Reportage

Manga in Marzahn - Warum Cosplayer diese Maskerade tragen

Schön, oder? Diese Wesen mit Elfenohren, Langnasen und türkis gefärbten Haaren. Ihre Vorbilder sind Figuren aus Manga-Comics. Am Sonntag sind sie in Marzahn zu sehen.

Foto: Reto Klar

Cosplay. Das ist ein Kofferwort aus Costume und Play. Es meint nichts anderes als sich zu verkleiden. Und Cosplayer? Das sind diese bunten Figuren auf der Leipziger Buchmesse. Diese Wesen mit Hut und Schwert, die durch gefärbte Kontaktlinsen schauen. Mädchen in japanischen Schuluniformen und Jungs mit Elfenohren und Nylonhaar. Es sind die Kostümierten, die sich im Sommer jede Woche hinter dem Berliner Dom versammeln und von dem „Otaku Store“ in der Reinickendorfer Residenzstraße sowohl Textilien als auch Lesestoff beziehen. Cosplayer sind leidenschaftliche Fans von japanischen Comics. So leidenschaftlich, dass sie sich auf Veranstaltungen wie den Buchmessen oder am Sonntag auf dem japanischen Kirschblütenfest in den Marzahner Gärten der Welt als Comichelden verkleiden (Eisenacher Straße 99, 12685 Berlin). So weit, so einfach. Und doch sind Cosplayer vielen ein Rätsel. Warum die Maskerade?

Kaum ein Außenstehender weiß, dass Cosplayer vor allem Selbermacher sind. Viele sind Stammkunden im Baumarkt. Sie wissen, dass Styrodur ein weißer Schaumstoff aus Polystyrol ist, der herkömmlicherweise beim Hausbau als Dämmstoff eingesetzt wird, sich aber auch hervorragend dazu eignet, um ein leichtes Schwert aus ihm zu formen. Acrylfarbe und Kleister kaufen sie literweise. Und sie verzehren sich nach Worbla.

Die Wirtschaftsmathematik-Studentin Suika fährt mit dem Cursor über die Facebook-Seite der Nürnberger Cosplayerin Svetlana Quindt. Die Fotos beweisen: Gerade erst hat sie wieder eine neue Ladung Worbla bekommen. Ein Paket brauner Platten, die ab 90 Grad erhitzt zu Modelliermasse schmelzen, und pro Quadratmeter rund 50 Euro kosten. „Eines ihrer Kostüme wird mehrere hundert Euro allein an Worbla verschlingen“, schätzt Suika. Sie mag sich das nicht leisten. Sie bastelt sich ihre Manga-Verkleidungen aus Styrodur und Papierkaschur. Aber auf Facebook, da verfolgt sie, wie die mit fünf Heißluftpistolen bewaffnete Quindt ihr Worbla zu einem Harnisch, einer Beinschiene oder einem Brustpanzer föhnt und formt.

Brünettes langes Haar, Brille. Svetlana Quindt sieht gut aus, ist aber nicht weiter auffällig. In ihrem selbst gebauten Kostümen allerdings wird sie zur Worbla Wonder Woman, einer Figur, die sogar nach Singapur zum Internationalen Cosplay-Tag eingeladen wird. Einfach um dort herumzulaufen. Cosplay ist ein Hobby, von dem die gelernte IT-Systemelektronikerin Quindt leben kann. 86.546 Menschen auf Facebook gefällt das.

Seit zwei Jahren verkleidet sie sich als Mangafigur

Auch Suika aus Spandau bewundert das. Sie arbeitet ebenfalls in der IT-Branche. Ihr WG-Zimmer finanziert sich die 22-Jährige, indem sie Bürosoftware für Versicherungen programmiert. In ihrem Wohnzimmerregal stehen Fantasy-Romane. Cornelia Funkes Tintenherz hat sie gelesen. Auf der Tapete kleben Tetris-Steine als Wandtattoo. Mangas hat sie schon zu Schulzeiten gelesen. Seit zwei Jahren verkleidet sie sich jetzt auch als Mangafigur. Ihre Cosplay-Facebook-Seite unter ihrem Künstlernamen Suika hat bisher 26 Likes erhalten. Sie hofft, dass es nach dem Kirschblütenfest an diesem Sonntag noch ein paar mehr werden.

Der Begriff Cosplay stammt aus Japan. Die Idee, sich als Medienfigur zur verkleiden und sich mit anderen als Medienfigur Verkleideten zu treffen, allerdings stammt aus den USA. Den Star-Wars-Fans war der bloße Konsum ihres Krieg-der-Sterne-Kosmos noch nie genug. Sie trafen sich schon in den 1960er-Jahren zu Fan-Kongressen, genannt Conventions.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der japanische Comiczeichner Osamu Tezuka Geschichten rund um ansehnlichen Figuren mit großen Augen zu malen. Gerade die Augen sind ein typisches Mädchen-Manga-Merkmal. Tezuka schaute sie sich bei Walt Disney ab. Seine praktisch formatierten und einfach knickbaren Comic Heftchen wurden schnell populär. Einfach, weil sie sich in den stadteinwärts, stadtauswärts gefüllten Bahnen der japanischen Metropolen gut lesen ließen. Ihre Inhalte brachten Farbe in den Alltag. Als 1975 in Tokio der erste Comic-Markt stattfand, die „Komike“, erschienen viele der 700 Teilnehmer kostümiert. Schnell wuchsen die Teilnehmerzahlen auf die Hunderttausende an. Nach Deutschland kamen Manga und Cosplay in den Neunzigern mit dem Mädchen-Manga „Sailor Moon“. Die blonde Schülerin, die mit dem Mondstein in der Hand gegen das Böse kämpft, traf einen Nerv. Sie war anders als die amerikanischen, eher für Jungs konzipierten Comic-Helden. Sie war weiblich.

Der Mondsteinschülerin zu Ehren fand in München 1998 die „Neo Moon“ statt. Eine erste deutsche Manga-Messe. Fünf Jahre später bekam auch Berlin sein Pendant. Jeden Herbst trifft man sich im Fontane-Haus im Märkischen Viertel entweder zur „Mega Manga Con“ oder „Animaco“. Zuletzt mit rund 4500 Besuchern.

Sie singt alles von Pop bis Heavy Metal

Marie Schikorra ist 17 und besucht ein Internat in Dahlem. Sie hat sich ihre Haare türkis gefärbt, um Miku Hatsune ähnlicher zu sein. Hatsune ist das Comic-Maskottchen eines Computerprogramms. Mit Vocaloid kann man künstlichen Gesang erzeugen. Hatsunes Stimme war am populärsten. Heute gibt das virtuelle Maskottchen auch Konzerte. Mehr als 100.000 Lieder gehören zu ihren Repertoire. Sie singt alles von Pop bis Heavy Metal. Müde wird sie niemals, sie ist ja nicht echt. „Als Miku Hatsune verkleidet fühle ich mich nicht besser“, sagt Marie Schikorra: „Aber anders.“

Kaspar Wolf studiert Soziologie und wohnt mit Freunden in einer Marzahner Platte. Auf sauerkirschroten Pumps läuft er heute durch die Gärten der Welt. Warum er sich als Madoka Kaname, ein pink haariges Schulmädchen, das im Laufe der Comic Serie „Puella Magi Madoka Magica“ zu einer gefährlich lebenden Magierin wird, verkleidet? „Weil ich auffallen will. Und weil es Spaß macht. Ich studiere und ich arbeite. Cosplay ist der schrille Ausbruch aus meinen spießigen Leben.“ In der Otaku-Szene, so nennen sich die Manga und Cosplay-Fans, fühle der 20-Jährige sich wohl. „Das ist eine wunderbar tolerante Gemeinschaft.“

Simone Nauendorf aus Neukölln ist Grafikerin und 28 Jahre alt. Sie sagt, Cosplay erweitere ihr Jahr um weitere Feiertage. Die Manga-Conventions sind ihre Möglichkeit, sich kreativ zu verkleiden. Simone ist keine Jugendliche mehr. Sie war nie Teil einer Jugendbewegung, und sie wollte es auch nicht sein. Aber als sie im vergangenen Jahr mit einer Freundin die Berliner Mega Manga Con besuchte, hat es sie gepackt. Mangas erinnern sie an die späten Neunziger. An die Zeit, als sie elf, zwölf, dreizehn war, als Sailor Moon und Dragonball im Fernsehen liefen, und man Tekken und Tomb Raider auf der Playstation zockte. „Damals hatten die Trickserien noch eine Botschaft, und auch die Spiele waren noch schöner, detailverliebter gestaltet.“ Sechs Spielekonsolen besitzt sie gemeinsam mit ihrem Mann. Eine Playstation 4 oder Nintendo Wii U sind nicht dabei. Sie spielt Final Fantasy, Super Mario Brothers, Sonic – die Klassiker aus den Neunzigern.

Als Lara Croft zur Computerspielemesse

Die diesjährige Computerspielemesse „Games Com“ in Köln will sie als Lara Croft besuchen. Auf der letzten Mega Manga Con war sie als Ling Xiaoyou unterwegs. Ein Kampfmädchen aus der Tekken-Spielreihe in Schuluniform. Als Simone jugendlich war, gab es kein Cosplay in Berlin. „Ich bin in Neukölln zur Schule gegangen, da gab es noch nicht mal Karneval.“

Andreas Grieger hat nicht viel Zeit. Gleich beginnt seine Nachtschicht im Grand Hyatt am Potsdamer Platz. Eigentlich erwartet der 20-jährige Azubi eine ruhige Schicht, denn meist wird nachts nicht mehr bestellt als ein Burger. Aber dann ist er eben auch der einzige in der Küche, und wenn sich eine ganze Gruppe an der Bar für Burger entscheidet, muss er acht Burger auf einmal braten und trotzdem das Schnitzel für die Tageskarte vorklopfen. Aber noch steht Grieger in seinem Flur am Charlottenburger Mierendorffplatz und trägt einen blassblauen, hautengen Ganzkörperanzug. Seine Füße stecken in dunkelblauen Adiletten, auf seinem Kopf thront eine Kosakenmütze. Eine Maske mit Sägeschnauze verdeckt sein Gesicht. Er ist jetzt Arlong, halb Langnasen-Sägehai, halb Mensch. Eine Figur aus der japanischen Erfolgs-Mangaserie „One Piece“, des Mangakas Eiichiro Oda. Mit mehr als 300 Millionen Exemplaren ist sie die meistverkaufte Manga-Serie der Welt.

Jedes Jahr werden in Japan mehrere Hundert Millionen Dollar mit Mangas und ihren zugehörigen Merchandising umgesetzt. Längst hat die japanische Regierung den Manga als Soft Power entdeckt, als Mittel, um ein cooles Image von Japan zu verbreiten, das den Tourismus fördert. Denn wer heute Japan besucht, der kommt nicht mehr nur wegen der Tempel, der kommt, weil Japan das Manga-Mekka ist. Das Finale der World Cosplay-Meisterschaften gewinnt, wer seinen Comichelden am besten imitiert. Es findet alljährlich in Nagoya statt. Einer Stadt zwischen Tokio, Kyoto und Osaka. Die Meisterschaft soll für alle erreichbar sein. Brasilien, Deutschland, Thailand. 20 Nationen nehmen aktuell an den Wettkämpfen statt.

Christliche Engel in buddhistischen Tempeln

Warum sind die Comics so beliebt? Philologen wie der Frankfurter Bernd Dolle-Weinkauff, glauben, es liege daran, dass Mangas von vornherein keine japanspezifischen, sondern eher globalisierte Produkte sind. In der Reihe „Angel Sanctuary“ treten christliche Engel in buddhistischen Tempeln auf. In Kaori Yukis „Cruel Fairytale“ werden Elemente aus Grimms Märchen verarbeitet. Die Inhalte der populären Mädchen-Manga sind Liebe und Identitätssuche.

Andreas Grieger, der junge Azubi, nimmt seine Maske ab. Dunkelblondes Haar, ein nettes, freundliches Gesicht. Cosplay sei ein Hobby, das er zeitlich gut neben seiner Ausbildung ausüben kann. Um Zeit zu sparen und Frust zu vermeiden, lässt er sich seine Kostüme bauen. Nicht von irgendwem, sondern von einem Bühnenbilder, der auch bei Madame Tussauds an den Wachspuppen feilt. 700 Euro hat ihn die Langnasen-Sägehai-Maske gekostet. Ein Cosplay beginnt für Andreas Grieger, sobald er seine Wohnung verlässt. Denn er zieht seine Kostüme gleich an, beim Transport, so befürchtet er, könnten sie kaputt gehen. Als Son Goku verkleidet – das ist der Sympathieträger der Serie Dragonball, ein etwas weltfremder, schwarzhaariger Wuschelkopf im orangen Kampfanzug – saß er sogar mal im Flugzeug. „Der 1. FC Köln saß mit mir im Flieger, aber mich haben mehr Menschen angeguckt.“

Das bringt ihn auf eine Idee. „Ich habe auch ein Horst-Schlämmer- Kostüm.“ Eine Herrenhandtasche, eine Perücke, eine Stimmenimitation – und aus dem Koch-Azubi wird Hape Kerkelings Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblattes. Dass Horst Schlämmer auch Cosplay sein kann, ist Beweis genug, dass die Kostümiererei nicht japanspezifisch ist. Mehr noch, dass Cosplay eigentlich wie Karneval ist, nur ohne die schlimme Musik, die Umzüge, die alkoholischen Exzesse. Hier geht es nicht närrisch zu, hier ist man nur vernarrt. Cosplay ist Karneval ohne Aschermittwoch.