Gewalt an Schulen

Amokfalle Klassenzimmer – Firma bietet Sicherheitslösungen

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Katrin Starke

Foto: KRAUTHOEFER

Wie kann man Schüler und Lehrer effektiv vor Gewalt absichern? Eine Brandenburger Firma bietet jetzt Sicherheitslösungen mit Beratung und Technik. Doch die Schulen warten auf verbindliche Standards.

„Unsere Gegend ist ruhig. Da passiert so etwas nicht.“ Dieses Argument hat Lars Petermann schon oft gehört von Lehrern von Schulleitern, in Schulämtern. Den Amoklauf in Winnenden, bei dem im März vor fünf Jahren 15 Menschen starben, bevor sich der Täter selbst erschoss, hatten die Menschen in der idyllischen schwäbischen Kleinstadt auch nicht für möglich gehalten.

Das Drama von Winnenden hat auch den 46 Jahre alten Familienvater aufgeschreckt. Anfang 2013 gründete er deshalb mit Geschäftspartner Matthias Gundel in Nuthetal die Firma Syacon. Sie bietet Alarmierungs- und Ortungssysteme für Schulen an. „Technik und Aufklärung können im Fall des Falles Schlimmes verhindern“, ist der Brandenburger Sicherheitsexperte überzeugt. 100 Schulen hat Petermann mit seinem System bislang ausgerüstet. „Allerdings nur drei in Brandenburg – in Königs Wusterhausen, Herzberg und Cottbus, den Rest in Baden-Württemberg.“

Die Frage, die Petermann nach der Bluttat von Winnenden umtrieb: Wie kann man Schüler und Lehrer effektiv schützen? Bundesweit sprach er mit Schulträgern, Landeskriminalämtern, Versicherern, initiierte Umfragen unter Schülern und Pädagogen. „Es geht nicht nur um Amokläufe“, sagt Petermann. Aggressionen gehörten mittlerweile zum Schulalltag. Brenzlige Situationen gebe es schon an Grundschulen.

„Der Vater, dem das Sorgerecht entzogen wurde und der mit Gewalt seinen Nachwuchs von der Schule holt. Die Mutter, die mit der Benotung ihres Kindes unzufrieden ist und ihrer Wut bei der Lehrerin Luft macht. Ältere Schüler, die Probleme von zu Hause mit in die Schule bringen, hier Frust rauslassen“, nennt er Beispiele.

Beratung wichtig zur Vorbeugung

„Die Technik ist nur der zweite Schritt, der erste die Beratung“, betont Petermann, dessen Firma mit zehn Mitarbeitern in Rehbrücke ihren Sitz hat. Vor dem Unternehmer liegt ein grüner Kasten mit integriertem Knopf. Der Alarmmelder. Nicht rot wie beim Feueralarm, nicht gelb wie bei Chemieunfällen. „Es kommt auf die Details an“, betont er. „Alarmgeber müssen in jedem Klassenzimmer angebracht werden.“ Um Kosten zu sparen, würden manche Schulen einige wenige Melder lieber in den Flur hängen.

In Petermanns Augen fatal. „Ist der Täter noch nicht gefasst, hilft nur die Flucht ins Klassenzimmer, um sich dort zu verbarrikadieren. Was hilft dann ein einziger Melder im Sekretariat, wenn das womöglich noch nicht mal besetzt ist?“ Räume müssten von innen markiert werden. „Die Polizei hat Lagepläne mit Raumnummern. Mit dem Hinweis auf das Versteck im Matheraum kann kein Einsatzleiter etwas anfangen.“ Schüler im Kunstunterricht diese Markierungen selbst anbringen lassen, ermögliche den Umgang mit dem Thema und spare Kosten, ergänzt Geschäftspartner Gundel.

Die Firmenchefs haben sich auf die eher kleinen Schulbudgets in Brandenburg eingestellt. Spezielle Türgriffe, die nur von innen schnell ver- und entriegelt werden können, gehören zum Angebot. „Um Missbrauch zu verhindern, etwa den Lehrer auszusperren, lässt sich die Tür mit einem Schlüssel von außen öffnen.“ Technologien, die in der Praxis bestehen sollen. Bei der Entwicklung seien auch viele Anregungen der Pädagogen eingeflossen.

„Jedes Land agiert anders“

Das größte Problem aber, mit dem Schulen aktuell umgehen müssten: „Es fehlen bundeseinheitliche Regelungen. Angefangen von Vorgaben, welche Sicherheitssysteme die Bildungseinrichtungen installieren sollten, bis hin zu Verhaltensregeln“, kritisiert Petermann. „Bildung ist Ländersache. Und jedes Land agiert anders.“ Selbst die Polizei handele im Ernstfall teils verschieden. Die Folge: Schulen fühlten sich verunsichert.

„Es könnte ja sein, dass in einigen Jahren doch bundeseinheitliche Regelungen kommen und man in vermeintlich falsche Systeme investiert hat.“ Uneins seien sich auch die Hersteller, weiß Petermann. Immerhin: Der Zentralverband der Elektroindustrie arbeite an einer Norm. Baden-Württemberg unterstützt Schulträger, fördert den Einbau von Sicherheitstechnik. In Brandenburg gibt es – nicht zuletzt mangels entsprechender finanzieller Mittel – kein solches Förderprogramm. Das Bildungsministerium verweist stattdessen auf Notfallordner und Materialien zur Gewaltprävention.

An Potsdamer Schulen habe es in den vergangenen Jahren fünf Fälle von Gewaltandrohungen gegeben, erklärt Stadtsprecher Markus Klier. „Alle sind im Status der Androhung verblieben.“ Schon vor dem schwäbischen Amoklauf habe Potsdam hochsensibilisiert agiert. 2010 habe die Landeshauptstadt mit der Polizei konkrete Sicherheitssysteme für die Schulen geplant und umgesetzt. Basierend auch auf Erfahrungen aus den USA. „Wir haben uns den Austausch mit der Partnerstadt Sioux Falls zu Nutze gemacht“, sagt Klier. Fazit: 14 Potsdamer Schulen sind mit Gefahrenmeldeanlagen ausgestattet. Die Kosten für die Kommune belaufen sich pro Schule auf 30.000 bis 70.000 Euro. Weitere sechs Schulen – darunter zwei Grundschulen, und vier Gymnasien – erhalten aktuell Meldeanlagen. Die Ausstattung von vier weiteren Einrichtungen ist in Planung.

Mit Partner Gundel arbeitet Lars Petermann gerade an einem Prototypen, der den Sicht- und Gesprächskontakt zwischen Klassenzimmer und Polizei ermöglichen soll.