Hannes Fischer hat gerade keine Hand frei für die Begrüßung. In der einen Hand hält er ein erst wenige Stunden altes Lamm, mit der anderen wühlt er sich durch das dichte Vlies des Mutterschafs auf der Suche nach der Zitze. Das Neugeborene braucht noch ein wenig Unterstützung beim Trinken. Dann schiebt sich Hannes Fischer seine braunen Locken aus dem Gesicht und reicht die Hand zur Begrüßung. Fest ist sein Griff, ein strahlendes Lächeln, ein freundlicher Blick aus hellblauen Augen. Dem 20-Jährigen ist an diesem Vormittag nicht anzusehen, dass er die ganze Nacht über auf den Beinen war. Seine erste Nachtschicht liegt hinter ihm. 20, 25 Lämmchen sind in dieser Nacht geboren, immer wieder musste der junge Mann Geburtshilfe leisten. Nachher muss er sie noch mal zählen, für die Ablammliste.
Hannes Fischer ist Schäferlehrling. Einer von zwei, die es noch in Brandenburg gibt. Ende 2012 registrierte das Statistische Bundesamt 66 Auszubildende in diesem Beruf, fünf Jahre zuvor waren es noch 147. Der Hof, auf dem Hannes Fischer lernt, liegt nur wenige hundert Meter entfernt von der B1/B5 und nur einige Kilometer hinter der Berliner Stadtgrenze bei Rüdersdorf in Märkisch Oderland. Vom Hof aus sieht man die Autos. Hören kann man sie nicht. Vielleicht liegt es am Wind, sicher liegt es auch an dem Geblöke, das sich wie ein akustischer Teppich über die Wiesen legt. Eine Parallelwelt zur urbanen Geschäftigkeit der nahen Hauptstadt.
Wenn Hannes Fischer erzählt, dass er Schäfer lernt, erntet er meist großes Erstaunen. Irgendwie ja schon cool, sagen viele. Aber irgendwie auch ganz schön abgefahren, sagen sie auch. Jemand, der freiwillig tagein, tagaus Schafe hütet, der sich nicht abends spontan mit Freunden in die Kneipe oder ins Kino um die Ecke verabreden kann, weil die Schafe gerade Lämmchen bekommen, so jemand ist doch – na, zumindest mal anders als der Rest der jugendlichen Welt.
Von Bayern nach Brandenburg
Ja, vielleicht schon, gibt Hannes Fischer zu. Er lächelt verschmitzt. Aber die, die ihn besser kennen, die haben sich eigentlich gar nicht gewundert, als er vor zwei Jahren verkündete, er wolle Schäfer werden. Mitten in der Abiturvorbereitung, als sich seine Freunde Gedanken um Studienwahl und Numerus Clausus machten.
„Es ging ja bei mir alles in diese Richtung“, sagt er. Die ersten sechs Jahre ist er auf einem Hof auf dem Land aufgewachsen. Dann zog die Familie nach Pfaffenhofen, eine 23.000-Einwohner-Stadt in Oberbayern. Aber die Ferien verbrachte er weiterhin meist auf dem Land, half auf Höfen aus, wollte immer bei den Tieren sein. Besonders Hunde hatten es ihm angetan. Nicht zuletzt deshalb hat er auch schon als Jugendlicher einen Jagdschein gemacht. Dass er sich dann ausgerechnet für den Schäferberuf entschieden hat, verdankt er einem Zufall. Aus dem Bio-Laden hat er sich das Kundenmagazin „Schrot & Korn“ mitgenommen, dort fand er eine Anzeige für einen Ausbildungsplatz zum Schäfer in Schleswig-Holstein, und auf einmal hatte seine Tierliebe ein Ziel.
Viele Eltern würden es wohl für einen Witz halten, wenn der Sohn während des Abiturs auf einmal sagt: „Ich werde Schäfer“. Aber die Eltern von Hannes Fischer müssen gewusst haben, dass ihr Sohn keine Witze macht. Dafür kannten sie ihn zu gut. „Meine Eltern haben mich in meinem Entschluss unterstützt“, betont der Lehrling. Dabei spielten Schafe in ihrem Alltag bisher keine Rolle. Die Mutter ist Architektin, der Vater arbeitet beim Deutschen Jugendherbergswerk.
Dass es ihn nun aber ausgerechnet von Bayern nach Brandenburg verschlagen würde, hätte Hannes Fischer vor zwei Jahren auch nicht gedacht. Die Liebe war es. Seine Freundin hat er während seines ersten Lehrjahres kennengelernt, sie war auch in der Ausbildung, aber schon etwas weiter. Nach ihrem Abschluss fand sie eine Stelle in einer Schäferei in Wriezen, in Märkisch Oderland. Pendeln zwischen Schleswig-Holstein und Brandenburg erschien den beiden zu lang, zumal man ja als Schäfer nicht gerade einen Nine-to-five-Job hat. Also suchte sich Hannes Fischer einen neuen Lehrbetrieb, in dem er seine Ausbildung fortsetzen könnte. So landete er am 6. Januar dieses Jahres bei Arno Laube.
Die Liebe zu einer Frau aus Berlin
Das mit der Liebe gefiel dem 72-Jährigen gleich. Die Liebe, die gehe eben manchmal durchs Schaf. Da war bei ihm schließlich nicht anders. Seine Frau, eine Berlinerin aus Weißensee, ist auch Schäferin. Irgendwann kreuzten sich ihre Wege. „Und wenn sich zwei Schäfer begegnen, dann hält man schon mal an und redet miteinander“, erzählt er. Die beiden wurden ein Paar und zogen fortan gemeinsam mit ihren Schafen übers Land. Jetzt macht er das wieder allein, weil seine Frau einen Schlaganfall hatte. Kinder haben die beiden nicht. Aber zum Glück ist ja nun Hannes Fischer da.
Arno Laube ist Wanderschäfer. Das heißt, er hat nur wenig Land, seine 500 Mutterschafe, acht Böcke sowie die Jährlinge und Lämmer würden von seinen eigenen Weiden nicht satt werden. Also zieht er von August bis Anfang April mit seinen Merinolandschafen und seinen Hunden über die Felder und Wiesen. Das hält ihn fit. Seine 72 Jahre sieht man ihm nicht an. Auf dem Papier ist er ja längst Rentner. Aber er hat keinen Nachfolger und so recht lassen kann er auch nicht von seinen Tieren.
Nur 30 Prozent seines Einkommens deckt Arno Laube über den Verkauf der Lämmer ab. An der Wolle verdient er nichts. „Ich bin froh, wenn ich nach der Schur und dem Verkauf der Wolle bei Null liege.“ Eigentlich absurd, findet er, schließlich würden alle den Wert nachwachsender Rohstoffe beschwören. Auf Schafswolle treffe das doch allemal zu. Den Rest seiner Kosten deckt er aus Subventionen – und mit seiner Rente ab. Ein ungesunder Zustand, sagt er. Begonnen habe der mit der Abschaffung der Mutterschafprämie 2005, bis dahin wurde jedes weibliche Schaf mit 21 Euro im Jahr gefördert. Heute werden nur die Betriebsflächen und die Landschaftspflege gefördert, der Wanderschäfer Arno Laube geht dabei weitgehend leer aus, weil er ja nur wenige eigene Flächen nutzt und seine Region kein Hochwassergebiet ist.
In der Folge hat sich der Bestand der Schafe deutlich reduziert. In Brandenburg gibt es heute noch 72.000 Schafe, im Jahr 2000 waren es noch 170.000. Die Zahl der Schafhalter ist zwar mit 4000 bis 5000 recht hoch, aber nur noch 79 von ihnen sind Haupterwerbsschäfer mit mehr als 300 Schafen. Die meisten halten sich ein paar Schafe zum Hobby oder einfach als Rasenmäher.
Nur noch halb so viele Schafe
Auch Arno Laube hatte zu seinen besten Zeiten noch 1500 Schafe, heute liegt er nicht einmal mehr bei der Hälfte. „Wer noch einen Schäfer bei der Arbeit sehen will, sollte sich ranhalten“, glaubt er, „der Beruf ist im freien Fall, vielleicht gibt in ein paar Jahren keine Schäfer mehr“. Dabei ist die Schäferei eine der ältesten Gewerbe überhaupt. Es müsse schon etwas passieren, um dies zu bewahren, mahnt Arno Laube, zumindest die Mutterschafprämie sollte es wieder geben.
Und zu allem Übel ist da noch der Wolf. Nach Schätzungen leben inzwischen bis zu 90 Wölfe in Brandenburg. 2013 sollen sie 42 Schafe gerissen haben. Arno Laube hatte bisher Glück, aber begegnet sei ihm der Wolf schon. „Am 7. Oktober 2007, um 17.30 Uhr“, das weiß er noch ganz genau. Plötzlich sei er da aus dem Raps gekommen. Gegen Wölfe habe Arno Laube nichts, „aber hier gehören sie nicht her“.
Doch trotz des Wolfes, trotz der düsteren Zukunftsaussichten hat sich Hannes Fischer nicht abbringen lassen von seiner Berufsentscheidung. „Dass ich als Schäfer nicht reich werden würde, war mir schon klar“, sagt er, aber vielleicht müsse man sich einfach etwas Neues ausdenken. So eine Art Schafstourismus vielleicht. Die Menschen, mögen Schafe. Insbesondere wenn die Lämmchen jetzt in der Osterzeit ihre ersten Bocksprünge machen, zieht es immer wieder Besucher in die Schäferei. Und das Bild des guten Hirten mit Hut, langem Mantel und Stock bedient bestens naturromantische Vorstellungen. Arno Laube ist nicht böse, wenn ihn Städter anschauen, als käme er aus einer anderen Welt, „aber nur für die Folklore sind wir ja auch nicht da.“ Schäfersein bedeutet vor allem harte Arbeit. Und das bei jedem Wetter. „Wer schnell friert, sollte lieber Bäcker werden“, empfiehlt Arno Laube, da sei es immer warm.
„Schafe sind viel klüger, als viele denken“
Gerade haben Laube und Fischer eine Gruppe Mutterschafe mit ihren Lämmern, die schon ein paar Tage alt sind, aus der Scheune auf die Weide gelassen. In der Mitte der Herde steht ein großer Bock, er hat keinen Namen, aber eine Nummer im Ohr: L 3878. Hannes Fischer verrät, dass der Bock wie er aus Bayern stammt. Die Lämmchen, die hier stehen, sind alle von ihm. Mit etwas stierem Blick scheint das Tier sein Werk zu begutachten, während Hannes Fischer ihm fast zärtlich auf den Hals klopft.
Der stiere Blick wird gern als Zeichen einer gewissen Einfalt interpretiert. Aber Schäfer und Lehrling schütteln den Kopf. „Schafe sind viel klüger, als viele denken“, kommt es fast wie aus einem Mund. Arno Laube widerspricht dem großen Zoologen Alfred Brehm, der sich mal sehr despektierlich über das Schaf geäußert hat: „Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich.“ Nein, so habe er die Schafe, in seinen 55 Berufsjahren nie erlebt. Sie würden sich zum Beispiel sehr gut daran erinnern, wo es gutes Essen gibt und dort würde es sie immer wieder hinziehen. In Schäferkreisen erzählt man sich gern die Geschichte von der hungrigen Herde aus Nordengland, der es vor ein paar Jahren gelungen war, einen Weiderost zu überwinden, um zu den üppig bepflanzten Gärten der Dorfbewohner zu kommen. Die Schafe legten sich auf die Seite oder sogar auf den Rücken und rutschten so einfach über das Gitter. Danach fraßen sie sich durch das Grün der Ortschaft.
Und noch etwas haben die Schafe, was sonst niemand hat: den berühmten goldenen Tritt. Was ein Schaf mit seinen kleinen Hufen, aber einem Körpergewicht von 80 bis 100 Kilo ausrichten könnte, würde keine Walze schaffen. Und durch ihren tiefen Biss würden sie zudem für eine lückenlose und feste Grasnarbe sorgen. In der Landschaftspflege haben die Tiere daher einen sehr guten Ruf, schließlich halten auch die Deiche, die von Schafen beweidet werden, dem Hochwasser besser stand. Doch wenn es immer weniger Schäfer gibt, können auch immer weniger Schafe diese Aufgaben erfüllen.
Hannes Fischer soll einmal die Schäferei übernehmen
Arno Laube legt daher große Hoffnung auf seinen Lehrling. Er könnte sich auch gut vorstellen, dass Hannes Fischer mal seine Schäferei übernimmt. Doch er ist auch realistisch: „Woher soll der junge Mann das Geld nehmen, um die Schafe zu bezahlen?“ Ein Leben als selbstständiger Schäfer in der heutigen Zeit, er weiß nicht, ob er das wirklich empfehlen soll. Auch wenn es für ihn selbst immer noch der schönste Beruf ist.
Auch Hannes Fischer kann sich im Moment nichts Anderes vorstellen. Die Selbstständigkeit, die Freiheit und auch dass er nicht dauernd reden muss – wo solle er das sonst finden? Nach der Ausbildung will er auf jeden Fall weiter als Schäfer arbeiten. Allerdings will er nicht unbedingt in Brandenburg bleiben. „Vielleicht gehe ich noch mal auf die Alm“. Die Berge, die würde er hier im Norden schon oft vermissen. Was er nicht vermisst, ist die Stadt. Erst eine einziges Mal ist er seit Januar in Berlin gewesen, um dort einen Freund zu besuchen. „Das reicht an Großstadt“, sagt er. Klar, manchmal müsse er hier schon raus, aber „immer wenn ich weg bin, weiß ich das Leben mit den Schafen hinterher noch viel mehr zu schätzen“.
Langweilig ist es Hannes Fischer jedenfalls noch nie geworden. Befürchtet hat er das anfangs schon, aber irgendein Schaf müsse man immer einfangen. Und manchmal kann er das alles auch einfach genießen. Er schaut in den Himmel, dann über seine blökende Herde. „So ein Tag, wo alles stimmt, das Wetter, die Tiere, ein schöner Sonnenuntergang, dann weiß ich, dass es richtig ist, was ich mache.“


