Tagebau

Wie sich ein Dorf in der Lausitz gegen die Kohlebagger wehrt

Noch ist unklar, ob der Braunkohle-Tagebau Welzow-Süd erweitert wird. Die Umsiedlung der Anwohner ist dagegen schon geregelt. Vattenfall wirbt um Verständnis – das Dorf Proschim will aber nicht weichen.

Foto: Amin Akhtar

Erhard Lehmann ist in Proschim geboren. Seine Familie ist seit etwa 200 Jahren in dem Lausitz-Dorf ansässig. Der 63-Jährige will sich auf keinen Fall aus seinem Heimatort vertreiben lassen. „Ich sterbe hier, ich verkaufe nicht“, sagt der frühere, langjährige Orts-Bürgermeister. Lehmann sitzt mit seiner Frau Marlies im Garten unter dem weiß blühenden Apfelbaum und spricht optimistisch über seine Zukunftspläne – und die seiner zwei Kinder und vier Enkel. „Ich lasse mich nicht kirre machen“, stellt Lehmann klar. Er meint: Kirre machen vom Energiekonzern Vattenfall und der brandenburgischen Landesregierung.

Denn zur gleichen Zeit setzt Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) etwa 30 Kilometer weiter in Cottbus in der Gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg sein Kürzel auf eine Vereinbarung mit Vattenfall. In dem Papier sind Details „zur sozialverträglichen Umsetzung“ der Tagebau-Erweiterung Welzow-Süd-II geregelt. Rund 800 Menschen sollen umgesiedelt werden. Neben Teilen der Stadt Welzow müssten die Dörfer Proschim und Lindenfeld dem künftigen Tagebau weichen. Nach den Plänen Vattenfalls werden die Bagger in Proschim etwa in den Jahren 2025/26 ankommen. Bis dahin müssten die rund 360 Bewohner umgezogen sein. Aber nur ein Teil ist bereit, zu gehen. Vor allem diejenigen, die bei Vattenfall arbeiten.

Der Infrastrukturminister betont bei der Paraphierung des Vertrags: „Mit dieser Vereinbarung wird die Entscheidung der Landesregierung nicht vorweggenommen. Sie dient nur für den Fall, dass der Braunkohlenplan beschlossen wird, der verbindlichen Absicherung der Sozialverträglichkeit.“ Im Saal sitzen zwischen den Journalisten mehrere Braunkohle-Gegner. Betroffene Bewohner, aber auch Greenpeace-Aktivisten. Sie sehen das ganz anders.

Vattenfall wirbt um Verständnis für Umsiedlungen

Die Umweltorganisation empfängt den Minister mit dem Transparent: „Kohle-Deal: SPD verkauft Brandenburgs Zukunft“. Die Braunkohle-Gegner werfen der Regierung vor, mit der Vereinbarung vorzeitig Fakten schaffen zu wollen. Denn der Braunkohleausschuss will erst am kommenden Montag eine Empfehlung zum Braunkohleplan abgeben. Das rot-rote Kabinett unter Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) – einem Lausitzer – wird voraussichtlich im Juni oder Juli darüber abstimmen. Dann beginnt ein aufwändiges Genehmigungsverfahren.

Mehrere Ausschussmitglieder beantragten bei der zuständigen Behörde, dass die Sitzung vertagt wird. Minister Vogelsänger lehnt die Verschiebung ab. Er verteidigt die Vereinbarung zu diesem Zeitpunkt: „Wir wollen damit Transparenz schaffen.“ Er sagt aber auch: „Es wird Zeit für eine Entscheidung. Nach mehr als sechs Jahren der Planung haben die Menschen ein Recht darauf zu erfahren, wie es weitergeht.“ Der Vattenfall-Vorstand für Bergbau, Uwe Grosser, neben ihm wirbt um Verständnis: „Uns ist bewusst, dass wir Heimat nicht ersetzen können. Mit den besten Voraussetzungen am neuen Ort kann ein Heimatgefühl aber wieder entstehen.“

Die Vereinbarung beinhaltet Verträge mit Welzow und Neuseeland für eine sozialverträgliche Umsiedelung und sieht individuelle Verträge vor. Den Agrarbetrieben verspricht die Landesregierung die Existenzsicherung. Sie sollen einen Ersatzstandort erhalten, Nachteile würden ausgeglichen. Nach Morgenpost-Informationen plant Vattenfall bislang rund zehn Millionen Euro für die „Sicherung der Sozialverträglichkeit“ ein.

Abbagerung der Kohle wurde bereits dreimal verschoben

„Dieser Vertrag ist ein weiteres Beispiel, wie sich die Vattenfall-Lobby gegenüber der Landesregierung auf Kosten der Region durchsetzt“, kritisiert Axel Kruschat, Geschäftsführer des BUND Brandenburg. „Die Regierung will suggerieren, dass die Sozialverträglichkeit der Zwangsumsiedlungen gewährleistet ist. In Wirklichkeit wird den Gemeinden die Mitsprache bei der Gestaltung der Umsiedlungsverträge genommen.“ An keiner Stelle sei festgelegt, was eintritt, wenn Vattenfall die vagen Auflagen nicht einhält.

,,Die Vorabsprache ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die um ihre Heimat kämpfen“, sagt die Grünen-Abgeordnete Sabine Niels. Bauernbund-Geschäftsführer Reinhard Jung sieht auch Berlins Politiker in der Verantwortung: „Das Schicksal von Proschim liegt nicht nur in den Händen der vattenfallhörigen Landesregierung, sondern auch in den Händen des Berliner Senats.“ Würde Berlin die Zustimmung verweigern, „wäre dies die Chance für eine zukunftsgerichtete Energiepolitik“.

In Proschim setzt nicht nur Erhard Lehmann auf die neue Zeit. Auch der 77 Jahre alte pensionierte Lehrer Johannes Kapelle zeigt sich überzeugt: „Proschim wird bleiben.“ Denn das Dorf sollte schon dreimal abgebaggert werden, und jedes Mal kam es nicht dazu. Ende der 80er-Jahre und zu Mauerfall-Zeiten waren von den einst 560 Einwohnern bereits etwa zwei Drittel der Bewohner in neue Häuser in den umliegenden Orten umgezogen. Dann aber fiel die Entscheidung erst einmal „gegen die Kohle“. Proschim wurde nicht abgebaggert.