Fatima erinnert sich noch genau an den Moment, als Sven auf einmal vor ihr stand und sagte: „Ich bin Moslem geworden.“ 33 Jahre ist das her. Sven war etwas später nach Hause gekommen, ein weißes Tuch hatte er um seinen Kopf gebunden, es war etwas verrutscht. Darunter wie immer Parka und Jeans. Sie starrte ihren Freund an: „Wie meinste das denn jetzt?“ Machte er Witze? Nein, so sah er nicht aus. Aus Sven war an diesem Nachmittag Abdurrahram geworden, Diener des barmherzigen Gottes.
Einige Monate später wurde auch aus der Katholikin Edith die Muslimin Fatima. Sie sagt heute: „Ich habe das Gefühl, stärker vom Glauben erfüllt zu sein als früher“. Die Rituale, das regelmäßige Gebet, all das bringt sie ihrem Gott näher. Im Islam sei vieles klarer als im Christentum. „Hier gibt es nur Allah, aber an wen soll man als Christ glauben – Gottes Sohn, Gott Vater, den heiligen Geist?“
Fatima hat wasserblaue Augen und einen hellen Teint. Ihre Haare sind durch ein schlichtes Tuch bedeckt. Nur zu Hause nimmt sie das Tuch ab. Sie ist heute 53 Jahre alt und besucht regelmäßig am Wochenende mit ihrer 30 Jahre alten Tochter Kadriye das Sufi-Zentrum in Neukölln. Hier fallen die beiden Deutschen mit ihren Kopftüchern und Tuniken nicht auf.
Viele Deutsche kommen ins Sufi-Zentrum, selbst wenn sie keine Muslime sind. Vor allem zur Meditation am Sonnabend ist es immer voll in der Altbauwohnung. Fatima erfüllt die Meditation mit Ruhe, sie gibt ihr Kraft. Sufismus ist eine spirituelle orientierte Ausrichtung des Islam. Die Sufis suchen vor allem Wahrhaftigkeit in ihrem eigenen Leben und Harmonie zu Gott. Die Meditation hat dabei einen großen Stellenwert. Der Glaube zum Islam strukturiert das Leben von Fatima und Kadriye. Die Mutter hat ihn für sich gewählt, die Tochter ist in den Glauben hineingewachsen.
Immer mehr Deutsche konvertieren zum Islam – trotz des großen Misstrauens, das Muslimen heute durch Fundamentalisten, Gewalttaten im Namen Allahs oder Zwangsehen entgegengebracht wird.„Wenn Christen zum Islam konvertieren, gibt es große Skepsis. Die Menschen sind viel offener, wenn jemand zum Buddhismus wechselt“, hat Fatima festgestellt. Nach Schätzungen werden jedes Jahr etwa 4000 Deutsche zu Muslimen. Früher waren es vor allem Frauen, die ihrem islamischen Partner im Glauben folgen wollten, heute entscheiden sich viele Deutsche für den Islam, weil sie ihrem Leben einen tieferen Sinn geben wollen. Besonders in Zeiten großer Orientierungslosigkeit suchen sie nach klaren Antworten und Struktur in ihrem Leben.
Auf ein Zeichen gewartet
Die Suche nach Klarheit, nach Halt, nach dem Sinn des Lebens war es auch, die Sven zum Muslimen werden ließ. Doch zunächst suchte er in Berlin erst einmal die große Freiheit. Edith und Sven waren Anfang der 80er-Jahre ein typisches Paar in Kreuzberg. Er war als Bundeswehrflüchtling mit einem Freund aus einer hessischen Kleinstadt nach Berlin gekommen, sie wollte raus aus ihrem Dorf bei Trier. Er war in der Hausbesetzerszene aktiv, ging auf Demos, war anarchistisch angehaucht. Beide hangelten sich von Job zu Job, lebten in den Tag hinein. Einen Alltag kannten sie kaum. Sie genossen die Freiheit.
Svens Mutter war evangelisch, sein Vater katholisch, er durfte selbst entscheiden und wurde Atheist. Mit dem Islam hatte er in seiner hessischen Heimat keine Berührung. In Berlin war das anders. Edith wusste, dass ihr Freund viele Kontakte zu Muslimen hatte. Oft ging er in ein türkisches Café am Heinrichplatz. Dann war da diese Demo, die alles veränderte. Sven war mit seinem Freund aus Hessen dort. Demonstration in Kreuzberg, das bedeutete in den 80er-Jahren Ausnahmezustand, Eskalation, Gewalt. Sven erzählte später, sein Freund sei in den Fokus eines Wasserwerfers geraten, er wurde vor einen Bus getrieben. Der Freund wurde überfahren, starb zwischen den Demonstranten. Trost fand Sven danach bei seinen islamischen Freunden. Kurz danach konvertierte er. Eine einfache Zeremonie: Er hatte vor zwei Muslimen die Schahada, das Glaubensbekenntnis des Islam, gesprochen.
Fatima sagt heute: „Wenn man einen Menschen liebt und ihm vertraut, dann bleibt man bei ihm, auch wenn er einen Schritt macht, den man erst nicht versteht.“ Den Namen Abdurrahram brachte sie lange nicht über ihre Lippen, aber sie hörte ihm zu. Er habe sie nicht bedrängt, betont Fatima, das entsprach nicht seinem Naturell.
Der Alltag der beiden änderte sich auf einen Schlag. „Er hatte immer gern ausgeschlafen, auf einmal stand er morgens in der Früh auf, um zu beten“. Das war ihr fremd, und es faszinierte sie zugleich, weil sie sah, welche Ruhe und Wärme ihr Freund dabei ausstrahlte. „Ihm einfach in den Islam folgen, das war für die damals 20-Jährige aber zunächst unvorstellbar. „Ich war gläubige Katholikin“, erklärt sie, „jeden Abend vor dem Einschlafen habe ich zu Gott gebetet“. Trotzdem hat sie sich nun mit dem Islam auseinander gesetzt, viel im Koran gelesen. „Ich habe damals Gott um Rat gefragt, was ich tun soll“, erzählt sie. Schon immer war sie auf der Suche nach Zeichen. „Als Kind habe ich Gott herausgefordert mit Mutproben: Ich bin zum Beispiel auf eine Mauer geklettert und habe mir gesagt: Wenn ich herunterspringe und mir nicht wehtue, dann durch den Schutz Gott.“ Sie wollte spüren, ob Gott existiert. Sie tat sich nie weh bei solchen Aktionen.
Der Traum vom Weltuntergang
Nach Svens Konversion hatte sie einen Traum: Es war Weltuntergang, sie trieb allein auf einer Scholle in der Sintflut. Da sah sie in der Ferne eine andere Scholle, auf der weißgewandete Menschen sich festhielten, umgeben von einem hellen Licht. Sie sah ihren Freund unter den Menschen und wollte zu ihm. Schweißgebadet wachte sie auf. Der Traum ließ sie nicht mehr los, er war ein Zeichen für sie.
Geheiratet haben die beiden noch als Edith und Abdurrahram, sie katholisch, er muslimisch. Es war wieder ein Zeichen, das für sie drei Monate später den Ausschlag gab zu konvertieren: Sie hatte damals eine Hautkrankheit, kein Mittel half, die Ärzte waren ratlos. Wieder hat sie Zwiesprache mit Gott gehalten: „Wenn du mich heilst, dann werde ich Muslima“. Die Krankheit heilte tatsächlich ohne Behandlung und so wurde aus Edith Fatima.
Ein bisschen hatte das alles auch etwas von einem Abenteuer. Die regelmäßigen Gebete, die langen Gewänder, das Essen, alles war neu. Viele Freunde machten sich lustig über sie: „Musst du dich jetzt immer in Richtung Mekka drehen?“ fragten sie. Mit den neuen Namen wurden Fatima und Abdurrahram die Exoten im Freundeskreis. Manche Freundschaft ist daran zerbrochen. Als sich Fatima und Abdurrahram später trennten und Fatima nun eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern war, haben viele der früheren Freunde gehofft: „Ah, jetzt wird sie wieder vernünftig“ und meinten damit, nun würde aus Fatima wieder Edith werden und den „Quatsch“ mit dem Islam lassen. Aber sie ließ es nicht. Sie hat ihre Kinder großgezogen, eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, ein zweites Mal geheiratet, wie viele andere deutsche Frauen. Und sie ist Muslimin geblieben.
Zur Strafe in die „Ausländerklasse“
Am schwierigsten war es damals für Fatimas Eltern, den Glauben ihrer Tochter zu akzeptieren. Die Reaktion des Vaters: „Kind, du kannst von mir aus Nonne werden, aber nicht Muslimin.“ Der Islam, das war für ihn „der Glauben der Ausländer“. Als Fatima schwanger in ihr Heimatdorf fuhr, mit Kopftuch, waren die Eltern geschockt. Der Vater war Schreiner vom Dorf, jeder kannte ihn. Er schämte sich für seine muslimische Tochter, er konnte sie erst nicht verstehen. Ein paar Jahr hatten sie nur wenig Kontakt. Doch am Ende war der Vater sogar stolz auf seine Tochter, weil sie ihre Gebete ernster nehme als so mancher Christ.
Fatima und Abdurrahram bekamen eine Tochter. Blond war sie, mit noch helleren Augen als ihre Mutter. Sie nannten sie Kadriye, die Wertvolle und Stolze. Kadriye wuchs ganz selbstverständlich im islamischen Glauben auf, aber ihr Umfeld sah darin überhaupt keine Selbstverständlichkeit. „Von Anfang an haben mich Fragen begleitet“, erzählt die 29-Jährige, die sich helle Tücher zu einem kunstvollen Turban um ihren Kopf gewickelt hat. Deutsche fragten nach ihrem Vornamen, türkische Freunde fragten sie später nach ihrem deutschen Nachnamen. Ein Polizist fragte sie sogar mal bei einer Verkehrskontrolle, ob ihre Kopfbedeckung Mode sei.
Vor allem aber wird Kadriye nach ihrem Glauben gefragt. Das sei doch ein brutaler Glauben, sagen ihr viele Menschen. Aber sie antwortet: „Das stimmt nicht, wenn man nach dem Koran lebt, dürfte man keiner Fliege etwas zuleide tun.“ Natürlich weiß sie, was alles im Namen Allahs geschieht, natürlich verurteilt sie Unterdrückung und Gewalt, aber das alles hat für sie nichts mit Glauben zu tun. „Es zerquetscht mir das Herz, wenn ich neben so einem Hardliner sitze“. Kadriyes Beruf ist Krankenpflegerin, aber ihre Berufung sieht sie darin, immer wieder Brücken zu bauen, zwischen den Kulturen, zwischen den Religionen, selbst zwischen ihren deutschen und türkischen Freunden. Viel hat sie auch mit ihrem Vater über den Islam und seinen Weg dorthin gesprochen. Vor einem Jahr ist er gestorben, aber in Gedanken hält sie noch oft Zwiesprache mit ihm.
Eine Lehrerin war empört über das Kopftuch
Aufgewachsen ist Kadriye in Neukölln, heute lebt sie mit ihrem türkischen Mann und ihren zwei Kindern in Kreuzberg. Bezirke, in denen das Nebeneinander verschiedener Kulturen seit Jahrzehnten selbstverständlich ist. Doch eine Deutsche, die Muslimin wird, ist hier auch heute noch selten. Kadriye hat das schon in der Vorschule erlebt. Hier gab es eine Klasse mit vorwiegend deutschen Kindern, in der anderen Klasse saßen vor allem Kinder mit Migrationshintergrund. Kadriye war in der deutschen Klasse. Eines Morgens wickelte sich das blonde Mädchen ein Tuch um den Kopf. „Ich wollte aussehen wie Mama“, erinnert sie sich. Ihre Mutter hielt das für keine gute Idee, aber Kadriye ließ sich nicht abbringen.
Die Lehrerin empörte sich: „Mach das Tuch ab, so kommst du nicht in meine Klasse. Du bist eine Deutsche, die tragen kein Kopftuch“. Kadriye verstand nicht: Ihre Mutter war auch Deutsche und trug ein Kopftuch. Bis zu diesem Tag gehörte Kadriye zu den Lieblingen der Lehrerin. Aber jetzt weigerte sie sich das Tuch abzunehmen. Zur Strafe musste die Fünfjährige zwei Tage in die „Ausländerklasse“.
Es war für Kadriye der Beginn, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Auch wenn sie während ihrer Jugend jahrelang kein Kopftuch trug und nur selten gebetet hat. Ihre Mutter habe sie zu nichts gedrängt, sagt sie. Toleranz, auch das gehört zu ihrem Glauben. Fatima sagt, wenn ihre Tochter einen anderen religiösen Weg gegangen wäre, hätte sie das mitgetragen. Glauben, sagt sie, sei doch vor allem dazu da, dass die Menschen ihren Seelenfrieden finden. Fatima und Kadriye haben ihn im Islam gefunden.



