Ein schockierender Leichenfund in Mitte beschäftigt seit Sonntag die Polizei. In einer Wohnung eines Hochhauses an der Heinrich-Heine-Straße war offenbar bereits vor Monaten eine Frau gestorben, ohne dass es jemand bemerkt hat. Die Frau, bei der es sich vermutlich um die Mieterin handeln dürfte, starb möglicherweise an einer Krankheit oder bei einem Unfall im Haushalt. Der Leichnam wurde im Badezimmer entdeckt.
Erst am Sonntagabend gegen 21 Uhr wurde ein Bewohner des Mehrfamilienhauses stutzig, als er den Briefkasten seiner Nachbarin sah: Dieser quoll über mit Briefen und Werbung. Der Mann rief die Polizei, die kurz darauf an der Tür der verstorbenen Frau im fünften Stockwerk klingelte und hämmerte. Da niemand öffnete, vermuteten die alarmierte Beamten, die 62-jährige Mieterin könne verletzt und hilflos in ihrer Wohnung liegen.
Die Polizisten baten die Feuerwehr um Hilfe. Acht Einsatzkräfte rückten mit einem Löschfahrzeug und einem Rettungswagen an, um wenig später die Wohnungstür der Mieterin gewaltsam zu öffnen. In der Wohnung bot sich den Rettungskräften dann ein Bild des Grauens: Dort lag die tote Frau. Ihre Leiche war nach Polizeiangaben schon stark mumifiziert. „Sie muss schon lange Zeit tot gewesen sein“, so die Worte eines Sprechers.
Polizei schließt Fremdverschulden aus
Die Feuerwehrmänner zogen daraufhin wieder ab, da es nichts mehr für sie zu tun gab. Die Polizeibeamten leiteten ein Todesermittlungsverfahren ein. Die Leiche wurde noch am Abend abgeholt und ins Institut der Rechtsmedizin gebracht. Die Wohnung wurde versiegelt.
Wie lange die Frau tatsächlich tot in ihrer Wohnung gelegen hat, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen. Die Polizei geht nach ersten Untersuchungen der Leiche von einem Zeitraum von einigen Monaten aus. In den nächsten Tagen soll die Leiche obduziert werden, um den Todeszeitpunkt näher einzugrenzen und die genaue Todesursache aufzuklären. Fest steht bisher nur so viel: „Fremdverschulden können wir nach derzeitigem Ermittlungsstand ausschließen“ , so ein Sprecher der Polizei.
Unbeantwortete Fragen
Es bleiben weitere Fragen offen. Warum wurde die Abwesenheit der Frau nicht früher bemerkt? Gab es keine Verwandten oder Bekannten, die die Frau als vermisst hätten melden müssen? Auch das Verhalten der Anwohner wirft Fragen auf: Wie anonym muss eine Nachbarschaft sein, dass es Monate dauert, bis das Verschwinden eines Anwohners bemerkt wird. Unklar ist auch, warum dem Vermieter offenbar nichts auffiel. Vielleicht wurden Miete und Nebenkosten per Dauerauftrag einfach immer weiter überwiesen. Die Frau wurde 62 Jahre alt. Zu ihren persönlichen Verhältnissen und zum Zustand der Wohnung wollte die Polizei am Montag keine Angaben machen. „Wir sind noch auf der Suche nach Kontaktpersonen“, hieß es. Es erscheint derzeit schwer vorstellbar, dass dieser Fall jemals lückenlos aufgeklärt wird.
Dass eine tote Person so lange unentdeckt bleibt, passiert auch in einer Großstadt wie Berlin selten. Zuletzt war am 17. Februar eine stark verweste Leiche im Charlottenburger Volkspark Jungfernheide gefunden worden. Es handelte sich um einen Mann aus dem Obdachlosenmilieu, der einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Die Polizei geht anhand des Obduktionsbefundes davon aus, dass der Mann erschlagen und danach im Volkspark abgelegt und nahe der Autobahntrasse der A111 verscharrt worden war. Die Suche nach dem Täter durch die 6. Mordkommission dauert noch immer an.
Erst nach mehr als einem Monat konnte der Tote als Marek Banaszsyk identifiziert werden. Der arbeitslose 38-Jährige aus dem polnischen Gorzow war im Frühjahr 2013 nach Berlin gereist, seine Spur verlor sich im Obdachlosenmilieu. Angehörige des Mordopfers hatten im Januar in Polen eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Bis heute ist unklar, wann und weshalb der 38-Jährige getötet wurde.


