben Jahren zusammen mit einer Alphornistin ins Leben gerufen und es bislang nur sonnig erlebt. So als könnte sie Wolken und Regen einfach wegjodeln.

„Echtes Jodeln ist kein Musikantenstadl“

Ingrid Hammer ist eigentlich Regisseurin, das Theater brachte sie vor 30 Jahren aus der Steiermark nach Berlin. Irgendwann hatte sie dann das Singen für sich entdeckt und ein Trio gegründet, aber mit Jodeln hatten die drei Frauen erst einmal nichts zu tun. Ist was für Hinterwäldler, hat Ingrid Hammer gedacht, bis sie einen Workshop bei einer Obertonsängerin besucht und gemerkt hat: „Echtes Jodeln ist kein Musikantenstadl.“ Fortan wurde in ihrem Trio auch gejodelt – und bald nicht mehr nur dort.

Seit 2007 gibt Ingrid Hammer Jodelunterricht. Ihre Workshops und Kurse in Schöneberg sind meist ausgebucht. Aus den Kursen ist der Jodelchor hervorgegangen, und einmal im Monat trifft sich der Jodelstammtisch in einem Gasthaus an der Hasenheide. Und es gibt auch noch eine zweite Jodelschule in Kreuzberg.

Berlin hat sich zu einer Art Jodelhochburg im Flachland entwickelt. Und die Jodelgemeinde ist bunt. Viele sind aus dem Süden zugezogen und haben in der preußischen Fremde auf einmal Sehnsucht nach ihrer Heimat entwickelt. Ingrid Hammer selbst ist dafür das beste Beispiel. Auch Karen Thiele, die eine österreichische Mutter hat und seit zwei Jahren beim Jodelchor ist. „Jodeln ist ein toller Ausgleich, da kann ich wunderbar auftanken“, sagt sie.

Wenn der Kopf zur Klangschale wird

Vom Alpenrand kommt auch die Philosophiestudentin Elena, mit 27 Jahren ist sie die Jüngste im Chor. „Ich habe schon immer unter der Dusche gesungen“, erzählt sie. Und eigentlich nur dort.

Chöre haben sie nie interessiert – bis sie zufällig über einen Workshop zum Jodeln kam. Dieser Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, das Gefühl den Kopf als Klangschale zu erleben und immer wieder der Überraschungsmoment, was da für ein Ton herauskommt, das findet sie spannend.

Aber die Leidenschaft fürs Jodeln kann sich offenbar auch bei Flachländlern entwickeln. Wie bei Uli Schnaub aus Kassel. Die Kasseler Berge sind wohl eher berühmt für lange Staus als für Jodeln. Und so wäre der 56-Jährige wohl nie auf die Idee gekommen, ein „Holadihi“ von sich zu geben, wenn er nicht den Film „Heimatklänge“ gesehen hätte. Von dem war er so fasziniert, dass er einen Workshop bei Ingrid Hammer gebucht hat. Damit war er nicht der Einzige. „Nach dem Film gab es enormen Zulauf“, erinnert sich die Profijodlerin.

Männer willkommen beim Jodeln

Ein bisschen Überwindung hat Uli Schnaub das Jodeln anfangs schon gekostet, zumal hier der ganze Körper im Einsatz ist. „Das liegt nicht jedem Mann“, hat Ingrid Hammer beobachtet. „Aber noch mehr Überwindung hat es mich gekostet, meinen Freunden zu erzählen, dass ich nun jodle“, sagt Schnaub. Klar, was er da als Erstes zu hören bekam: „Machst wohl dein Jodel-Diplom?“ Wer jodelt, kommt um Loriot nicht herum.

Aber meist habe es gereicht, die Freunde einfach mal mit zu einem Jodelkonzert zu nehmen, versichert er, schon sei seine Reputation wieder hergestellt. Nur zum Mitjodeln hat sich bisher noch keiner von ihnen entschlossen. Dabei sind Männer im Jodelchor herzlich willkommen. Neben Uli Schnaub ist an diesem Abend nur noch ein weiterer Mann dabei.

Anders ist das beim Berliner Alphornorchester. Hier gibt es Männerüberschuss. Profis und Laien haben sich vor drei Jahren in diesem Ensemble zusammengefunden. Viele Schweizer sind dabei. Kein Wunder, ist das Instrument doch ein Nationalsymbol der Eidgenossen. Ihre Instrumente aber kommen fast alle aus der Berliner Instrumentenwerkstatt von Bert Pakowski. Seine Initialen PB prangen auf dem Holz, und er selbst ist natürlich auch Mitglied des Orchesters.

Alpine Klänge an einer Berliner Ausfallstraße

Als die Bläser das Konzert eröffnen, kehrt sofort Ruhe auf dem Berg ein. Die Zuschauer haben es sich längst gemütlich gemacht auf ihren Picknickdecken, um den vorwiegend alpinen Klängen zu lauschen. Nur als der Ehrengast aus Singapur, Sun Sun Yap, chinesische Bergrufe erklingen lässt, wird es exotisch. Viele scheinen in der Abenddämmerung aber ohnehin vergessen zu haben, wo sie sind: Im Vergleich zu den Alpen auf einer winzig kleinen Erhebung neben einer Berliner Ausfallstraße.

Alles eine Frage der Perspektive. Denn auf der anderen Seite gibt es ja die leuchtend gelben Rapsfelder und die glitzernde Havel in der Abendsonne, und ganz weit im Osten reicht der Blick bis zum Fernsehturm. Die Demos, die irgendwo da hinten in der Walpurgisnacht stattfinden, sind weit weg.

Für Gesa und Jürgen ist der Hahneberg an diesem Abend einfach ein lauschiges Plätzchen. Sie haben vor ihren Klappstühlen einen kleinen Tisch aufgebaut, fein eingedeckt mit Servietten, Plastikbesteck und Sektkelchen. Als die Sonne später untergeht, zündet Gesa für mehr Gemütlichkeit noch eine LED-Kerze an. Auch im kommenden Jahr werden die beiden wohl dabei sein. Zumindest wenn es der Jodelchor wieder schafft, die Wolken wegzujodeln.

Das Berliner Alphornorchester gibt am 4. Mai, 17 Uhr, in der Trinitatiskirche am Karl-August-Platz in Charlottenburg ein Konzert, Eintritt: 12 Euro. Mehr zu Jodelangeboten unter jodeln-in-berlin.de oder jodelschule-kreuzberg.de